Informelles Lernen im Erwachsenenalter

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Im Kapitel 2.4 wird das Thema des informellen Lernens im Erwachsenenalter beschrieben. Dieser Abschnitt knüpft an die Diskussion zum Informellen Lernen als Forschungsgebiet. Das Ziel ist es, die informellen Lernprozesse zu analysieren und besser verstehen zu können.

Unabhängig davon ob Kompetenzentwicklung im Beruf, in der Schule, Universität, einer Weiterbildungseinrichtung oder in der Freizeit stattfindet, bleibt sie untrennbar mit Lernprozessen verbunden. Im Zuge der Diskussion um lebenslanges Lernen zeichnet sich ein starker Bedarf der Systematisierung der Lernprozesse und das sowohl in der Wissenschaft als auch in der beruflichen Praxis. Es werden immer wieder neue Versuche unternommen das Lernen in verschiedenen Kontexten zu definieren, abzugrenzen und vor allem punktuell zu identifizieren. Man versucht informelles lernen von formalen Lernen und von nicht-formalen Lernen im schulischen und im universitären Kontext abzugrenzen. Eine weitere Komplexitätsebene kommt hinzu, wenn das formale, das nicht-formale und das informelle Lernen auf der beruflichen Ebene herausdifferenziert werden soll. Schließlich ergänzen diese Thematik die unterschiedlichen Perspektiven: der Lehrenden und der Lernenden. Somit ist eine Tendenz zu beobachten, bei der der Lernkontext (Schule, Studium, Beruf, Weiterbildung, Freizeit, Betrachtungsperspektive) stärker in den Fokus rückt und gleichzeitig die Hauptthematik - das Lernen - an den Rand der Diskussion verdrängt wird.

Lernen kann als adaptive Reaktion auf sich ändernde Bedingungen definiert werden. Ausgehend von dieser Definition der kontinuierlichen Anpassung findet das Lernen immer statt, weil sich die Bedingungen in jedem Kontext verändern können. Schulische, universitäre und berufliche Kontexte unterliegen einem permanenten Wandel. Daraus kann eine Annahme resultieren, dass auch das Lernen einer kontinuierlichen Wandlung unterliegt. Erwachsenenalter und beruflicher Kontext fordern unterschiedliche Strategien zur Anpassung an die geänderten und weiterhin sich ändernden Bedingungen.

Das informelle Lernen im Erwachsenenalter findet unabhängig der Systematisierung im Kanon der Diskussion über das lebenslange Lernen statt. Das Ausmaß indem es stattfindet, unterscheidet sich von dem Ausmaß, in dem informelles Lernen im schulischen oder universitären Kontext erfolgt. Bewirkt wird dieser Unterschied unter anderem durch folgenden zwei Aspekte, die eine entscheidende Rolle für das Lernen neuer Inhalte haben können: Änderung der Lebenssituation und Änderung der Einstellung zum Thema Lernen.

Zum einen ändern sich die Rahmenbedingungen, wenn eine erwachsene Person ihr Studium oder ihre Ausbildung beendet und in das Berufsleben übergeht. Die Sicherheit, die einem Schüler das Elternhaus gewährleistet, ermöglicht ihm ungehemmtes Lernen und Verfolgung persönlicher Interessen, was einen entscheidenden Einfluss auf die Lerneffektivität hat. Unabhängig davon, ob ein Schüler in einem formalen oder informellen Kontext sein Wissen erweitert, liegt sein Fokus überwiegend in der Verfolgung der persönlichen Interessen und Vertiefung von Themen, die für ihn eine gesteigerte Relevanz besitzen. Nach dem Übergang ins Erwachsenenalter und damit in die Erwerbstätigkeit und ins Berufsleben, wird die Sicherheit, die früher im Elternhaus zu finden war, zunehmend durch Verpflichtungen und Anforderungen des Erwachsenenlebens überlappt. Die freie Themenauswahl die formal oder informell gelernt werden können, wird durch den Zwang zur Anpassung an die Arbeitsmarktsituation, im Speziellen an die Anforderungen der Arbeitsstellen ersetzt. Der Übergang von Jugendalter ins Erwachsenenalter bringt also einen formalen Rahmen mit sich, der zuerst bedacht werden muss, bevor eine freie Themenauswahl zwecks Weiterbildung angestrebt wird. Das hat zu Folge, dass das informelle Lernen im Erwachsenenalter eine starke Überschneidung mit der beruflichen Ebene haben kann, weil eine solche Korrelation die Arbeitsplatzsicherheit steigert. Dieser Zustand kann wiederum dazu führen, dass ein Fachexperte immer kompetenter in seinem Bereich wird, aber eine berufliche Umorientierung erschwert wird, da kaum noch Freiräume für arbeitskontextentfernte Themen bleiben. Langfristig gesehen ist dieser Zustand sowohl für den Arbeitgeber als auch den angestellten Fachexperten nachteilig, weil dadurch die Spezialisierung zwar vertieft wird, allerdings die notwendige Diversifizierung der Kompetenzen vernachlässig wird.

Zum anderen ändert sich eine weitere Rahmenbedingung beim Eintritt ins Erwachsenenalter, und zwar die Einstellung zum Thema Lernen. Grund dafür ist eine, durch übermäßige Formalisierung der Lernprozesse, Vernachlässigung der individuellen Lernbedürfnisse und Lernfähigkeiten der Schüler. Kinder betreten die Schule als begeisterte Entdecker und neugierige Forscher, nach einigen Jahren verlassen sie diese Bildungseinrichtung mit nur noch Bruchteilen des Entdeckergeistes, der Neugier und der Begeisterungsfähigkeit, die ihnen zur Verfügung standen. Für Absolventen des Bildungssystems kann der Gedanke des lebenslangen Lernens nicht in allen Fällen positiv wahrgenommen werden. Das stark formalisierte Lernen von der Schule bis zur Universität wird von einer Verdrängung des informellen Lernens gekennzeichnet.

Die beiden oben genannten Gründe führen zu einem abgeschwächten informellen Lernen im Erwachsenenalter. Als Lösungsvorschläge, die Position des informellen Lernens im Erwachsenenalter verbessern würden, sind Applikationen notwendig, die die Vernetzung der Themen untereinander, Diversität, gemeinsames Lernen, autonome Themenbestimmung und Erforschung ermöglichen und die individuell anpassbar und nutzbar sind.

Speziell im Falle von Fachkräften für Arbeitssicherheit wird es deutlich, dass diese Berufsgruppe im Laufe ihrer Karriere mit Gefahren konfrontiert wird, die heutzutage nicht vorhergesagt werden können. Dadurch kann ein formalisiertes Lernsystem von heute keine Handlungsfähigkeit in der Zukunft garantieren. Agile, informelle Lernalternativen bieten sich als zuverlässige Methoden an, um die Herausforderungen von Morgen bewältigen zu können (vgl. Kahnwald 2014, S. 128-130). Im Bereich des informellen Lernens ist die Perspektive des lebenslangen Lernens keine abschreckende Vision, sondern eine Selbstverständlichkeit. Solange Lernprozesse nicht formalisiert werden, ist uns Bewusst, dass wir uns immer anpassen, dass wir lernen. In diesem Fall verlaufen die Lernprozesse natürlich und werden nicht hinterfragt. Erst die Pressung in ein Format verursacht das Gegenteil.

Ein weiterer Aspekt der sich als Ergebnis der starren Formalisierung des Lernens negativ auf die Entwicklung von Kompetenzen auswirkt, liegt im Fokus auf den Lerninhalt, der vermittelt wird. Die ausschließliche Fokussierung auf das, was gelernt wird, verhindert die Erkenntnis wo und wie das Gelernte angewendet werden kann. Der Anwendungskontext wird unter Umständen nur eingeschränkt beleuchtet, was dazu führt, dass die Motivation neues zu Lernen gemindert wird. Dieses Vorgehen ist charakteristisch für formale Lernsysteme in denen erst das Wissen angeeignet wird, um (falls es dazu kommt) in der Zukunft ein Problem zu lösen. Informelles Lernen dagegen resultiert aus einem bestimmten Problem das gelöst werden soll. Der Anwendungskontext dient somit als Auslöser fürs Forschen nach einer Lösung - und somit fürs Lernen. Die Möglichkeit das noch fehlende Wissen an einem konkreten Fall anzuwenden spornt dazu an, die Wissenslücke zu schließen und damit im Eigenregie zu lernen. Die Verlagerung der Aufmerksamkeit von den Lerninhalten hin zu den potenziellen Anwendungsfällen dieser Lerninhalte, könnte einen Beitrag zur Anerkennung der in informellen Lernprozessen erworbenen Fähigkeiten beitragen.

Die Dokumentation von Problemlösungen bzw. von Anwendungsfällen kann mit Hilfe eines Kompetenzportfolios manifestiert werden. Innerhalb dieses Portfolios kann kenntlich gemacht werden, welche Kompetenzen mit Hilfe von welchen formellen oder auch informellen Lernprozessen erworben wurden, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Ein solches Vorgehen würde dem Anspruch der notwendigen Agilität genügen. Fachkräfte für Arbeitssicherheit konnten dadurch einerseits informell erworbenes Wissen dank konkreter Anwendungsfälle dokumentieren, andererseits hätten sie die notwendige Freiheit in der Themenwahl erlangt, die zur Profilierung der eigenen Persönlichkeit im Einklang mit individuellen Interessen und Bestrebungen führen kann. In der aktuellen Diskussion wird der Aspekt der Neugier und des Interesses in Bezug auf Lernthemen vernachlässigt. Es fehlt der Fokus darauf, wie ein Lerner sein Interesse und seine Neugier in den Lernprozessen integrieren kann. Wenn man Neugier und Interesse im Mittelpunkt stellt, ist die Differenzierung, ob die Inhalte formal oder informell gelernt werden, zweitrangig. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird auf Basis der Portfolio-Methode ein Weiterbildungskonzept für Fachkräfte für Arbeitssicherheit vorgestellt, das unter anderem zum Ziel hat, die Anerkennung von Kompetenzen, die innerhalb der informellen Lernprozessen erworben wurden. Hierzu folgt im nächsten Kapitel die Vorstellung der aktuellsten Entwicklungen im Bereich der Weiterbildung im Erwachsenenalter aus der HCI-Perspektive heraus.

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Autor: Krzysztof