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Als methodische Grundlage für die Entwicklung des Sifa-Portfolios wurde auf Grund seiner Eignung der Design Thinking Ansatz gewählt. Design Thinking ist ein iterativer und rekursiver Problemlösungsansatz der von Winograd, Leifer und Kelley entwickelt wurde, und am Hasso-Plattner-Institut sowohl gelehrt als auch praktiziert wird (Hasso-Plattner-Institut 2016).

Ursprünglich basierte das Design Thinking auf vier Schritten: 1. Beobachtung, 2. Ideengenerierung, 3. Erstellung von Prototypen, 4. Durchführung von Tests (vgl. Norman D. 2013, S. 222). Die Methode wurde weiterentwickelt und erreichte ihre Reife indem der erste Schritt, die Beobachtung, in 1. Verstehen, 2. Beobachten respektive Forschen, und 3. Position annehmen respektive Resultate interpretieren, unterteilt wurde (vgl. Gabrysiak et al. 2011, S. 220).

Fazit: Im Kapitel 4.4 wird die Design Thinking Methode vorgestellt. Eine erläuterung zum Einsatz in der Praxis bei der Konzeption von Lösungen oder Entwurf von Applikationen beginnt diesen Abschnitt. Im weiteren Verlauf werden die einzelnen Phasen des Design Thinking Prozesses präsentiert.

Eigenschaften von Design Thinking Methode in Bezug auf Einsatz in der Praxis

Design Thinking ist als eine Vorgehensweise zur Problemlösung entstanden, die auf dem Grundgedanken des Designprozesses basiert, der von Norman als „The Double-Diamond Model of Design" bezeichnet wird (Norman 2013, S. 220). Der Prozess der Lösungsfindung wird dabei in zwei Sektionen aufgeteilt. Zum einen wird die Problemsektion definiert, zum anderen die Lösungssektion. Die beiden Bereiche können auch als Problemraum und Lösungsraum umschrieben werden. Der Problemraum wird zu beginn divergiert, um das richtige respektive das tatsächliche Problem, das gelöst werden soll, zu ermitteln. Im Prozess dieser Divergenz, wir der Problemraum ausgeweitet, um potenzielle Alternativen berücksichtigen zu können. Im weiteren Verlauf findet eine Konvergenz des Problemraumes statt, um aus dem erweiterten Raum der Alternativen die korrekten Kandidaten zu identifizieren. Nachdem aus dem Problemraum ein konkretes, zu lösendes Problem identifiziert wurde, wird die zweite Phase eingeleitet. Diese findet im Lösungsraum statt, der analog - zuerst divergiert bzw. ausgeweitet wird, um die Anzahl der Lösungsalternativen zu erhöhen, damit später im Züge der Konvergenz bzw. der Verengung des Lösungsraumes, die passende Lösung ermittelt werden kann (vgl. Norman 2013, S. 217 - 220).

Der von Norman vorgeschlagene doppelte Diamant des Designs weist eine Schnittmenge mit dem Ansatz, der von Leifer als „der Tanz mit der Ambiguität" genannt wird. Bei dieser Ambiguität handelt es sich um aufeinanderprallende Welten der Analyse und des Designs. Leifer beschreibt den Prozess der Analyse als einen Mechanismus der Dekomposition und des Auseinandernehmens. Ein Sachverhalt wird in Einzelteile zerlegt, um verstehen zu können, woraus er besteht und wie die Bestandteile miteinander zusammenhängen.

Das Design wiederum wird als Mechanismus der Synthese und des Zusammenfügens genannt. Die analysierten und verstandenen Bestandteile werden im Designprozess in eine neue Einheit zusammengefügt. Da dieser Prozess immer kontextabhängig ist, existiert keine „eine Designlösung" die auf alle Probleme übertragen werden kann. Der Prozess soll nicht nur mit Berücksichtigung, sondern unter aktiver Miteinbeziehung des Kontextes gestaltet werden (vgl. Leifer 2012, 1:20 Video).

Design Thinking wurde für diese Arbeit als geeignete Methode gewählt, weil es praxisbezogen ist, den Kontext der Nutzer mitberücksichtigt und iterative Verbesserungen ermöglicht.

Praxisbezug

Die Weiterbildung von Sifas ist ein an die Praxis eng gebundener Vorgang, der mit der praktischen Ausübung des Berufes teilweise verflochten ist und dadurch die berufliche Praxis unmittelbar beeinflusst. Design Thinking ist ein theoretischer Ansatz, der aus der Praxis resultiert. Die Methode ist im Züge der analytischen Dekomposition der Vorgänge die in der Praxis stattfinden, und der designorientierten Synthese der Lösungselemente, die für die Praxis geeignet sind, entwickelt worden.

Kontextabhängigkeit

Beim Entwurf des Weiterbildungskonzepts für Sifas handelt es sich um einen Prozess, bei dem der Kontext der Fachkräfte für Arbeitssicherheit berücksichtigt wird. Hierzu zählen die Informationen über den Sifa-Lehrgang und die Rechtliche Grundlage, die Ergebnisse der Literaturrecherche, die Ergebnisse der Umfrage die unter Sifas im Sommer 2015 durchgeführt wurde, der Trendmonitor der aus den Beiträgen der Sifa-Community entwickelt wurde sowie schließlich die Interviews, die mit Sifas durchgeführt wurden. Diese Vorgänge werden im Kapitel 5.1 bei der Anforderungsanalyse detailliert adressiert.

Rekursivität

Nutzerzentrierte Entwicklung ist ein Prozess, der auf Implementierung von Veränderungen, die sich während des Entwicklungsweges manifestieren, angewiesen ist. Die Bedingungen können sich in den späteren Stufen des Prozesses ändern, was einen Einfluss auf die früheren Entwicklungsphasen haben kann. Diese Rekursivität, die in anderen Softwaredesign Prozessen wie beispielsweise Wasserfallmodell nicht vorhanden ist, ermöglicht ein kontinuierliches Lernen und verhindert, dass womöglich falsch getroffene Entscheidungen zu Beginn der Entwicklung mit allen Konsequenzen, bis zum Ende des Prozesses fortgeführt werden.

Design Thinking Prozess

Im Folgenden werden die einzelnen Phasen des Design Thinking Prozesses vorgestellt. Die ersten drei Schritte „Verstehen, Beobachten und Position annehmen dienen der Ermittlung der Anforderungen, die an ein wirksames Weiterbildungskonzept für Sifas gestellt werden.

Verstehen

Im ersten Schritt des Design Thinking Prozesses werden die Grundinformationen über die Nutzergruppe und deren Handlungskontext gesammelt, um einen Einblick in die Abläufe und Charakteristika der Anwender zu gewinnen. Die Informationen, die dieser Phase angehören, setzen sich zusammen aus den Beschreibungen der Sifa-Lehrgänge, der Dokumentation der Sifa-Langzeitstudie und der Analyse der Literatur zum Thema Arbeitssicherheit. Diese Quellen wurden im Kapitel 4.2 vorgestellt. Eine weitere Informationsquelle, die innerhalb dieser Phase relevante Einblicke in die Sifa-Weiterbildung gewährt und das Verständnis für die Sifa-Tätigkeit ermöglicht, ist die Sifa Online-Umfrage. Diese wird im Kapitel 5.1 detailliert ausgewertet.

Beobachten

Nachdem ausreichend Hintergrundinformationen über die Nutzer und den Kontext, in dem sie tätig sind, zusammengetragen wurden, handelt es sich im zweiten Schritt um das Verständnis der täglichen Routine, um mögliche Problemquellen aufzudecken. Wird beispielsweise ein Produkt für eine Zielgruppe entwickelt, empfiehlt es sich zu beobachten wie die Nutzer ihre Tägliche Routine absolvieren und wie sie mit auftretenden Schwierigkeiten und Problemen umgehen (vgl. Wulf et al. 2011). Die Beobachtung hat den Vorteil, dass sie Dokumentation von unbewusst bzw. routiniert ausgeführten Arbeitsschritten ermöglicht, die nur selten von den Nutzern in einem Interview artikuliert werden können. Tätigkeiten, die tag täglich ausgeführt werden müssen, werden von den Nutzern häufig als so selbstverständlich interpretiert, dass sie diese als irrelevant erachten, bzw. sogar vergessen zu erwähnen. Somit kann man sagen, dass Beobachtung den Arbeitsprozess vollständig offenbart, wogegen ein Interview nur Teile des Arbeitsprozesses aufdeckt.

Da die Beobachtung der Fachkräfte für Arbeitssicherheit, die in unterschiedlichen Unternehmen eingesetzt werden, für die Anfertigung dieser Arbeit nicht möglich war, wird in dieser Phase das Forum respektive die Beiträge der Sifa-Community analysiert. Zu diesem Zweck wurde ein Trendmonitor entwickelt, der alle Beiträge, die zwischen 01.12.2013 bis 30.06.2015 im Forum veröffentlicht wurden eingehend analysiert und die Problematiken der Fachkräfte, die die Beiträge verfasst haben, offenbart. Diese Analyse wird im Kapitel 5.1.3. detailliert vorgestellt.

Position annehmen

Im dritten Schritt des Design Thinking Prozesses werden die bisherigen Ergebnisse zusammengefasst, um im weiteren Verlauf der Konzeption, basierend auf den Erkenntnissen, die Personas zu entwickeln und Use-Cases zu generieren.

Ideen sammeln

In der Phase der Ideen-Generierung werden Anforderungen spezifiziert die im Prototyp umgesetzt werden sollen.

Prototyp erstellen

Basierend auf den Erkenntnissen, die innerhalb der obigen Phasen gewonnen wurden, erfolgt im Schritt „Prototype" das erstellen von Low-, Mid- und Highfidelity Prototypen. Die Konzepte repräsentieren Nachbildungen von Funktionalitäten, die innerhalb der vollständig umgesetzten Produkte genutzt werden können. Die fertigen Prototypen ermöglichen die ersten Evaluationen mit den Nutzern.

Testen / Evaluieren

Im letzten Schritt des Design Thinking Prozesses wird das High-Fidelity Prototyp mit Nutzern getestet. Innerhalb dieser Arbeit ist das der fertige Konzept der Weiterbildungsapplikation, die von den Fachkräften für Arbeitssicherheit evaluiert wird, um die Nutzung eine potentiellen Applikation zu simulieren und dadurch die ersten Anwendungsfälle untersuchen zu können.

Das Ziel des Design Thinking Prozesses ist die Entwicklung einer Anwendung die an die Bedürfnisse der Nutzer angepasst ist. Der komplette Prozess ermöglicht das Erstellen von funktionellen Prototyp von Lösungen, die mit Nutzern erprobt werden können und die Spezifikationen aufweisen, die genau den Wünschen und Anforderungen der Anwender entsprechen.