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Uni-Kassel
14. März 2017

Blockseminar Der Zusammenhang von Philosophie Theologie und Religion Heidnische islamische und christliche Texte aus Antike Mittelalter und Renaissance

VORBESPRECHUNG: DONNERSTAG 28. Oktober um 12 Uhr im Raum 1305, Nora-Platiel-Str. 1 Hauptseminar (kompakt: 21-23.02.2011) - Raum 1207, Nora-Platiel-Str. 1. Erst die Aufklärung bricht mit der alten Auffassung, daß zur Philosophie auch eine philosophische Gotteslehre gehört. Aber auch zuvor fielen...

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VORBESPRECHUNG: DONNERSTAG 28. Oktober um 12 Uhr im Raum 1305, Nora-Platiel-Str. 1 Hauptseminar (kompakt: 21-23.02.2011) - Raum 1207, Nora-Platiel-Str. 1. Erst die Aufklärung bricht mit der alten Auffassung, daß zur Philosophie auch eine philosophische Gotteslehre gehört. Aber auch zuvor fielen Philosophie und Theologie - oder philosophische und religiöse Lebenspraxis - durchaus nicht zusammen. Was der Gott der Philosophen mit dem Gott der Offenbarungsreligionen zu tun hat, bleibt eine offene Frage. Das Seminar behandelt nur einen Ausschnitt dieses Fragenkomplexes. Dabei ist seine Arbeitsweise auf interkulturelle Perspektiven und Kooperation abgestellt. Ausgangspunkt ist die philosophische Gotteslehre bei Aristoteles (Metaphysik XII) und Plotinos (Enn. V 1 / 3). Es folgen Texte aus dem Mittelalter: für die islamische Tradition al-Farabi und Ibn Ruschd (lat. Averoes); für die christliche Abaelard und/oder das Edikt des Pariser Bischofs Tempier aus dem Jahre 1277. Den Abschluß bildet Pico della Mirandolas Rede Über die Würde des Menschen, die sich ebenso auf antike wie auch auf islamische und christliche Traditionen bezieht. Die Gotteslehre der aristotelischen Metaphysik (XII, c. 6-10) ist denkbar weit von jeder gelebten Religion oder traditionellen Frömmigkeit entfernt. Sie sagt etwas über die Weise, in der das Gute zur natürlichen Beschaffenheit der Welt gehört; daher auch darüber, wieso es sich eben dadurch realisiert, daß alles in der Welt seine naturgemäße Leistung erbringt. Und -alles- heißt hier: einschließlich des Menschen, dessen -Glück- (eudaimonia) eben dies ist (vgl. Nik. Eth. I, c. 6). Es gilt im alten Griechentum keine Theologie, mit der dies konfligieren könnte. Bemerkenswert ist aber, daß die später entstehende, ganz anderen Motiven verpflichtete christliche und islamische Theologie um die Auseinandersetzung mit Aristoteles - und sogar den Versuch einer Aneignung - nicht herumkommen wird. In der Spätantike werden die Religionen des Orients und des Christentums als Bedrohung für die Philosophie empfunden. So versucht der Neuplatoniker Plotin (ca. 205-270), die religiösen Einflüsse zurückzudrängen und gegenüber der unüberschaubaren Fülle der religiösen Meinungen die platonische Philosophie zu behaupten. Vor dem Hintergrund des platonischen Dialogs Parmenides werden die Prinzipien des Einen (hen), des Geistes (nous ) und der Weltseele (psyche) als die allein wesentlichen Grundlagen des philosophischen Denkens benannt, um mit Hilfe dieser Voraussetzungen nicht nur eine philosophische Gotteslehre, sondern auch den gesamten Zusammenhang zwischen Gott und Welt in einer durchgehenden dreiheitlichen Stufenfolge zu entwickeln. Innerhalb der klassischen philosophischen Tradition des Islam sind unterschiedliche Versuche unternommen worden, um das Verhältnis von Philosophie und Religion zu bestimmen. Die Bearbeitung dieses Verhältnisses wird vor dem Hintergrund sowohl der Philosophie von Platon, Aristoteles und Plotin als auch der theologischen Tradition des Islam vollzogen. Nach al-Farabi (ca. 870- ca. 951) verfügt die Philosophie über ein demonstrativ-begriffliches Wissen (universal), das nur den Philosophen verständlich ist. Zwar erstrebt die Religion auch die absolute Wahrheit, vermittelt diese ihrem Publikum aber über die Sprache der Bilder, der Symbole und der Gleichnisse (partikular). In Ibn Ruschds (1126-1198) Werken findet die Rechtfertigung der Philosophie in der arabisch-islamischen Kultur ihren rational-juristischen Ausdruck. So ist z.B. Die entscheidende Abhandlung eine juristische Verteidigung der Philosophie im Islam und damit auch eine Replik auf den theologischen Angriff von al-Ghazali (1058-1111) gegen die Philosophie. Dort interpretiert Ibn Ruschd, dass der Koran den Muslimen die Philosophie als Pflicht auferlege, vor allem denjenigen, die mit demonstrativer Beweisführung vertraut seien. Die Dialektiker und Rhetoriker hingegen seien nicht befugt, sich mit philosophischen Fragen zu befassen. Seine These bezüglich der Unterscheidung zwischen Philosophie und Religion bzw. zwischen Vernunft und Glauben wird von als Frühaufklärung betrachtet. Die Philosophie des Averroes hat bedeutende Einflüsse auf das lateinische Mittelalter ausgeübt und zu einer kontroversen Debatte zum Verhältnis von Glauben und Vernunft geführt. Ein wichtiges Dokument dieser Auseinandersetzung ist das Edikt des Bischofs Tempier aus dem Jahre 1277 (kurz nach dem Tode des Thomas von Aquin), in dem unter scharfer Zurückweisung des entstehenden christlichen Averroismus einer christlichen Rezeption der aristotelischen Philosophie Grenzen gesetzt werden. Ganz anders die eineinhalb Jahrhunderte älteren Collationes Abaelards: Ein Gespräch zwischen (beiläufig als Muslim vorgestellten) Philosophen, einem Juden und einem Christen. Das Thema - das richtige Leben und das höchste Gut - fällt gleichermaßen in die Theologie und die Philosophie. Philosophie und Theologie gehen zusammen, ohne daß die eine in der anderen aufgehen müßte. In der Renaissance werden Motive des (neu)platonischen Denkens wiederbelebt und in einem breiten Horizont vorchristlicher, jüdischer, christlicher und islamischer Einflüsse verarbeitet. Im Zuge einer Synthese der unterschiedlichen philosophischen und theologischen Strömungen greift Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494) die neuplatonische Stufenfolge zwischen Gott und Sein auf, um in ihr nicht nur die Möglichkeit des Aufstiegs zu Gott, sondern auch eine dreiteilige Ordnungsstruktur der Wissenschaften zu erkennen. Die Gottsuche des Menschen vollzieht sich dementsprechend über den Weg der wissenschaftlichen Ausbildung, insofern die Moralphilosophie die Reinigung, die Naturphilosophie die Erleuchtung und die Theologie die Gotteserkenntnis bewirkt. Texte, Übersetzungen etc.: Aristoteles: Metaphysik, dt. von H. Bonitz, Reinbek: Rowohlt 1994. M. Bordt: Aristoteles' 'Metaphysik' XII, Darmstadt: wbg 2006 Plotin: Die drei ursprünglichen Wesenheiten (Enn. V, 1), in: Plotin, Seele, Geist Eines: Enn. IV 8, V 4, V 1, V 6 und V 3, gr./dt. hg. von R. Harder, R. Beutler und W. Theiler, eingel. etc. von K. Kremer, Phil. Bibliothek Bd. 428, Hamburg 1990. Plotin: Ausgewählte Schriften, dt. von C. Tornau, Ditzingen: Reclam 2001 Ergänzend: Plotin, Gegen die Gnostiker (Enn. II, 9), in: Plotins Schriften, gr./dt. von R. Harder, R. Beutler und W. Theiler, Bd. III, Hamburg: Meiner 1964 S. 104-161 Abu Nasr Al-Farabi, Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt, Reclam, 2009. Averroes, Die entscheidende Abhandlung und die Urteilsfällung über das Verhältnis von Gesetz und Philosophie, Meiner, 2009. Peter Abaelard: Collationes sive dialogus inter philosophum, iudaeum et christianum / Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen, lat./dt. hg. von H.-W. Krautz, Ffm: Insel 1995, repr. Frankfurt a.M. und Leipzig: Verlag der Weltreligionen 2008 Dazu J. Müller: -Philosophie und Theologie im Dialog über die rechte Lebensführung-, in: Zur Geschichte des Dialogs. Philosophische Positionen von Sokrates bis Habermas, hg. von M.F. Meyer, Darmstadt: wbg 2006, S. 78-90 K. Flasch: Aufklärung im Mittelalter? Die Verurteilung von 1277, übers., hg.und erkl., Mainz: Diederich 1989 G. Pico della Mirandola: Über die Würde des Menschen / De hominis dignitate, lat./dt. hg. von A. Buck, Hamburg: Meiner 1990 G. Pico della Mirandola: Rede über die Würde des Menschen / Oratio de hominis dignitate, lat./dt. hg. von G. v.d. Gönna, Ditzingen: Reclam 1997 FB 01 Institut für Philosophie Uni Kassel WiSe 2010/11 Philosophie der Wissensformen Philosophie Dr. Bönker Vallon Angelika