Arbeitsintegrierte Weiterbildung der Fachkräfte für Arbeitssicherheit

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Kapitel 2.2 Arbeitsintegrierte Weiterbildung der Sifas: von der historischen Verankerung über Dimensionen der arbeitsintegrierten Weiterbildung bis hin zur Kompetenzentwicklung im Berufsleben der Fachkräfte für Arbeitssicherheit.

Die arbeitsintegrierte Weiterbildung beschrieb in der Vergangenheit überwiegend formale und strukturierte Fortbildungsmaßnahmen, die von erwerbstätigen Erwachsenen neben ihrer beruflichen Tätigkeit in Anspruch genommen wurden. In den siebziger Jahren wurde berufliche Weiterbildung als ein Segment des Sektors innerhalb des Bildungssystems genannt, in dem organisiertes berufliches Lernen von Erwachsenen nach dem Abschluss einer ersten Bildungsphase und nach der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit stattfindet (vgl. Dobischat/Düsseldorf/Dikau 2006, S.531). Die beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen fanden überwiegend außerhalb der Arbeitszeit statt bzw. nach der Freistellung von der Arbeit.

Dieser Zustand kann seine Begründung in der historischen Entwicklung der Arbeitsmärkte seit dem Industriezeitalter finden. In der Vergangenheit wurden Fachkräfte wegen ihres Fachwissens oder Fertigkeiten eingestellt, um eine bestimmte Art der Arbeit zu verrichten. In den meisten Fällen handelte es sich dabei um dieselben repetitiven Vorgänge, die abgearbeitet werden mussten. Da die Innovationsdynamik und die Entwicklung von neuen Technologien in einem vergleichsweise geringem Umfang vorhanden waren, bedurfte es keiner kontinuierlichen Anpassung bzw. keiner Weiterbildung der Mitarbeiter. Das Informationszeitalter brachte eine Wende in der Innovationsdynamik und bewirkte eine Welle von Entwicklungen neuer Technologien. Infolgedessen ist eine Kluft entstanden, zwischen sich immer schneller ändernden Anforderungsprofilen an neuen Arbeitsstellen und den Fähigkeiten der Facharbeiter. Somit ist die Wandlungsgeschwindigkeit des Arbeitsmarktes deutlich höher, als die Fortbildungsgeschwindigkeit der Arbeitskräfte.

Der permanente Wandel auf dem Arbeitsmarkt, sowie Wechsel in Richtung Wissensgesellschaft begünstigten ein Umdenken auf der Seite von Arbeitgebern und führen zur zunehmenden Integration der beruflichen Weiterbildung in den Beruf respektive in die Arbeitszeit hinein. Heutzutage bedarf keiner besonderen Freistellung von der Arbeit, um an einem Weiterbildungsprogramm teilzunehmen. Zahlreiche Betriebe, die auf Innovationskraft und Problemlösungsfähigkeit der Arbeitnehmer angewiesen sind, werben um neue Fachkräfte indem sie ihnen eine Weiterbildung während der Arbeitszeit ermöglichen. Sie nehmen damit eine doppelte finanzielle Belastung in Kauf, einerseits finanzieren sie die Weiterbildungsmaßnahmen, andererseits entlohnen Sie die Mitarbeiter für die Teilnahme an solchen Programmen.

Heutzutage findet ein Umbruch statt, bei dem die arbeitsintegrierte Weiterbildung immer stärker im Rahmen informellen Lernens stattfindet. Die Mitarbeiter beschaffen sich die fehlenden Informationen innerhalb der Prozesse, die fernab von organisierten und strukturierten Weiterbildungsinitiativen ablaufen. Dabei stoßen sie an das Problem, dass das innerhalb informelles Lernens erworbene Wissen, nicht als Weiterbildung anerkannt bzw. zertifiziert wird. Im Grundgenommen findet ein solches Lernen keine offizielle Anerkennung. Innerhalb des europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen wird erstmal der Fokus auf Einbeziehung informell erworbener Fähigkeiten zum Zwecke der Erleichterung der Anerkennung bestimmter Qualifikationen anvisiert (vgl. Europäische Kommission 2009). Eine direkte Anerkennung wird somit nicht postuliert.

Arbeitsintegrierte Weiterbildung der Sifas

Der dritte Absatz des § 5 ASIG schreibt Weiterbildungsmaßnahmen vor, damit die Fachkräfte für Arbeitssicherheit ihre Aufgaben erfüllen können:

„Der Arbeitgeber hat den Fachkräften für Arbeitssicherheit die zur Erfüllung ihrer Aufgaben erforderliche Fortbildung unter Berücksichtigung der betrieblichen Belange zu ermöglichen. Ist die Fachkraft für Arbeitssicherheit als Arbeitnehmer eingestellt, so ist sie für die Zeit der Fortbildung unter Fortentrichtung der Arbeitsvergütung von der Arbeit freizustellen. Die Kosten der Fortbildung trägt der Arbeitgeber. Ist die Fachkraft für Arbeitssicherheit nicht als Arbeitnehmer eingestellt, so ist sie für die Zeit der Fortbildung von der Erfüllung der ihr übertragenen Aufgaben freizustellen" (ASiG 2013).

Eine ähnliche Regelung findet man im siebten Buch des Sozialgesetzbuchs im § 23:

„Die Unfallversicherungsträger haben für die erforderliche Aus- und Fortbildung der Personen in den Unternehmen zu sorgen, die mit der Durchführung der Maßnahmen zur Verhütung von Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren sowie mit der Ersten Hilfe betraut sind. Für nach dem Gesetz über Betriebsärzte, Sicherheitsingenieure und andere Fachkräfte für Arbeitssicherheit zu verpflichtende Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit, die nicht dem Unternehmen angehören, können die Unfallversicherungsträger entsprechende Maßnahmen durchführen. Die Unfallversicherungsträger haben Unternehmer und Versicherte zur Teilnahme an Aus- und Fortbildungslehrgängen anzuhalten" (SGB 2015).

Der Verband für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz bei der Arbeit (VDSI) bietet einen Weiterbildungsnachweis in Form von Punkten an. Die Punkte werden durch die Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen erworben. Belohnt werden mit Punkten nicht nur Teilnahmen an Seminaren, sondern auch Messebesuche. Die Anerkennung findet statt, wenn eine Fachkraft für Arbeitssicherheit eine Weiterbildung nachweisen kann, die durch VDSI oder bei der Fachvereinigung Arbeitssicherheit, der Gesellschaft für Qualität im Arbeitsschutz sowie der Berufsgenossenschaften, Unfallkassen, berufsgenossenschaftlichen Institute, Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau, und staatlicher Arbeitsschutzbehörden, absolviert wurden. Thematisch werden die anerkannten Weiterbildungsmaßnahmen in unterschiedliche Kategorien aufgeteilt: Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz, Umweltschutz, Brandschutz, Managementsysteme und Security. Grundlegende Weiterbildung in den Bereichen Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und Umweltschutz ist Voraussetzung, um Punkte in den Themen Brandschutz, Managementsysteme und Security zu erwerben (vgl. VDSI 2016).

Als Kritikpinkt kann aufgeführt werden, dass es sich sowohl bei den Vorschriften im ASiG als auch im SGB VII um eine Soll-Regelung handelt, wodurch keine zwingende Verpflichtung besteht sich weiterzubilden. Somit liegt es im Ermessen einer jeden Fachkraft für Arbeitssicherheit, inwiefern, wie intensiv und in welchen Gebieten diese ihr Wissen erweitern wird.

Dimensionen der arbeitsintegrierten Weiterbildung

Beim Entwurf eines arbeitsintegrierten Weiterbildungskonzepts erscheint es sinnvoll eine Analyse vorzunehmen, die die notwendigen Anforderungen in zwei Dimensionen teilen würde: die horizontale und die vertikale. Unter Horizontaler Analyse ist eine Untersuchung gemeint, die Erfassung der Weiterbildungslandschaft im Hinblick auf die unterschiedlichen Angebote, Themen und Arten von Weiterbildungsmaßnahmen beinhaltet; sie ist aufgabenbezogen. Unter Vertikaler Analyse ist eine Untersuchung gemeint, die sich auf die Implementierung der Weiterbildungsmaßnahmen in einem Betrieb an einem bestimmten Arbeitsplatz - bzw. bei einem Mitarbeiter konzentriert. Die Analyse ist in diesem Fall personenbezogen. Dabei spielen Faktoren eine Rolle, die für eine erfolgreiche arbeitsintegrierte Weiterbildung von entschiedenen Bedeutung sein können. Diese Faktoren können unter dem Begriff Arbeitsplatzmerkmale zusammengefasst werden, hierzu gehören: das Alter der Person, die Position in der betrieblichen Hierarchie, die Branche und die Größe des Betriebes.

Das Alter eines Mitarbeiters zu berücksichtigen, kann unter zwei Aspekten eine wichtige Rolle spielen. Ältere Mitarbeiter haben einen anderen Erfahrungsschatz als ihre jüngeren Arbeitskollegen und sie haben ihre Ausbildung in einem Bildungssystem absolviert, das aus der didaktischen Perspektive eine andere Ausrichtung hatte, als das Bildungssystem, in dem die jüngeren Mitarbeiter gelernt haben. Schmidt weist auf die relevanten Unterschiede hin, die für den Erfolgt von Weiterbildungsmaßnahmen entscheidend sind (vgl. Schmidt 2009, S. 315). Die Berücksichtigung des Alters wird des Weiteren auch aus dem Grund relevant sein, dass die Berufsgruppe der Sifas, obwohl sie eine starke Heterogenität aufweist, überwiegend durch Mitarbeiter repräsentiert wird, die 45 oder älter sind. Dies wird besonders bei der Auswertung der Sifa-Umfrage deutlich, die im Kapitel 5 detailliert analysiert wird.

Als ein weiterer relevanter Aspekt ist die Position der Fachkräfte in der betrieblichen Hierarchie zu berücksichtigen. Da die Fachkräfte für Arbeitssicherheit eine mit anderen Berufsgruppen vergleichsweise homogene Position in Betrieben besitzen (fehlende Weisungsgebundenheit), ist die Berücksichtigung dieses Gesichtspunktes im Falle der Übertragung des Weiterbildungskonzepts auf andere Berufsgruppen von entscheidender Bedeutung. Im Falle der Adaptation auf eine weitere Berufsgruppe ist es sinnvoll die Anforderungen und die speziellen Merkmale dieser Berufsgruppe zu berücksichtigen.

Branche ist als ein weiterer, nicht unerheblicher Aspekt der Berücksichtigung verdient. Der Hauptgrund dafür liegt in der Diversität unterschiedlicher Branchen und damit auch unterschiedlicher Betriebe. Abhängig von der Beschäftigung der Fachkraft für Arbeitssicherheit (öffentlicher Dienst, private Wirtschaft, Soziale Einrichtung, IT-Unternehmen, Chemie- oder aber Metallverarbeitende Industrie) - bei allen diesen Beispielen handelt es sich um unterschiedliche Kontexte. Eine Weiterbildungsmaßnahme ist dann effektiv, wenn sie auch den Kontext des Lernenden berücksichtigt.

Schließlich spielt die Größe des Betriebes für die Wirksamkeit der Weiterbildungsmaßnahmen der Fachkräfte für Arbeitssicherheit eine wichtige Rolle, weil daraus die Arbeitsbelastung resultiert, was wiederum mit der zeitlichen Komponente eng verknüpft ist. Außerdem werden in größeren Betrieben wie Konzernen wegen dem Umfang der Aufgaben mehrere Fachkräfte für Arbeitssicherheit eingesetzt. Die Fachkräfte die innerhalb eines Unternehmens arbeiten, können ihr Wissen leichter untereinander austauschen. Als Gegenbeispiel kann hier angemerkt werden, dass ein Austausch zwischen zwei Fachkräften für Arbeitssicherheit die für zwei unterschiedliche (womöglich sogar konkurrierende) Betriebe tätig sind, erschwert ist. In vielen Fällen wird ein solcher Austausch sogar von der Geschäftsführung unter Berufung auf unternehmensinterne Geheimhaltung untersagt.

Die oben genannten Arbeitsplatzmerkmale werden beim Entwurf des arbeitsintegrierten Weiterbildungskonzepts berücksichtigt.

Im Spezialfall der Fachkräfte für Arbeitssicherheit können weitere Arbeitsplatzmerkmale anhand der oben genannten Methodik abgeleitet werden. Auf Grund der breiten Diversifizierung der Betriebe in denen Sifas eingesetzt werden, gehört zu einem der relevanten Arbeitsplatzmerkmalen die Berücksichtigung der vielfältigen Anforderungen der einzelnen Einsatzgebiete. Widerspiegelt werden die Anforderungen in der Aufteilung der Aufgaben der Sifas in Grundbetreuung und in betriebsspezifische Betreuung. Damit können sowohl allgemeine Sicherheitsaspekte, die für alle Betriebe gelten, als auch betriebsindividuelle Sicherheitsaspekte definiert und berücksichtigt werden. Mit dieser relativen statt absoluten Aufteilung wird eine Anpassung an die Besonderheiten der Betriebe gewährleistet (vgl. Arbeit & Gesundheit 2012; DGUV 2011).

Die Vielfalt der Branchen in denen Sifas tätig sind stellt eine Herausforderung für den Entwurf eines übergreifenden Weiterbildungskonzepts. Zu den Bereichen in denen Sifas eingesetzt werden, zählen nahezu alle Wirtschaftszweige: Bau und Architektur, Chemie, Pharmazie, Kunststoff, Elektro, Fahrzeugbau, -instandhaltung, Gesundheit, Soziales, Glas, Keramik, Rohstoffverarbeitung, Handel, Holz, Möbel, IT, DV, Computer, Metall, Maschinenbau, Feinmechanik, Optik, Nahrungs-, Genussmittelherstellung, Öffentliche Verwaltung, Sozialversicherung, Verteidigung, Papier, Druck, Rohstoffgewinnung, -aufbereitung, Textil, Bekleidung, Leder, Transport, Verkehr, Versorgung und Entsorgung (BA 2016). Für den Entwurf eines Weiterbildungskonzepts wird daher ein individualisierbarer Funktionsumfang unumgänglich sein, sodass Sifas die Applikation für eigene betriebsspezifische Weiterbildung anwenden können. Des Weiteren soll das Konzept bei der Anerkennung respektive Zertifizierung der erlernten Kompetenzen unterstützend wirken.

Arbeitsintegrierte Weiterbildung kann als ein Teil der Kompetenzentwicklung im Berufsleben eingegliedert werden. Die von den Fachkräften in Anspruch genommene Weiterbildungsmaßnahmen tragen zu ihrer beruflichen Kompetenzentwicklung bei. Sie können dadurch ihren „ökonomischen Verkehrswert" auf dem Arbeitsmarkt erhöhen. Entwickeln die Fachkräfte ihre Kompetenzen nicht weiter, so kommt es, wie auch in der Ökonomie üblich, zu einer Devaluation dessen was sie als bestehende Kompetenz bezeichnen können. Unter den Aspekten der Arbeitsplatzsicherung ist es für jede Fachkraft unabhängig von der Branche wichtig, ihre bestehenden Kompetenzen zu konsolidieren und neue zu entwickeln. Im folgenden Kapitel wird der Bezug zur Kompetenzentwicklung näher exemplifiziert.

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Autor: Krzysztof