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Uni-Hannover
14. März 2017

Das Böse auf dem Vormarsch Zur Auseinandersetzung um Gut und Böse in der europäischen Geistesgeschichte und in den Disputen der Gegenwart

Wer die Geschehnisse in der Welt wie auch hierzulande verfolgt, kann sich kaum des Eindrucks erwehren, dass das Böse in erschreckender Zunahme begriffen ist und das friedliche Zusammenleben mehr und mehr bedroht. Was soll man davon halten, dass in unserer...

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Wer die Geschehnisse in der Welt wie auch hierzulande verfolgt, kann sich kaum des Eindrucks erwehren, dass das Böse in erschreckender Zunahme begriffen ist und das friedliche Zusammenleben mehr und mehr bedroht. Was soll man davon halten, dass in unserer Sprache das Wort -Gutmensch- zum Schimpfwort und Ausdruck der Verachtung geworden ist? Wie lässt es sich erklären, dass das ganz alltägliche Böse von vielen als Normalität hingenommen wird? Mobbing ist schon unter Schulkindern zum Freizeitsport geworden. Hetz- und Hassparolen im Internet finden Beifall und werden neuerdings nicht mehr im Schutz der Anonymität, sondern immer häufiger auch unter Preisgabe des Namens verbreitet, weil die Urheber offenbar glauben, der Zustimmung anderer sicher sein zu können. Autofahrer und Passanten fotografieren und filmen Unglücksfälle und deren Opfer und stellen ihre Produkte zur Unterhaltung ins Netz. Nicht selten behindern sie ungeniert die Rettungsarbeiten und empören sich noch, wenn sie des Schauplatzes verwiesen werden. Andere zünden Flüchtlingsheime an, verprügeln Ausländer und werden mit Ansporn und Beifall belohnt. Ausgebeutete Saisonarbeiter werden um ihren kargen Lohn betrogen und in Abbruchhäusern gegen horrende Mieten zusammengepfercht. Menschen, die Missstände aufdecken, müssen um ihr Leben fürchten oder werden bestenfalls entlassen oder versetzt. Selbst Lokalpolitiker und ihre Familien erhalten Morddrohungen. So manche sogenannte -Satiresendungen- und -Kabarettshows- im Fernsehen appellieren an die niedrigsten Instinkte der Zuschauer, dürfen ungestraft Verunglimpfungen und Beleidigungen verbreiten und finden sogar noch Unterstützer, die dergleichen unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit oder gar Kunstfreiheit verteidigen. Eine zunehmende Verrohung der Sitten hat sich breit gemacht. Alles nur Lappalien? Wir reden uns ein, dass es in den Demokratien westlichen Zuschnitts das Böse in großem Maßstab nicht (mehr) gibt. Stimmt das? Ja, wir dürfen uns glücklich schätzen, dass wir nach zwei verheerenden Weltkriegen und den monströsen Verbrechen im vergangenen Jahrhundert inzwischen 70 Jahre Frieden erleben durften, dass sich die verfeindeten Staaten ausgesöhnt haben und eine gute Nachbarschaft pflegen, dass sich die Mehrzahl der europäischen Nationalstaaten zu einem gemeinsamen Europa zusammengeschlossen haben, mag dies noch so unvollkommen und krisenanfällig sein. Das europäische Projekt steht vor gewaltigen neuen Herausforderungen, die der Anstrengungen aller bedürfen. Allzu gern werden die mannigfachen Missstände als bedauerliche, aber unvermeidliche Begleiterscheinungen der Globalisierung, als -Kinderkrankheiten- auf dem Weg zu einer freien und friedlichen globalen Wettbewerbsgesellschaft der Zukunft bagatellisiert. Unterstellen wir einmal optimistisch, dass diese -Kinderkrankheiten- der globalen Gesellschaft heilbar sind: Welche Arznei steht gegen das ganz alltägliche Böse in unserer unmittelbaren gesellschaftlichen Umgebung zur Verfügung, und welche Operationen und Therapien können möglicherweise das Virus des Bösen im Organismus der Welt im Großen besiegen? In dieser Vorlesung sollen die wichtigsten Lehren zu Gut und Böse in der europäischen Geistesgeschichte, ihre Erklärungen zu Ursachen und Auswüchsen des Bösen und zur Aneignung des Willens und der Befähigung zum Guten vorgestellt werden und auch neueste Forschungsansätze zur Sprache kommen. Gasthörendenstudium Anmeldung erforderlich! Universität Hannover WiSe 2016/17 Prof. Dr. phil. Rohloff Heide phil