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Uni-Hannover
14. März 2017

Grammatikalisierung

Obwohl -die Grammatik- allgemein als die feste Grundstruktur einer Sprache gilt – ihr Skelett sozusagen –, ist sie dennoch sprachlichem Wandel unterworfen. Grammatische Kategorien, grammatische Paradigmen und grammatische Regeln bleiben über die Zeit hinweg keineswegs stabil oder gar gleich, sondern...

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Obwohl -die Grammatik- allgemein als die feste Grundstruktur einer Sprache gilt – ihr Skelett sozusagen –, ist sie dennoch sprachlichem Wandel unterworfen. Grammatische Kategorien, grammatische Paradigmen und grammatische Regeln bleiben über die Zeit hinweg keineswegs stabil oder gar gleich, sondern sie werden kontinuierlich modifiziert, erneuert, ersetzt, ergänzt. Ein Beispiel ist die Entwicklung der Perfekttempora in den germanischen und romanischen Sprachen (z.B. im Deutschen, Englischen, Französischen und Spanischen): Hier hat sich neben bereits bestehenden Vergangenheitstempora eine neue Tempusform, das Perfekt, etabliert, wobei jeweils ein ursprünglich lexikalisches Verb mit der Bedeutung mit der ‚haben, besitzen, halten‘ als Auxiliar, d.h. in neuer, grammatischer Funktion, verwendet wurde. Dieser Prozess – die Entstehung grammatischer Formative aus lexikalischen Einheiten – wird Grammatikalisierung genannt. Die dabei stattfindenden Veränderungen erfolgen nicht zufällig oder regellos, sondern sie weisen übereinzelsprachliche Tendenzen und Gesetzmäßigkeiten auf. Die morphosyntaktischen, semantischen und funktionalen Veränderungen ebenso wie die kognitiven und pragmatisch-kommunikativen Prozesse, die mit den Aufbau neuer grammatischer Markierungen verbunden sind, folgen universalen Prinzipien. Die Grammatikalisierungsforschung untersucht diese Prinzipien, ihre Wirkung in den unterschiedlich strukturierten Einzelsprachen und ihr komplexes Zusammenspiel mit den jeweiligen sozio­linguistischen und historischen Bedingungen. Der Kurs bietet eine Einführung in die Grundlagen der Grammatikalisierungsforschung, gibt einen Überblick über wichtige Teilgebiete und über zentrale Grammatikalisierungskanäle. Ferner werden kritische und kontroverse Punkte in der Theoriebildung zur Diskussion gestellt und Detailstudien zu ausgewählten Grammatikalisierungsvorgängen durchgeführt. Die Objektsprachen sind vorrangig, aber keineswegs ausschließlich das Deutsche und das Englisch. Erwartet wird intensive eigenständige Lektüre vor allem englischsprachiger Texte und die datenbasierte Bearbeitung eines selbst gewählten Beispiels für Grammatikalisierungsvorgänge. Die Anforderungen für die Prüfungsleistungen sind modulspezifisch gestuft. Bybee, Joan L., Revere D. Perkins & William Pagliuca (1994): The Evolution of Grammar: Tense, Aspect and Modality in the Languages of the World. Chicago: Univ. of Chicago Press. Croft, William (2000): Explaining Language Change. An Evolutionary Approach. Harlow [etc.]: Longman. Diewald, Gabriele (1997): Grammatikalisierung. Eine Einführung in Sein und Werden grammatischer Formen. Tübingen: Niemeyer. Hopper, Paul J. & Elizabeth Closs Traugott (2003): Grammaticalization. Second edition. Cambridge: Cambridge University Press. Lehmann, Christian (2002): Thoughts on grammaticalization. Second, revised edition. Erfurt: Arbeitspapiere des Seminars für Sprachwissenschaft der Universität. Narrog, Heiko & Bernd Heine (eds.) (2011): Oxford Handbook of Grammaticalization. Oxford: Oxford University Press. Deutsche und Englische Linguistik, Master of Arts Teilnehmerzahl: 25. Universität Hannover WiSe 2015/16 Deutsch, Master LA Gymnasium Prof. Dr. phil. Diewald Gabriele phil