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In diesem Abschnitt wird eine zweifache Einordnung des Konzepts des Sifa-Portfolios vorgenommen, eine unternehmerische respektive wirtschaftliche und eine didaktische. Die unternehmerische Einordnung soll das Konzept an sich innerhalb des Wirtschaftssystems und somit im Kontext der Wirtschaftsmärkte positionieren. Die didaktische Einordnung des Konzepts beabsichtigt eine lernpsychologische Fundierung.

Fazit: Kapitel 5.1.4 ist der batrieblichen (unternehmerischen) sowie der didaktischen verankerung gewidmet. Dabei wird das Konzept der Weiterbildungsapplikation einerseits aus Sicht des Unternehmens, und andererseits aus der Perspektive der Bildungsdidaktik beleuchtet.

Unternehmerische Fundierung

Das Lernen kann als eine Art Entrepreneurship bezeichnet werden, weil es über Parallelen zum Unternehmertum verfügt. Jeder Mensch verantwortet das was, wie, wie viel und wann er lernt. Das Sifa-Portfolio versucht diesen an sich unternehmerischen Lernprozess, im Speziellen von Fachkräften für Arbeitssicherheit, zu begleiten und zu unterstützen. Um das Weiterbildungskonzept im unternehmerischen Kontext methodologisch zu fundieren, wird eine Analogie zur Taxonomie von Märkten nach Blank gebildet. Die Taxonomie wird von Blank auf neugegründete Kleinunternehmen, die einen Markt betreten (Startups), angewendet; sie findet ihren Geltungsbereich ebenfalls in Großunternehmen.

Blank unterscheidet zwischen vier arten von Märkten, die von jungen Unternehmern betreten werden können (vgl. Blank 2007, S. 23):

  1. Koexistenz auf einem existierenden Markt.
  2. Erschaffung eines neuen, bisher nichtexistierenden Marktes.
  3. Re-segmentierung eines existierenden Marktes zu möglichst geringen Kosten.
  4. Re-segmentierung eines existierenden Markes durch Besetzung einer Marktnische.

Durch die voranschreitende Entwicklung der Märkte fügt Blank jüngst eine neue Art hinzu, die er „Copy-Market" oder „Clone-Market" nennt (vgl. Blank 2014, 2:22 Video).

Bei der Koexistenz auf einem existieren Markt handelt es sich um eine Variante des Markes, bei der ein neues Produkt erschaffen wird, beispielsweise eine Lernplattform oder ein Lernkonzept online, und es muss sich gegen die existierenden Konkurrenten auf dem Markt durchsetzen, oder zumindest versuchen zu koexistieren. Im Falle von Lernplattformen kann hier als Beispiel eine Applikation fürs Lernen mit Karteikarten genannt werden, die versucht mit mehreren ähnlichen Applikationen auf dem Markt zu bestehen. Auch das Unternehmen Blinkst fügt sich in diese Kategorie, da es Zusammenfassungen von Büchern im Abo-Modell anbietet und mit dieser Art des Produktes auf dem digitalen Büchermarkt koexistiert. Anbieter von E-Portfolios zählen ebenso zu dieser Gruppe.

Im Falle der Erschaffung eines neuen Marktes, handelt es sich um Produkte, die in der Vergangenheit noch nicht existiert haben und deren Erscheinung einen völlig neuen Markt hervorgerufen hat. Diese Art der Produkte oder Technologien werden heutzutage als „disruptiv" genannt, weil sie höchst innovativ sind und andere Lösungen sogar aus anderen Märkten vollkommen verdrängen. Als Beispiel können hier kostenlose und werbefinanzierte Lern-, Erklär-Videos und Tutorials genannt werden, die zahlungspflichtige Nachhilfeangebote aus dem (offline - und somit anderen) Markt verdrängen.

Unter Re-segmentierung eines Marktes zu geringen Kosten kann dann gesprochen werden, wenn ein neues Produkt erscheint und es in der Lage ist, mit verhältnismäßig geringerem Aufwand, die bestehenden Strukturen innerhalb des gleichen Marktes zu verändern. Im Lernbereich kann hier als Beispiel ein digitaler Verlag für Lernmaterialien genannt werden, der mit traditionellen Verlagen für Printmedien konkurriert.

Re-segmentierung eines Marktes durch Besetzung einer Nische, zeichnet sich dadurch aus, dass ein Marktteilnehmer einen existierenden Markt betritt und eine spezifische Lösung anbietet, die das Angebot für den Kunden um spezialisierte Produkte ergänzt. Als Beispiel kann aus dem Weiterbildungsbereich das Siegener Startup „Examio" genannt werden, das Lernmaterialien in digitalen Formaten erstellt, die primär den Bereich Wirtschaftswissenschaften abdecken.

Die letzte von Blank genannte Art des Marktes, der „Clone-Market" manifestiert sich in übertragen von existierenden Ideen respektive in einer 1:1 Kopie auf den Markt in beispielsweise einem anderen Sprachraum. Im Bildungsbereich können in dieser Kategorie Dienste wie: Codecademy (https://www.codecademy.com/) und Codeschool (https://www.codeschool.com/) segmentiert werden.

Das Konzept des Sifa-Portfolios ist als eine Modulare Ergänzung der Sifa-Community entworfen worden. Es bietet eine spezialisierte Funktionalität, die an den Anforderungen von nur einer Berufsgruppe ausgerichtet ist. Aus diesem Grund kann das Sifa-Portfolio in die dritte Kategorie eingeordnet werden, eines Marktes, der durch Besetzung einer Nische (Arbeitssicherheit), re-segmentiert wird. Jedoch, weil das Konzept auf andere Berufsfelder übertragbar ist, verfügt es über Potenzial zur Existenz in der ersten Kategorie der Märkte. Im Falle einer breiten Akzeptanz kann es, mit etablierten E-Portfolio-Anbietern konkurrieren.

Didaktische Fundierung

Um das Weiterbildungskonzept didaktisch zu untermauern, wird auf die konnektivistische Lerntheorie von Siemens, die affektive Lernebene innerhalb der Lernzieltaxonomie von Bloom und die Theorie der wahrgenommenen Selbstwirksamkeit von Bandura zurückgegriffen.

Konnektivismus

Nach Siemens (vgl. Siemens 2005) spielen beim Erlernen von neuem Wissen nicht nur die Wissenselemente eine entscheidende Rolle, sondern die Verbindungen zwischen diesen Elementen. Informationen werden unter anderem aus Zeichen und Daten generiert und sie sind grundsätzlich mit anderen Informationen verknüpft. Die Art dieser Verbindung bzw. des Verwandschaftsgrades spielt bei dem Lernprozess eine nicht unerhebliche Rolle. Siemens bezeichnet sogar das Generieren einer Verbindung als Lernen (ebd.). Mit Hilfe des Sifa-Portfolios soll es den Fachkräften für Arbeitssicherheit ermöglicht werden, im für die im Portfolio platzierte Elemente, Verbindungen zu generieren, die für den Ersteller des Portfolios eine persönliche und einzigartige Verbindung haben. Ein Sifa-Portfolio, das auf dem Fundament dieser Lerntheorie aufgebaut wird, wird über persönliche Elemente verfügen, die nur für den Urheber des Portfolios bestimmt sind. Andererseits ist das Ziel eines Portfolios die erworbenen Kompetenzen nach außen zu manifestieren und sie entweder der Öffentlichkeit zugänglich machen, oder sie zumindest innerhalb der „community of interest" - im Fachkreisen zu präsentieren. Wenn die Mitglieder der Sifa-Community die Portfolios untereinander verknüpfen und zugänglich machen, eröffnet sich die Ebene der Multiperspektivität, die auf Lernprozesse förderlich wirken kann. Es könnten Lernartefakte oder Informationen aus einer anderen Sicht betrachtet werden, was das Verständnis erweitert und die emotionale Ebene beim Lernen aktiviert. Das Lernen durch Aktivierung der emotionalen Ebene wurde durch Bloom und Karthwohl innerhalb der Lernzieltaxonomie systematisiert (vgl. Karthwohl et al. 1956, S. 49).

Affektives Lernen

Nach Bloom und Karthwohl können Lernprozesse drei Ebenen zugeordnet werden, die verschiedene Lernziele adressieren und aus mehreren Stufen bestehen. Es handelt sich dabei um die kognitive, die affektive und die psychomotorische Ebene. Die Kognitive Ebene wird aktiviert, wenn das Ziel des Lernens überwiegend im Memorisieren von Informationen angelegt wird. Die psychomotorische Ebene betrifft Lernen durch körperliche Bewegung. Die affektive Ebene kommt zum Vorschein, wenn Emotionen im Lernprozess die Hauptrolle spielen. Die einzelnen Stufen setzen sich zusammen aus: Aufmerksamkeit (hören, sehen, empfangen), Reagieren (antworten, interagieren, mitmachen), Bewerten (beurteilen), Organisieren (innerhalb eigenes Wertesystems) und Charakterisieren (das Erlernte leben) (vgl. Haller, Nägele 2013, S. 13-14). Das affektive Lernen zeichnet sich durch den Fokus auf Erfahrungslernen und Auseinandersetzung mit persönlichen Interessen, Einstellungen, Werten, Grundhaltungen und damit verbundenen Emotionen und Verhaltensmustern. Diese Art der Aktivierung bewirkt eine Überdenkung und Veränderung von eigenen Verhaltensweisen, was die Selbstreflexion eigener und Reflexion anderer Wertesysteme, Sichtweisen und anders gelernten nach sich zieht. Um die affektive Lernebene zu adressieren, ist es notwendig, dass der Lernende eine persönliche Verbindung mit und zum Gelernten herstellt oder entdeckt. Dies kann man erreichen, indem die Information als authentisch und nachahmenswert identifiziert wird, man Raum für Selbstreflexion und individuelle Anpassung und Integration ins eigene Werte System hat, und frei entscheiden kann wie die Verknüpfung entstehen soll (vgl. Bandura, 1977 S. 126). Nach Hüther entscheidet die Intensität der Gefühle darüber, ob neues Wissen beibehalten oder vergessen wird (vgl. Hüther 2011, S. 132 - 136).

Um die Ebene des affektiven Lernens zu aktivieren, wird es innerhalb des Sifa-Portfolios die Möglichkeit gegeben, erstellte Lernartefakte mit Hilfe individueller Verknüpfungen zu vernetzen und zu personalisieren, so dass der Autor ein an seinen Erfahrungen orientiertes Wissensnetz kreieren kann. Im Fokus sollen nicht nur die hochgeladenen Wissenselemente stehen sondern die Verbindungen zwischen ihnen. Dabei soll der Grad der Verwandtschaft zwischen den Informationen, bzw. die Qualität der Verknüpfung visualisiert werden können. Diese Sammlung soll innerhalb des persönlichen Bereichs des Sifa-Portfolios entstehen. Hieraus können einzelne Lernartefakte oder in ein weiteres, öffentliches Präsentations-Portfolio übernommen werden.

Selbstwirksamkeit

Um das Lernen und den Erwerb von Kompetenzen im Erwachsenenalter zu fördern, kann die Implementierung von Erkenntnissen aus der Theorie der erwarteten Selbstwirksamkeit nach Bandura innerhalb des Weiterbildungskonzepts helfen. Das Konzept der empfundenen Selbstwirksamkeit referiert den Glauben an eigene Fähigkeiten und Überzeugungen, die dazu genutzt werden können, Handlungsalternativen abzuwägen, um unser Leben zu gestalten (vgl. Bandura 1997, S. 2). Dieses Konzept kann als autoreferenziell bezeichnet werden, weil der Glaube an eigene Fähigkeiten bewirkt eine Veränderung der Umgebung, die Wahrnehmung der Ergebnisse bestärken den Glauben an die Fähigkeiten. Bandura beschreibt vier Einflussfaktoren, die die Selbstwirksamkeit eines Menschen tangieren: „mastery experiences" - die Erfahrung, dass das was man erreichen möchte, tatsächlich erreicht werden kann, „vicarious experiences" - die Beobachtung, dass jemand anders etwas erreicht hat, und ich das selbe erreichen kann, „social persuasion" - die Verbale Ermutigung die ich von Anderen erfahre, befähigt mich mein Ziel zu erreichen, und schließlich „enhance of physiological and emotional state" (Bandura 1997, S. 3-5), also die Verbesserung des physischen und mentalen Wohlbefindens und die damit einhergehende Reduktion von Stress und negativen emotionalen Neigungen.

Fachkräfte für Arbeitssicherheit können die vier genannten Einflussfaktoren für ihre Kompetenzentwicklung und -präsentation nutzen, indem erworbene Zertifikate, Zeugnisse oder selbsterstellte Lernartefakte veröffentlicht werden. Dadurch, dass die erreichten Lernziele stets wahrnehmbar gemacht werden, steigt das Vertrauen in eigene Fähigkeiten, um sich neuen Herausforderungen zu stellen. Die Verknüpfung von Sifa-Portfolios unterschiedlicher Experten untereinander erhöht die Transparenz in diesem Berufsumfeld, was dazu führt, dass ein Fachexperte sich durch die von Fachkollegen erreichten Lernziele, selbst motivieren kann. Die Feedback- und Kommentar-Funktion innerhalb des Sifa-Portfolios kann zum Austausch und Ermutigung genutzt werden, um weitere Fortbildungen zu absolvieren.

Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse die aus der konnektivistischen Lerntheorie, der Lernzieltaxonomie mit besonderem Fokus auf das affektive Lernen, und dem Konzept der erwarteten Selbstwirksamkeit resultieren, sowie auf Basis der Analyse der Auswertung von Fragebögen des Trendmonitors und der Interviews mit Sifas, werden im folgenden Abschnitt die Anforderungen an das Sifa-Portfolio zusammengefasst und die Konzeptionsphase eingeleitet.