Uni-Kassel
14. März 2017Hauptseminar Semantik
Marie-Sophie besucht Heinz-Rüdiger, sie verliert einen Ohrstecker, beide suchen das Schmuckstück am Boden, sie kommen sich näher, zufällig berühren sich ihre Schultern, da küsst Heinz-Rüdiger Marie-Sophie. Sie ist entsetzt und geht. Zeichentheoretisch lässt sich dieses Katastrophenszenario so erklären: Heinz-Rüdiger hat...
Erstelle deinen persönlichen Lernplan
Wir helfen dir, diesen Kurs optimal vorzubereiten — mit einem individuellen Lernplan, Tipps und passenden Ressourcen.
Jetzt Lernplan erstellenMarie-Sophie besucht Heinz-Rüdiger, sie verliert einen Ohrstecker, beide suchen das Schmuckstück am Boden, sie kommen sich näher, zufällig berühren sich ihre Schultern, da küsst Heinz-Rüdiger Marie-Sophie. Sie ist entsetzt und geht.
Zeichentheoretisch lässt sich dieses Katastrophenszenario so erklären:
Heinz-Rüdiger hat die Handlungen Marie-Sophies falsch interpretiert. Das absichtslose Verlieren, die absichtslose Berührung als absichtsvoll eingesetzte Zeichen, um Nähe herzustellen, angesehen und selbst mit einer zeichenhaften Handlung darauf reagiert.
Um nun doch noch etwas zu retten, muss er wieder auf Zeichen zurückgreifen, nämlich auf die Zeichen der natürlichen Sprache, die als basale Instanz der Verständigung zur Verfügung stehen. In einem Brief an Marie-Sophie formuliert er den folgenden Absatz:
-Ich habe deine Zutraulichkeit missbraucht. Es gibt eigentlich kein Wort dafür, wie ich mich jetzt fühle.-
Der Brief verfehlt seine Wirkung:
• Das Wort -Zutraulichkeit- erregt Marie-Sophies Unwillen. (Warum?)
• Sie hält die zweite Aussage für reichlich pathetisch, denn sie ist der festen Überzeugung, dass es für alles, was existiert, genau ein richtiges Wort gibt. (Stimmt das?)
Das Seminar verortet sein Erkenntnisfeld innerhalb der Semiotik, der Lehre von den Zeichen und Zeichensystemen. Es stellt verschiedene Zeichenmodelle vor und wendet diese speziell auf das universelle Zeichensystem der natürlichen Sprache an.
Im Zuge dieser Betrachtungen werden Strukturen des mentalen Lexikons aufgedeckt, unterschiedliche Verfahren der Bedeutungsbeschreibung erörtert und sprachphilosophische Gedanken zum Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit entwickelt.
Auf dieser Grundlage können letztendlich auch die Fragen, die Heinz-Rüdigers Brief aufwirft, diskutiert werden.
Kirsten Adamzik. Sprache: Wege zum Verstehen. Tübingen 2001
Jean Aitchison. Wörter im Kopf. Eine Einführung in das mentale Lexikon. Tübingen 1997
S.I. Hayakawa. Sprache im Denken und Handeln. Darmstadt o.J.
Angelika Linke u.a.. Studienbuch Linguistik. Tübingen 2001
Sebastian Löbner. Semantik. Berlin 2003
Bemerkung
SprWiss
FB 02 Institut für Germanistik
Uni Kassel
WiSe 2012/13
Germanistik/Deutsch
Dr.
Müller Christoph