Was werde ich in: Seminar: Geschichte schreiben lernen ?

Wie auch immer es um das Ende der Geschichte steht - geschrieben wird sie nach wie vor. Dabei sieht sich jeder, der sich ans Schreiben der Geschichte macht, mit der Frage nach ihrem Sinn konfrontiert. Die Möglichkeit eines unsinnigen Geschichtsverlaufs wurde von den großen Geschichtsphilosophen Jean-Jacques Rousseau, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Karl Marx auf unterschiedliche Weisen vehement widerlegt. Sie erzählen die Vergangenheit als eine Geschichte des Fortschritts oder des Verfalls, betten das Geschehene also in eine bestimmte Struktur ein, die den einzelnen Ereignissen Bedeutung gibt. Ganz anders haben die Historiker Wilhelm Dilthey und Gustav Droysen gedacht. Ihnen ging es um das Versammeln und sinnvolle Anordnen historischen Materials, das meist nur fragmentarisch als Reste und Ruine vorliegt. Michel Foucault wiederum betrachtet die Vergangenheit weder als logische Abfolge noch interessiert ihn historisches Wissen als solches.

Sein Denken kreist vielmehr um die schwer zu fassenden Brüche und Diskontinuitäten im Handeln und Denken vergangener Epochen. Er ist der große Kritik der historischen Vernunft. Egal auf welche Weise Geschichte geschrieben wird, sie begegnet uns meist als Text und wirft damit die Frage nach ihrer sprachlichen Form und ihrem Wirklichkeitsanspruch auf. Besonders für die Literaturwissenschaft ist virulent, inwiefern die textuelle Formgebung der Geschichte in einem Verhältnis zum literarischen Schreiben steht. Dabei stellt das Be- oder vielmehr Erschreiben zweier sehr unterschiedlicher Erscheinungen eine besondere Herausforderung an den Geschichtsschreiber dar: Die Katastrophen und das Alltägliche. Beide Ereignistypen lassen sich programmatisch nicht mehr unter die Logik eines allgemeinen Geschichtsverlaufs subsumieren und bedürfen einer Sprache, die zum einen Singuläres, zum anderen scheinbar Ereignisloses zu erfassen vermag. Der Alltag und die Katastrophen fordern also eine Sprache, die die geschichtsphilosophische Geschichtsschreibung gegen den Strich zu bürsten sich getraut und damit unweigerliche in die Nähe literarischer Darstellungsformen rückt. Von diesen Überlegungen ausgehend soll im Seminar historisches mit literarischem Schreiben ins Verhältnis gesetzt werden. Lesen werden wir dazu G. W. F. Hegel, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Hayden White, Michel de Certeau, Fernand Braudel, Michel Foucault sowie literarische Texte, die mehr oder weniger explizit ihr Potential zur Geschichtsschreibung reflektieren. Dazu gehören Marguerite Duras, Georges Perec, Louis Begley, Herta Müller und Rolf Hochhuth. Zur vorbereitenden Lektüre empfehle ich Geschichtsphilosophie zur Einführung von Johannes Rohbeck sowie Vom Sinn und Unsinn der Geschichte von Reinhart Koselleck. Das erste Buch ist hilfreich für eine erste Annäherung an das Thema, das zweite führt dagegen auf komplexere Weise in einzelne Debatten der Geschichtsschreibung ein. Erwartet wird regelmäßige Anwesenheit und aktive Mitarbeit sowie die Bereitschaft, die Mitverantwortung für eine Sitzung zu übernehmen. ECTS: BA HF: 6 ECTS (Hausarbeit oder Essays bzw. Referat, benotet) MA HF: 6 ECTS (Essays oder Referat, unbenotet) SLK:3 ECTS (keine Hausarbeit, benotet), 6 ECTS (Hausarbeit, benotet) MA NF: 6 ECTS (Essays oder Referat, unbenotet)

Department I - Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache Erfolgreich absolvierter Einführungskurs der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft oder Einführungskurs einer anderen Philologie. Wenn Sie eine Hausarbeit im Nebenfach SLK schreiben möchten, sprechen Sie bitte vorab mit der Studiengangskoordination SLK! B.A.-Nebenfach SLK: Diese Veranstaltung entspricht in WP 2 dem Kurstyp -Begleitkurs zu Themen der Literaturwissenschaft m/n/o/p- (WP 2.0.14/16/18/20). ODER Diese Veranstaltung entspricht in WP 4 dem Kurstyp -Begleitkurs zu Themen der Kultur- und Medienwissenschaften m/n/o/p- (WP 4.0.14/16/18/20). Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30-60 Min.) schreiben oder eine mündliche Prüfung (15-30 Min.) ablegen oder ein Thesenpapier (3.000-6.000 Zeichen) oder Übungsaufgaben (3.000-6.000 Zeichen) fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. Die Wahl der Prüfungsart liegt beim Dozenten. LMU München SoSe 2016 Horst Johanna Charlotte

Quelle: Horst Johanna Charlotte , Uni-München