Erfahrungen können nicht beigebracht oder vermittelt werden

Veröffentlicht am: in der Kategorie: Besser Lernen

Erfahrungslernen ist eine der effektivsten Lernmethoden überhaupt. Erfahrungen kann man allerdings nicht an andere vermitteln, unterrichten, beibringen oder lehren. Jeder Mensch muss seine Erfahrungen durchleben um sie sammeln zu können.

Beim Thema Lernen könnte man auf die Idee kommen, wie ist es eigentlich mit den Erfahrungen. Wie kann ich anderen Menschen Erfahrungen beibringen, vermitteln oder lehren?
Noch vor einigen Jahren, in den Fünfzigern und Sechzigern hat der Begriff Erfahrung nicht so viel Relevanz wie heute. Erfahrungen wurden damals vollkommen anders definiert. In diesem Zeitraum betrachtete man die Erfahrungen als einen bloßen Gedankenakt, der von der Emotionalen Ebene und damit von Gefühlen vollkommen losgelöst war. Als Erfahrung bezeichnetet man reine bewusste Gedankengänge.

Nun, dank den modernen bildgebenden Verfahren aus der Neurowissenschaft ist uns heute bekannt, dass Erfahrungen sehr stark an die Emotionen gekoppelt werden.
Erfahrungen, die ohne jegliche Gefühle und Emotionen gemacht wurden, könnte man als die kalte Kognition bezeichnen. Nur tritt die kalte Kognition leider in keiner beobachtbaren Form auf. An sämtliche Erfahrungen die wir zeitlebens machen, ist eine große Palette an Emotionen und Sinneswahrnehmungen angedockt.

Das Wort Erkenntnis ist kein passendes Begriff für Erfahrung. Denn wir können dank gemachten Erfahrungen zu neuen Erkenntnissen kommen. Die Prozesse die dabei ablaufen, laufen meistens im Hintergrund ab. Es handelt sich dabei um unbewusste Prozesse, die im Hintergrund geschehen, von uns nicht gesteuert werden können und die auf Basis von gemachten Erfahrungen basieren.

Der Kognitionspsychologe Markus Kiefer liefert einen sehr anschaulichen Beweis dafür, dass Erfahrungen sehr stark mit der emotionalen Ebene gekoppelt sind. Wenn einer Person, die im MRT (Magnetresonanztomograph) gescannt wird, das Wort „Telefon" zugerufen wird, können die Neurologen auf dem Display Aktivitäten in den Gehirnarealen beobachten, die im Auditiven Kortex angesiedelt sind. Dieser Bereich wird auch als Hörrinde bezeichnet und ist verantwortlich für das Verarbeiten von auditiven Sinneseindrücken.
Eine Verknüpfung zwischen dem Erlebten und den emotionalen Zentren ist bei der Erfahrungsbildung hochwahrscheinlich.

Daraus ergibt sich: Die Erfahrungen können nicht beigebracht oder vermittelt werden.

Wissen kann beigebracht oder vermittelt werden. Eine Person in einem Klassenraum, im Freien oder im Wohnzimmer ist in der Lage einer anderen Person wissen zu vermitteln. Mit Erfahrungen sieht es anders aus. Ein aufmerksamer Leser und Denker erkennt diese Eigenschaft von Erfahrungen schon an der Wortbildung: Erfahrung kommt von Er-Fahren, Umfahren, Reisen. Die auf diese Weise vermittelten Sinneseindrücke können nur selbst durchlebt, durchgemacht und erfahren werden.

Teilweise liegt es auch daran, dass jeder mensch über einen anderen Wissensschatz verfügt. Dieser Wissensschatz bestimmt (oder zumindest beeinflusst) wie die neuen Reize und Sinneseindrücke wahrgenommen werden. Wenn man beispielsweise etwas nicht kennt, kann man es kaum wahrnehmen. Man kann auch sagen: Ich erkenne nur das was ich kenne. Das unbekannte ist mir fremd und ich erkenne es nicht, wenn ich es sehe.

Dasselbe kann unterschiedlich erfahren werden

Wie kommt es dazu, dass Dasselbe (was man beispielsweise vor Jahren zum ersten Mal erfahren hat) nach einigen Jahren anders wahrgenommen wird und auch anders erfahren wird?
Dieses Phänomen hängt damit zusammen, dass unser Wissen eine plastische Natur hat. Es ist formbar, und ändert sich ständig. Auf der Basis von dem bisherigen Wissen können wir etwas relativ unspektakulär erfahren. Jedoch einige Jahre später, sobald wir eine und dieselbe Sache erneut erfahren, treten extrem starke Gefühle und Emotionen auf. Mit der Zeit sammelt man immer mehr Erfahrungen, lernt neues Wissen und formt damit den eigenen Wissensschatz.

Zusammenfassend kann man sagen, dass aufgrund der Plastizität unserer Gehirne, immer wieder neue Erfahrungen gesammelt werden. Die Erfahrungen können aber nicht von anderen übermitteln werden. Um sie zu erlernen, muss man die Erfahrung selbst machen. Diese Eigenschaft lässt sich sehr schön aus der alten Bedeutung des Wortes Erfahrung ableiten. Wenn man im etymologischen Wörterbuch (Herkunftswörterbuch von DUDEN) unter Erfahrung nachschaut, findet man dort die Begriffe: umfahren, reisen. Wenn ich eine Reise mache, erfahre ich viele Dinge. Ich muss aber die Reise selbst antreten. Man kann zwar eine Reise geschenkt oder übertragen bekommen, diese Übertragung hat jedoch mit der Erfahrung nichts zu tun. Denn dabei werden nur die finanziellen Aufwendungen von einer anderen Personen übernommen. Die geschenkte Reise muss ich selbst machen um die Erfahrungen währen der Reise zu sammeln.


Warum ist Erfahrungslernen so effektiv und bereichernd?

Eine Erfahrung muss jeder einzeln durch machen. Das ist pures Learning by doing. Das ist auch der wahre Grund warum Erfahrungen so prägend sind und das Lernen so intensiv unterstützen. Erst wenn man die Dinge selbst mit den eigenen Händen begreift, lernt man effektiv. Das gelernte wird dabei für sehr lange Zeit gespeichert. Genau so wie bei einer Reise - man kann sich an sehr viele Details erinnern und zwar noch viele Jahre später.