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Uni-Siegen
14. März 2017

Der Luftkrieg der Literatur

Ende der 1990er Jahre lösten W.G. Sebalds Poetik-Vorlesungen zum Thema Luftkrieg und Literatur eine hitzige öffentliche Debatte über Vergangenheitsbewältigung und den ‚richtigen‘ erinnerungskulturellen Umgang mit der kollektiven Erfahrung des Bombenkriegs gegen deutsche Städte aus. Dieser in den verschiedensten Massenmedien und...

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Ende der 1990er Jahre lösten W.G. Sebalds Poetik-Vorlesungen zum Thema Luftkrieg und Literatur eine hitzige öffentliche Debatte über Vergangenheitsbewältigung und den ‚richtigen‘ erinnerungskulturellen Umgang mit der kollektiven Erfahrung des Bombenkriegs gegen deutsche Städte aus. Dieser in den verschiedensten Massenmedien und Milieus ausgetragene Diskurs ist bis heute nicht abgerissen – man denke nur an die heftige Kontroverse um Jörg Friedrichs Erfolgsbuch Der Brand (2002), an die Rezeption von Roland Suso Richters stargespicktem TV-Drama Dresden (2006) oder an Fernseh-Dokumentationen wie Als Feuer vom Himmel fiel (2011) aus der von Guido Knopp präsentierten Reihe ZDF-History. In diesem Seminar wollen wir uns mit der Verarbeitung der Luftkriegsthematik im Medium der Literatur von 1945 bis heute beschäftigen. Anhand einschlägiger Texte arrivierter Autoren (Hans Erich Nossack, Gert Ledig, Alexander Kluge, Dieter Forte) soll es darum gehen, mit welchen künstlerischen Verfahren die westdeutsche Literatur auf die Bombenkriegserfahrung reagiert und diese ästhetisiert, aber keineswegs – wie von Sebald unterstellt - verschwiegen hat. Dabei beweist die Luftkriegsliteratur eine Formenvielfalt, die für die (post-)moderne Literatur insgesamt typisch ist und die wir einer eingehenden Prüfung unterziehen werden. In diesem Zusammenhang werden wir uns Fragen der Figuren-, Inhalts- und Stilanalyse widmen. Darüber hinaus wird die Narrativik einen besonderen Schwerpunkt bilden, denn nicht zuletzt lässt sich der Formenreichtum der Luftkriegsliteratur am Nebeneinander von eher traditionellen Erzählverfahren und experimentellen Textmontagen belegen. Geplant ist, neben der Ebene der werkimmanenten Interpretation aber auch die literatursoziologische Dimension zu ihrem Recht kommen zu lassen. Dazu gehört insbesondere der Einbezug der außerliterarischen Kontexte, in deren medialen Bedingungsfeld sich die Luftkriegsliteratur bewegt. Welche Position nehmen die Texte etwa im Rahmen des Schulddiskurses ein? Wie gehen sie mit religiösen bzw. metaphysischen Sinnstiftungsangeboten um? Inwiefern tragen sie zur Gedächtnispolitik und zur Konstruktion von Geschichtsbildern bei, etwa hinsichtlich der ‚Stunde Null‘ - dem bundesrepublikanischen Gründungsmythos schlechthin? Außerdem ist geplant, die Texte auf ihre Tauglichkeit für den Literaturunterricht in der Sekundarstufe II hin abzuklopfen. Als Vorbereitung auf das Seminar sollten sie die erwähnten Texte zu Semesterbeginn bereits weitgehend gelesen haben. In der ersten Sitzung wird ein detaillierter Seminarplan nebst weiterführenden Literaturhinweisen zur Verfügung gestellt und das weitere Vorgehen besprochen, u.a. die Verteilung von Referaten, die Bildung von Expertengruppen etc. Texte: Hans Erich Nossack: Der Untergang [1948], Frankfurt/M.: Suhrkamp (1976) [80 Seiten, im Reader] Gert Ledig: Vergeltung [1956], Frankfurt/M.: Suhrkamp BasisBibliothek (2004) [178 Seiten, anzuschaffen] Alexander Kluge: Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945 [1977], Frankfurt/M.: Suhrkamp (2008) [85 Seiten, anzuschaffen] Dieter Forte: Der Junge mit den blutigen Schuhen [1995], Frankfurt/M.: Fischer (1998ff.) [304 Seiten, anzuschaffen] Germanistisches Seminar Universität Siegen WiSe 2011/12 Dr. Berlemann Dominic