Die 68er-Bewegung in Frankreich - was ist bis jetzt passiert?

Veröffentlicht am: in der Kategorie: Studium

Die 68er-Bewegung in Frankreich - was ist bis jetzt passiert?

"Die 68er-Bewegung in Frankreich " Romanische Literaturwissenschaft - Hispanistik und französische Literatur
Vierzig Jahre danach ist der „Mai 68“ in der Öffentlichkeit so präsent wie kaum zuvor, wenn auch in ganz unterschiedlicher, ja widersprüchlicher Weise: Im Präsidentschaftswahlkampf 2007 verbindet Nicolas Sarkozy die von ihm angekündigte neokonservative Wende mit dem Versprechen, das ideologische Erbe der 68er „ein für allemal zu liquidieren“; die Massenmedien beschwören scheinbar unbefangen die Sehnsucht nach einer „wilden Zeit“ und einem vergangenen „Lebensgefühl“; die in die Jahre gekommene Generation der Zeitzeugen meldet sich mit autobiographisch gefärbten Büchern und Filmen zu Wort, um ihrer Sicht der Dinge Geltung zu verschaffen, wobei je nach Temperament Nostalgie, Selbstkritik, Rechtfertigung oder Abrechnung vorherrschen; und das „Ereignis selbst“ ist in seinen politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und ästhetischen Dimensionen längst Gegenstand wissenschaftlicher Beschäftigung geworden, einer Beschäftigung, die mittlerweile ihre eigene (noch zu schreibende) Geschichte hervorgebracht hat.

Der „Mai 68“ markiert im Gedächtnis der France métropolitaine und weit darüber hinaus einen einschneidenden Wendepunkt für die Wahrnehmung der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte. „1968“ steht als Chiffre für den Abschied von „verkrusteten“ Verhältnissen und den antibürgerlichen Schritt in eine neue und gerechtere Welt.


Das Imaginäre, Schöpferische erhält in diesem Kontext vitale Bedeutung, getreu dem Motto: „La fantaisie au pouvoir“. Kunst- und Gesellschaftsverständnis sind dabei grundsätzlich antikonformistisch orientiert, Antinormativität wird zur neuen Norm („Interdit dÂ’interdire“). Der Aufbruch in eine offenere Zivilität, praktiziert in neuen intellektuellen und künstlerischen Gemeinschaften, mündet allerdings auch in eine besondere Gewaltsamkeit und Radikalität innerhalb der bis dato ruhigen, „privatistischen“ Gesellschaften, eine Radikalität, die sich kontrovers in der Kunst sowie in Diskussionen rund um das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft niederschlägt. Die Opposition gegen Zwänge, zunächst im Bildungswesen, dann in der Arbeitswelt und dem Parteiensystem, schließlich im „System“ als Autorität schlechthin („Il faut tuer le père“) wird angetrieben von Filmen, Texten, Installationen, Liedern etc., die konkrete politische Ziele verfolgen und gleichzeitig das Politische subversiv und provokativ sublimieren wollen. Die Avantgarde liefert ideologische und ästhetische Impulse für künstlerische Formen, die sich nicht nur gegen den Kanon, gegen alles Elitäre und Festgefügte richten, sondern auch neue intermediale Bündnisse generieren und sowohl in symbolischen Formen als auch in der Verbindung von „Leben und Kunst“, „Wort und Tat“ die Grenzen zwischen Gesellschaft und Kunst aufbrechen wollen.


Das Seminar verfolgt ein doppeltes Ziel: Mit einem gleichsam „archäologischen“ Interesse soll erstens ein Blick auf die unterschiedlichen Manifestationen der „kulturellen Formation 68“ und ihre unmittelbare Vor- und Nachgeschichte in verschiedenen Medien (v.a. Literatur und Film) geworfen werden. Zweitens soll der wachsende zeitliche Abstand selbst zum Thema werden, und zwar insofern er Anlass zu der Frage gibt, welche unterschiedlichen medialen Darstellungen, Sichtweisen und Bewertungen der „Mai 68“ als historisches Ereignis, Mythos und Chiffre bis heute erfahren hat und aktuell erfährt. Zu den behandelten neueren Filmen gehören u.a. Bernardo Bertoluccis The Dreamers (2003) und Philippe Garrels Les amants réguliers (2004), zu den Texten Michel Houellebecqs Bestseller-Skandalbuch Les particules élémentaires (1998) und Olivier Rolins autobiographisch gefärbter Roman Tigre en papier (2002). Das komplette Programm wird in der ersten Sitzung vorgestellt. Eigene Themenvorschläge im Vorfeld sind willkommen.


Literatur zu diesem Thema: Michel Houellebecq, Les particules élémentaires, Paris: Flammarion, 1998 u.ö. (dt. Elementarteilchen, Hamburg: Rowohlt, 2006); Olivier Rolin, Tigre en papier, Paris: Seuil, 2002 (dt. Die Papiertiger von Paris, München: Blessing, 2003). Eine knappe Einführung in die 68er-Thematik bietet der Band Die 68er Bewegung. Deutschland, Westeuropa, USA der Historikerin Ingrid Gilcher-Holtey (München: Beck, 2005, € 7,90). Zur atmosphärischen Einstimmung: Cees Nooteboom, Paris, Mai 1968, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003.