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14. März 2017Autobiographie und Autofiktion Lektürebegriffe
Die geplante Vorlesung umfasst eine systematische und historische Einführung in das weite Spektrum autobiographischer Schreibweisen, d.h. meist in Ichform präsentierter Erzählungen der Geschichte des eigenen Lebens. Zwischen Philippe Lejeunes pragmatischem Paktmodell (1975) und Paul de Mans Charakteristik des Autobiographischen als...
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Jetzt Lernplan erstellenDie geplante Vorlesung umfasst eine systematische und historische Einführung in das weite Spektrum autobiographischer Schreibweisen, d.h. meist in Ichform präsentierter Erzählungen der Geschichte des eigenen Lebens. Zwischen Philippe Lejeunes pragmatischem Paktmodell (1975) und Paul de Mans Charakteristik des Autobiographischen als einer allgemeinen ‚Lese- oder Verstehensfigur' (1979) bewegen sich die meist induktiven Definitionsversuche eines gattungspoetologisch schwer einzuordnenden ‚Genres' abendländischer Provenienz. Ging es Goethe in seinem bahnbrechenden Werk Dichtung und Wahrheit noch um das inzwischen unrealisierbar erscheinende Unterfangen, -den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen-, hat die Dekonstruktion der Figur eines autonomen Subjekts die hermeneutische Selbstreflexion (Dilthey) nicht nur als ‚Deckerinnerung', sondern auch als narzisstisch motivierte ‚Psychosynthese' in Frage gestellt. Das postmoderne Phänomen autofiktionaler Texte, die ihren eigenen Konstruktcharakter inszenieren, zieht gleichsam die letzte Konsequenz aus der Unentscheidbarkeit zwischen Fakt und Fiktion, Realität und Erfindung. Mimesis wird zur Mimikry. Ausgehend von der Geburt der modernen Autobiographie aus der religiösen Institution der Beichte und patristischer Bekenntnisliteratur (Augustinus), deren Erweckungserlebnis im 18. Jahrhundert zum pietistischen Konversionsschema erstarrte, das vom französischen Philosophen und Literaten Jean-Jacques Rousseau zugleich säkularisiert und singularisiert wurde, soll zunächst die literarhistorische Evolution der ‚Selbsterlebensbeschreibung' (Jean Paul), vom ‚psychologischen Roman' eines Karl Philipp Moritz über den (Anti-) Bildungsroman als verschlüsseltes Zeugnis (Gottfried Keller, Hofmannsthal) oder literarisierte amtliche Dokumente (Grillparzer) bis zum ironischen Spiel mit Identitäten (Friedrich Theodor Vischer, Max Frisch) und marginalen ‚Ego-Dokumenten', z.B. sexueller und geschlechtlicher Minderheiten, entfaltet werden. Nach einem Exkurs zur Geschichte weiblicher Autobiographik sowie journalistischer Populärbiographik (des 20. Jhs.) wird die postmoderne Ausdifferenzierung autofiktionalen Schreibens (Doubrovsky, Barthes, Weyergans, Angot, Jelinek, Joop, Özdamar) in den Mittelpunkt gerückt. Randständig werden auch verwandte Gattungen, wie z.B. Memoiren, Biographie oder Tagebuch (z.B. Kafka), vergleichend einbezogen.
Sekundärliteratur (Auswahl):
Misch, Georg: Geschichte der Autobiographie. 4 Bde. (1907-1969, postum)
Holdenried, Michaela: Autobiographie. Reclam 2000
Wagner-Egelhaaf, Martina: Autobiographie [2000]. 2., aktualis. u. erw. Aufl. Metzler: 2005
Lejeune, Philippe: Le pacte autobiographique. Paris 1975
De Man, Paul : « Autobiographie als Maskenspiel » [1979]. In: Die Ideologie des Ästhetischen. Hg. von Christoph Menke. Suhrkamp 1993, S. 131-147
Doubrovsky, Serge: -Nah am Text-. In: Autofiktion 7 (2008), S. 123-133
Wagner-Egelhaaf, Martina: -Autofiktion - Theorie und Praxis des autobiographischen Schreibens-. In: Johannes Berning u.a. (Hg.), Schreiben im Kontext von Schule, Universität, Beruf und Lebensalltag. Berlin: LIT 2006, S. 80-101
Holdenried, Michaela (Hg.), Geschriebenes Leben. Autobiographik von Frauen. Berlin: Erich Schmidt 1995
Scheuer, Helmut: Biographie. Studien zur Funktion und zum Wandel einer literarischen Gattung vom 18.Jh. bis zur Gegenwart. Metzler 1980
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