Antike Ethnologie

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Was im deutschen Sprachraum Ethnologie resp. Völkerkunde heißt und sich ausgangs des 19. Jahrhunderts als neues Fach an den Universitäten etabliert, ist »der Sache nach« eigentlich ein ganz alter Hut. Man trug ihn schon im ganz alten Altertum und hat es das ganze Altertum hindurch getan. Natürlich war es nicht ein und dasselbe Modell, das da zweieinhalbtausend Jahre lang getragen wurde. Das Design differierte bereits im ganz alten Altertum, wie sich an den Babyloniern, Ägyptern und Israeliten feststellen lässt, und dies blieb das ganze Altertum hindurch so, wie sich an den Griechen und Römern feststellen lässt.

Ja, je älter das Altertum wurde, desto vielfältiger und differenzierter wurde die Formgebung. Der Stoff aber, dem sie Form gab, zeigte sich resistent gegen die differenten Weisen seiner Formatierung. Er behielt Stabilität. Und dieser Stoff war: der Kontakt mit dem Fremden, mit Ethnien und sozio-kulturellen Systemen näherhin, die dem, der ihre Bekanntschaft macht, als solche auffällig werden, die schlechthin anders als die Ethnie und das sozio-kulturelle System sind, dem er selbst zugehört. Wie im Altertum in Wort und Bild auf diese Begegnung mit dem Anderen reagiert und das Fremde in das Vertraute übersetzt worden ist, welche anthropologischen Symmetrie- und Asymmetriekonzepte dabei den »dichten Beschreibungen« der antiken Ethnologie zugrunde lagen und warum diese Deskriptionen beispielhaft für das sind, was Max Weber »selbstgesponnene Bedeutungsgewebe« genannt hat, soll in der Übung thematisch gemacht werden. Ab Mitte September wird an der Aufsicht ein Semesterplan ausliegen. Ihm ist zu entnehmen, was die Teilnehmer in den einzelnen Sitzungen erwartet.
K. E. Müller: Geschichte der antiken Ethnologie. [Rowohlt] Reinbek bei Hamburg 1997.