3.1.1 Vom linearen zum organischen Kompetenzverständnis

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Im Kapitel: Vom linearen zum organischen Kompetenzverständnis - werden die Unterschiede zwischen der herkömmlichen linearen Betrachtungsweise im Bildungssystem und der natürlichen, organischen Betrachtungsweise unterschieden. Der Mensch und die Natur sind organisch. Lineare Entwicklung scheint unnatürlich zu sein.

„Peile keinen Erfolg an - je mehr du es darauf anlegst und ihn zum Ziel erklärst, umso mehr wirst du ihn verfehlen. Denn Erfolg kann wie Glück nicht verfolgt werden; er muss erfolgen ... als unbeabsichtigte Nebenwirkung, wenn sich ein Mensch einer Sache widmet, die Größer ist als er selbst." (Frankl (1975), S.14)

Erfolg kommt von Er-folgen
Die Bildungssysteme in den meisten entwickelten Ländern basieren auf Linearität. Sie wurden von der industriellen Revolution geprägt um den Bedürfnissen der damaligen Epoche gerecht zu werden. Daher folgten sie dem linearen Schema: Primarstufe -> Sekundarstufe I/II -> Tertiarstufe/Universität -> Feste Anstellung (teilweise mit Weiterbildung). Im Detail heißt es: Wenn alle Teilaufgaben der Primarstufe erfolgreich absolviert wurden, wird die Sekundarstufe erreicht. Wenn alle Teilaufgaben der Sekundarstufe erfolgreich abgeschlossen wurden, wird die Tertiarstufe erreicht usw. Nun dieser Entwicklungsprozess kann auf zwei Wegen durchschritten werden.

Der erste Weg, kann als der Weg des Erfolges genannt werden. Ein Teilnehmer, in diesem Fall ein Schüler oder ein Student, bzw. ein Berufsanfänger durchschreitet die vorliegende Laufbahn der Entwicklung mit dem Ziel vor Augen: möglichst schnell die aktuellen Aufgaben zu erledigen, damit der Weg zur nächsten Stufe eröffnet wird. Der Erfolg ist in diesem Fall fest eingeplant und als Ziel gesetzt. In diesem Fall passt sich der Akteur an die Spielregeln an, um in dem System möglichst einfach zu Recht zu kommen. Zusammenfassend kann man sagen: Der Teilnehmer wird so geformt, dass er an das System passt, um erfolgreich die Zielstufe zu erreichen.

Der zweite mögliche Weg kann als der Weg des Talentes bezeichnet werden. Dabei analysiert der Teilnehmer seine Fähigkeiten und Talente um den vor ihm stehenden Aufgaben gerecht zu werden. Er nutzt sein Wissen und seine Kompetenzen um weiter zu kommen. Auf dem Weg stößt er auf unbekannte Aufgaben. Er kann sich aber an die neuen Herausforderungen anpassen und dadurch seine Kompetenzen zu erweitern. Sein Ziel ist in diesem Fall nicht das Erreichen der nächsten Stufe, sondern das Einsetzen und das Hantieren mit seinen Fähigkeiten und Kompetenzen. Der Erfolg soll in diesem Fall Er-folgen, also als Ergebnis einer Tätigkeit folgen, nicht als Ziel. Der Akteur verhält sich zwar systemdienlich, das System aber ist für ihn gemacht und nicht er für das System.

Vergleicht man die beiden Sachverhalte, so erkennt man, dass in beiden Fällen das selbe Ziel erreicht wird - die nächste Stufe. Allerdings ist der Weg zu der nächsten Stufe vollkommen unterschiedlich. Im ersten Fall ist ein Zeugnis, ein Abschluss, eine Bescheinigung (Schein) das Ziel gewesen. Im zweiten Fall ist ein Zeugnis, ein Abschluss oder eine Bescheinigung das Ergebnis von der Ingebrauchnahme des eigenen Potenzials. In beiden Fällen werden Kompetenzen eingesetzt und auch entwickelt - aber unterschiedliche.

Die meisten Bildungssysteme sowie Bildungseinrichtungen orientieren sich am ersten Fall. Dieses System diente als ein überschaubares Muster für die industrielle Zeitalter. Im darauffolgenden informationellen Zeitalter stößt es an seine Grenzen. Denn das informationelle Zeitalter ist komplexer, dynamischer und vielfältiger als das industrielle.

Organische Entwicklung


Der Mensch ist ein komplexes Lebewesen, das über ein komplexes Gehirn verfügt. Sogar heute, im Jahre 2012 gilt das Gehirn als eines der spannendsten und unerforschsten Organe im Universum. Wo zwei Menschen aufeinander treffen, dort entsteht eine übersummantive Komplexität die aus den Summen der einzelnen Komplexitäten resultiert und zusätzlich aus deren möglichen Kombinationen. Das Lernen und die Entwicklung eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen kann daher nicht als linear beschrieben werden, sondern als organisch. Organische Wesen leben in Symbiose dank ihrer Diversität. Nimmt man eine strikte Spezialisierung, wird die Existenz der restlichen Arten gefährdet. Dieses Prinzip kann auch auf die Persönlichkeitsentwicklung und Kompetenzentwicklung analog angewendet werden.

Das Gehirn

Jedes Organ im menschlichen Körper hat eine bestimmte Funktion für die es von Natur aus besser ausgestattet wurde, als die anderen Organe. Wie im einleitenden Teil dieser Ausarbeitung schon angedeutet wurde, besteht die primäre biologische Funktion des Gehirns in der Koordination der Motorik von Muskeln. Sprechen, essen oder bewegen sind Prozesse die auf der Basis der feinen Muskelmotorik erfolgen.

Auf Grund der Annahme der linearen Entwicklung, wurde in den Bildungseinrichtungen eine strikte Spezialisierung auf diverse Fächer vorgenommen. Unglücklicherweise wurden die Lehrpläne so gestaltet, dass die Lehrfächer, die Koordination der Muskelmotorik fordern und fördern, kaum noch ihren Platz haben. Daraus folgt, dass die Schüler in den Bildungseinrichtungen ihr Gehirn zu einem anderen Zweck benutzen, als dieses von der Natur aus vorprogrammiert wurde (Vgl. Lotter (2010), S.128-141).

Diversifikation vs. Spezialisierung

Auf Grundlage der Beobachtung sowie der biologischen und neurobiologischen Erkenntnisse wird ersichtlich, dass die fortschreitende Spezialisierung in den ersten Bildungsinstanzen, in denen die ersten wichtigen Kompetenzen herausgebildet werden, nicht den erwünschten Erfolg Er-Folgen lässt. Die Lernprozesse finden nur mit einer verminderten Bandbreite der Möglichkeiten statt, da das Gehirn nicht verwendet wird, sondern mit Informationen versorgt wird. Eine organische Betrachtungsweise ermöglicht und fördert dagegen die Vielfalt der möglichen Verwendungsmöglichkeiten für das Gehirn. Dadurch kann die in den ersten Jahren der schulischen Laufbahn noch in großen Mengen vorhandene Lernlust, Gestaltungslust, Entdeckergeist und Begeisterung aufrecht erhalten werden.

Problemfelder

Die Betrachtung des Lernprozesses und des Kompetenzentwicklungprozesses aus der organischen Perspektive kann auch unerwartete Problemfelder zum Vorschein bringen. Neue Wege, neue Perspektiven und neue Denkweisen bedürfen anderer Methoden und Lösungsansätze. Die kann als eine Störung im negativen Sinne aufgefasst werden. Immerhin verfügt die Wissenschaft über ein großen Schatz an Lösungswegen, die für die Probleme der vergangenen Zeit verwendet werden. Kritisch wird es allerdings, wenn die neuen Probleme immer komplexer und vielfältiger werden. Sie können dann mit alten Methoden und damit ohne großen Aufwand, nur begrenzt behoben werden. Ohne Aufwendung von „psychischen Energie" (Vgl. Csikszentmihalyi (2008), S. 60) können nur begrenzt neue Lösungswege gefunden werden.

Ein anderes Problem stellt der Aspekt der Leistungsbewertung dar. Der Fokus auf Spezialisierung wurde mit der Standardisierung der Leistungsbewertung in den Bildungseinrichtungen voran getrieben. Um die Schüler und Studenten einheitlich beurteilen zu können, brauchte man ein System, das die Diversität der Schüler trivialisiert. Die Leistungsbewertung erfolg dann einfacher und schneller. Die Korrektur von Tests, die nur das erlernte Vorratswissen prüfen erfolgt erheblich schneller als die Korrektur von Essays, in den individuelle und kreative Lösungsvorschläge und Meinungen präsentiert werden. Dagegen ist bei Förderung von unterschiedlichen Talenten und Begabungen der Schüler und Studenten (also bei fortschreitender Diversifizierung) ein einheitliches System der Leistungsbewertung kaum anwendbar. Eine einheitliche Bewertung fördert nur das Erlernen von Vorratswissen, nicht die Entwicklung von Kompetenzen. Des Weiteren werden Störungen in der systemischen Therapie als Möglichkeiten der Lösungsfindung betrachtet. Störungen werden absichtlich hervorgerufen um ein Problem zu lösen (Vgl. Schlippe (2007), S. 68 oder zur Entstörung verwendet (Vgl. Schweitzer (2009), S.79 ).

Kompetenzentwicklung und Lernen

Kompetenzentwicklung baut auf Lernen auf. Die beiden Begriffe weisen eine inhaltliche und sinngemäße Interdependenz auf. Oben wurde gezeigt, dass die lineare Betrachtung des Lernprozesses ungeeignet für das Informationszeitalter ist. In den Bildungseinrichtungen kann jedoch eine weitere Fehlentwicklung beobachtet werden: das Erlernen, die Entwicklung sowie die Anwendung von Kompetenzen werden überwiegend extrinsisch motiviert.

3.1.2 Vom extrinsischen zum autopoietischen und autotelischen Kompetenzverständnis

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Autor: Krzysztof