Uni-Siegen
14. März 2017Du bist was Du isst Kulturelle Dimensionen von Ernährung
Der Themenkomplex Ernährung wird im Zusammenhang mit Lebensmittelskandalen, Bioboom, Gesundheitswahn oder Welthungerkrise gesellschaftlich aus verschiedenen Perspektiven kritisch verhandelt und mit kontroversen Bedeutungszuschreibungen versehen. Während diese Diskurse an den jeweils aktuellen Symptomen ansetzen, wurde der kulturelle Bezugsrahmen als Ursprung und Basis...
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Jetzt Lernplan erstellenDer Themenkomplex Ernährung wird im Zusammenhang mit Lebensmittelskandalen, Bioboom, Gesundheitswahn oder Welthungerkrise gesellschaftlich aus verschiedenen Perspektiven kritisch verhandelt und mit kontroversen Bedeutungszuschreibungen versehen. Während diese Diskurse an den jeweils aktuellen Symptomen ansetzen, wurde der kulturelle Bezugsrahmen als Ursprung und Basis von bestimmten Ernährungsgewohnheiten und -einstellungen bislang nur vereinzelt erforscht. Im Rahmen des Seminars wollen wir diesen vernachlässigten Themenkomplex näher unter die Lupe nehmen und die in literarischen und medialen Erzählungen codierten Sichtweisen auf Ernährung untersuchen. Dabei sind verschiedene literaturwissenschaftliche/ literaturdidaktische Fokussierungen denkbar, die in der ersten Seminarsitzung gemeinsam diskutiert und ausgewählt werden sollen, zum Beispiel:
- Historische Dimensionen: Welche Bedeutung hat das Thema Ernährung in Texten verschiedener literarischer Epochen? Wie werden die großen Umbrüche in der Nahrungsmittelversorgung (Industrialisierung, Importe/Exporte, Globalisierung) literarisch verarbeitet? Welche Entwicklungen und Konstanten lassen sich im Vergleich von Themen, die mit Ernährung zusammenhängen feststellen?
- Gattungsspezifische und gattungsübergreifende Formen und Funktionen in der Darstellung: Inwiefern lassen sich im Umgang mit dem Thema Ernährung gattungs- bzw. genrespezifische Tendenzen feststellen? Welche Rolle spielt das Thema in den Großgattungen oder adressatenbezogenen Genres wie der KJL? In welchem Verhältnis stehen Sachliteratur und Fiktionen?
- Intermediale Dimensionen: Wie wird das Thema Ernährung intermedial z.B. in Film, Comic, Computerspiel oder neuen hybriden Genres wie der mocumentary umgesetzt? Welche Formen der medienspezifischen Inszenierung werden dabei genutzt oder neu herausgebildet?
- Kulturkomparatistische Dimensionen: Wie wird das Thema in unterschiedlichen Kulturräumen literarisch-medial verarbeitet? Welche kulturspezifischen Differenzen lassen sich dabei feststellen? Inwiefern wird Ernährung im Vergleich verschiedener Literaturen als Kulturtechnik deutlich?
- Interdisziplinäre Dimensionen: Auf welche Weise wird innerhalb der Erzählungen auf Wissen aus anderen Disziplinen Bezug genommen, wie wird dieses verarbeitet? Welche Funktion hat der faktuale Diskurs für die Fiktion und welche Funktion kann die Fiktion im faktualen Diskurs übernehmen?
- Pathologische Dimensionen: Wie werden die mit Ernährung verbundenen Krankheiten wie z.B. Mangelerscheinungen durch Hunger auf der einen und Magersucht/Bulimie durch materiellen Überfluss auf der anderen Seite literarisch-medial inszeniert?
- Nachhaltigkeitsdimensionen und deren Wechselwirkungen: Auf welche Weise wird Ernährung als zentrales Makrothema einer nachhaltigen Entwicklung literarisch-medial sichtbar gemacht? Wie werden die Nachhaltigkeitsdimensionen Ökologie, Ökonomie, Soziales dabei gewichtet und bewertet und welche Nachhaltigkeitsstrategien finden dabei Berücksichtigung? Inwiefern können die Erzählungen im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung wirksam werden?
- Ethische Dimensionen: Inwiefern spielt beim Umgang mit dem Thema ethische Verantwortung gegenüber Tieren oder den an den Produktionsprozessen beteiligten bzw. von der westlichen Ressourcenverschwendung (z.B. durch Fleischkonsum oder Überproduktion) betroffenen Menschen eine Rolle? Wie werden die damit verbundenen Gewissenskonflikte gelöst und bewertet?
- Genderdimensionen: Welche geschlechterspezifischen Zuschreibungen lassen sich im literarisch-medialen Umgang mit Ernährung erkennen? Inwiefern werden dabei Rollenklischees bedient oder gebrochen?
- Literaturdidaktische Dimensionen: Inwiefern lässt sich das Thema Ernährung mit den Kernkompetenzen des Deutschunterrichts verknüpfen und damit über die naturwissenschaftliche Fächer hinaus auch in das zentrale Fach Deutsch integrieren? Welchen Beitrag kann der Literaturunterricht für die Vermittlung von Handlungswissen im Zusammenhang mit Ernährung leisten?
Dem Seminar liegt die Überzeugung zugrunde, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile und Wissens- und Erkenntnisgewinn auf gegenseitigem Austausch beruht. Aktive Teilnahme und eine angemessene Vorbereitung werden deshalb vorausgesetzt.
Germanistik - Literaturdidaktik II
Universität Siegen
WiSe 2014/15
Dr.
Hollerweger Elisabeth