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Uni-München
14. März 2017

Hauptseminar Der Sumpf

Sumpfgebiete und ihre Bewohner sind kulturgeschichtlich überdeterminiert und stehen im Zentrum vielfältiger rhetorischer und narrativer Strategien. Mit psychoanalytischer, diskursanalytischer und gendertheoretischer Herangehensweise werden wir literarische und (populär)wissenschaftliche Texte analysieren, in denen Sümpfe, Moore, Tümpel, Mangroven oder schlammige, trübe Gewässer für...

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Sumpfgebiete und ihre Bewohner sind kulturgeschichtlich überdeterminiert und stehen im Zentrum vielfältiger rhetorischer und narrativer Strategien. Mit psychoanalytischer, diskursanalytischer und gendertheoretischer Herangehensweise werden wir literarische und (populär)wissenschaftliche Texte analysieren, in denen Sümpfe, Moore, Tümpel, Mangroven oder schlammige, trübe Gewässer für mehr als nur Lokalkolorit sorgen. Der Schwerpunkt liegt auf dem deutschen Sprachraum um 1900, je nach Interessen unter den Teilnehmenden bieten sich auch komparatistische Sumpfexkursionen etwa ins Gebiet der Romanistik oder in die Gegenwartsliteratur an. Mehrere Sitzungen sind dem Unterfangen gewidmet, der um 1900 florierenden Idee eines Sumpfmatriarchats auf den Grund zu gehen: In seinem einflussreichen wie umstrittenen Werk Das Mutterrecht geht Johann Jakob Bachofen (1815–1887) von einem ursprünglichen Matriarchat aus, das durch regellose Sumpfzeugung geprägt gewesen sei. Dieses Konzept des Hetärismus wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten von so verschiedenen Autoren wie Friedrich Engels, Ludwig Klages, Walter Benjamin, Franz Kafka und Thomas Mann rezipiert. Zu Debatte stehen die verschiedenen Haltungen, mit denen jeweils auf den Sumpf Bezug genommen wird, sowie die Frage nach den Funktionen, die entsprechende Bildfelder erfüllen. Klaus Theweleit argumentiert, dass die Konjunktur des Sumpf- und Schlammmotivs im Wilhelminismus sich keineswegs durch ein genuines Interesse für geografische und meteorologische Gegebenheiten erklären lasse, sondern vielmehr den soldatisch-aufrechten Körper als indirekten Bezugspunkt habe: Der Sumpf werde mit allem konnotiert, wovor sich dieser Männertypus mit aller Gewalt abgrenze – Körperflüssigkeiten, Schleim, Breie, Weiblichkeit. Allerdings müssen affirmative Bezugnahmen auf den Sumpf genauso kritisch hinterfragt werden wie die um Abgrenzung, Trockenlegung und Ackerbau bemühte Haltung. Wir werden uns mit dem eigentümlichen Pathos berühmter Fantasien des Kreatürlichen und der Auflösung auseinandersetzen müssen, mit Bekundungen von Sehnsucht nach dem Dasein menschlicher -Ur-ur-ahnen-, als -Klümpchen Schleim in einem warmen Moor- (Benn). Schließlich legt die Sumpfbegeisterung in der Weltanschauungsliteratur des populären Darwinismus nahe, dass gerade die melancholisch anmutende Hinwendung zum Sumpf mitunter als dramaturgischer Bestandteil steiler Fortschrittsnarrative eingesetzt werden kann, denen zufolge bereits den einfachsten Lebewesen im Schlamm der Wille zur Höherentwicklung innewohnt. Zur vorbereitenden Lektüre empfiehlt sich Johann Jakob Bachofen: Das Mutterrecht. Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. [1861] Berlin: Suhrkamp 2003. Erwartet wird regelmäßige Anwesenheit und aktive Mitarbeit sowie die Bereitschaft, die Mitverantwortung für eine Sitzung zu übernehmen. ECTS: BA: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) MA: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet/ mit Essays od. Referat, unbenotet) MA NF : als P 1: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) als P 2: 6 ECTS (ohne Hausarbeit, unbenotet) MA Profilbereich: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) Department I - Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache LMU München SoSe 2015 Dr. Willner Jenny