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14. März 2017Franz Grillparzer zwischen josefinischer Aufklärung und poetischem Realismus
Das Werk des zum österreichischen Nationaldichter aufgestiegenen Franz Grillparzer (1791-1872) situiert sich im Spannungsfeld der
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Jetzt Lernplan erstellenDas Werk des zum österreichischen Nationaldichter aufgestiegenen Franz Grillparzer (1791-1872) situiert sich im Spannungsfeld der 'von oben' dekretierten sozialen Reformen eines aufgeklärten Absolutismus durch Josef II., Sohn Maria Theresias, und der anti-liberalen Restaurationspolitik (Metternich) des zunehmend von politischen Krisen destabilisierten Habsburger Vielvölkerstaates, der dem Rivalen Preußen nach der gemeinsam zerschlagenen bürgerlichen Revolution (1848) allmählich unterlag. Grillparzers literarisches Schaffen, das vor allem als dramatisches hervorsticht, aber auch bekannte Erzählungen und weniger bekannte Gedichte umfasst, bewegt sich zwischen dem rationalistischen Diskurs des josefinischen Theaters (z.B. Josef von Sonnenfels), dessen romantische Kompensation (wie im frühen historischen Drama Die Ahnfrau, 1817) der Schriftsteller bald verwirft, und einer frührealistischen Poetik im Sinne Adalbert Stifters. Obwohl Geschichtlichkeit dabei durch Mythologie vermittelt erscheint, entbehrt das Tragische - wie bei Heinrich von Kleist - nicht eines modernen Zugs von innerweltlichem Zufall (vgl. die Tragödien König Ottokars Glück und Ende, 1825, oder Ein Bruderzwist in Habsburg, 1848, urauf. 1872). - Für Claudio Magris, der 1963 die These vom 'Habsburger Mythos' entfaltete, d.h. eines nostalgisch besetzten 'Sonderwegs' der österreichischen Literatur aufgrund ihrer besonderen kulturhistorischen Bedingungen, verkörpert der gescheiterte einsame 'Sonderling' in Grillparzers KünstlernovelleDer arme Spielmann (1848) gleichsam den Prototyp 'bittersüßer' Entsagungsfiguren, etwa bei Franz von Saar oder Marie von Ebner-Eschenbach. Als Hofrat, für den die öffentliche Anerkennung seines literarischen Wirkens zu spät kam, teilte Grillparzer die Melancholie dieser resignativen Haltung, stand aber als langjähriger Direktor des Wiener Staatsarchivs, das er von 1832 bis 1856 leitete, der tagespolitischen Realität keineswegs fern. Wie Kafka verzichtete er allerdings auf Ehe und Kinder zugunsten des Schreibens. Daher werden wir in diesem Seminar vor allem der Inszenierung der Geschlechterdifferenz nachgehen, von Schlüsseldramen wie Libussa (1872, urauf. 1840), Gründerin Prags und Auslöserin eines 'Mädchenkriegs', über das Künstlerdrama Sappho (urauf. 1818) oder das Geschichtsdrama Die Jüdin von Toledo (*1824 ff., 1872) bis zum Fragment einer Selbstbiographie (*1853, 1872), in dem u.a. die verfehlte Begegnung mit Goethe in Weimar geschildert wird.
Voraussetzung für die Teilnahme am Kurs ist die Bereitschaft zur Lektüre eines Pflichtprogramms und zur Übernahme eines Referats. Als gelesen vorausgesetzt werden folgende Texte von Franz Grillparzer: -Der arme Spielmann-, -Selbstbiographie- und das Drama -Libussa-.
Primärliteratur:
Grillparzer, Franz: Werke in drei Bänden. Ausgew. u. eingeleitet v. Claus Träger. Berlin/Weimar: Aufbau Vlg. 1990 (oder andere Ausgaben bzw. Einzelveröffentlichungen, z.B. bei Reclam)
Sekundärliteratur:
- Bachmaier, Helmut: -Franz Grillparzer-. In: Deutsche Dichter, Bd. 5. Stuttgart: Reclam 1989, S. 327-347
- ders. (Hg.): Franz Grillparzer. Frankfurt a.M. (= Ffm.): Suhrkamp 1991
- Borchmeyer, Dieter: -Libussa-. In: Neumann, Gerhard/Schnitzler, Günther (Hg.), F.G. Historie und Gegenwärtigkeit. Freiburg i.Br.: Rombach 1994, S. 179-203
- Schnitzler, Günther: -Grillparzer und die Spätaufklärung-, in: ebd., S. 179-203
- Dusini, Arno: Die Ordnung des Lebens. Zu Grillparzers Selbstbiographie. Tübingen: Niemeyer 1991
- Schininà, Alessandra: 'Ich wär tot, lebt' ich mit dieser Welt.' F.G. in seinen Tagebüchern. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag 2000
- Fülleborn, Ulrich: -'Der Gang der Zeit von Anfang'. Frauenherrschaft als literarischer Topos bei Kleist, Brentano und Grillparzer-. In: Kleist-Jahrbuch1986, S. 63-80
- Köster, Udo: -Frauenherrschaft, Zeitenwende. Über das Verhältnis von Mythos und Geschichte in Romantik und Vormärz am Beispiel der Bearbeitungen des Libussa-Stoffes bei Brentano, Ebert, Mundt und Grillparzer-. In: Bunzel, Wolfgang u.a. (Hg.), Romantik und Vormärz. Zur Archäologie literarischer Kommunikation in der ersten Hälfte des 19. Jhs. Bielefeld: Aisthesis 2003, S. 391-413
- Pichl, Robert: -Grillparzer als Dramatiker des 'Frührealismus' zwischen Kleist und Büchner-. In: Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft, 3. Folge, 21 (2006), S. 51-64
-Kurt, Franz: -Der arme Spielmann'.- In: Lehmann, Jakob (Hg.), Deutsche Novellen von Goethe bis Walser, Bd. 1. Königstein i.Ts. 1980, S. 161-188
- Hoverland, Lilian: -Speise, Wort und Musik in Grillparzers Novelle Der arme Spielmann. Mit einer Betrachtung zu Kafkas Der Hungerkünstler-. In: Jahrbuch der Grillparzer-Ges., 13. Folge, 3 (1978), S. 63-84
- Politzer, Heinz: Grillparzer oder Das abgründige Biedermeier. Wien: Zsolnay 1990
- Magris, Claudio: Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur [italien. Original 1963]. Wien: Zsolnay 2000
Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I
Universität Siegen
20122 WiSe 2012/13
apl. Prof. Dr.
Runte Annette