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14. März 2017Literatur und Kultur des 8216 Ostjudentums 8217
Der aufklärerische Impuls einer Emanzipation des Judentums, die trotz Toleranzpostulat (vgl. Lessing) an dessen Assimilationsbereitschaft (vgl. Mendelssohn) gebunden blieb, bewirkte neben der Säkularisierungstendenz auch ein neues Spannungsverhältnis zwischen religiöser Orthodoxie und Sektierertum (z.B. Chassidismus, ‚Wunderrabbis
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Jetzt Lernplan erstellenDer aufklärerische Impuls einer Emanzipation des Judentums, die trotz Toleranzpostulat (vgl. Lessing) an dessen Assimilationsbereitschaft (vgl. Mendelssohn) gebunden blieb, bewirkte neben der Säkularisierungstendenz auch ein neues Spannungsverhältnis zwischen religiöser Orthodoxie und Sektierertum (z.B. Chassidismus, ‚Wunderrabbis'). Obwohl sich Juden seit dem späten Mittelalter in Osteuropa, vornehmlich in Polen, angesiedelt hatten, verfestigte sich das Klischee vom ‚Ostjudentum' als kulturellem Relikt wie transkultureller Utopie erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Wurde die archaische Lebensform des ‚Stetl' (Städtchens) von den Ghetto-Geschichten eines Leopold Kompert oder Aaron Bernstein zur Idylle verklärt, erschien deren in Sagen und Legenden überlieferte Exotik wenig später als Ausdruck sozialen Elends (von Karl Emil Franzos bis zu Alfred Döblin), aber auch als Quelle künstlerischer Produktivität (etwa bei Joseph Roth). So begeisterte sich etwa Franz Kafka für das jiddische Theater. Doch das dem ‚Westjüdischen' entgegen gesetzte ‚Ostjüdische', das sich weder durch spezifische geographische, religiöse oder sprachliche Merkmale bestimmen lässt, erweist sich als historisches Konstrukt. Die um 1900 durch antisemitische Diskurse verschärfte Identitätskrise des Judentums führte u.a. zu einer lebensphilosophisch geprägten Rückkehr zu den ‚Wurzeln', so etwa bei Martin Buber. Die ‚ostjüdische Renaissance' zeugt von einer re-mythisierenden Aufwertung des Anderen (vgl. Arnold Zweig).
Auf der Folie einer historischen Einführung in die jüdische ‚Buch- und Schriftkultur' (vgl. Alain Ouaknin), die sich in der Alteritätsphilosophie eines Emmanuel Levinas dekonstruiert, soll der Evolution eines kulturellen Stereotyps anhand literarischer, (auto-)biographischer, journalistischer und wissenschaftlicher Texte, z.B. auch anthropologischer Reiseberichte (vgl. An'Ski), nachgegangen werden. [Bedingung für die Seminarteilnahme ist die Bereitschaft zur Übernahme eines (Gruppen-)Referats und zur Lektüre der im Semesterapparat verfügbaren Primär- und Sekundärliteratur.]
Primärliteratur:
- Maimon, Salomon: Lebensgeschichte. Von ihm selbst geschrieben [1792]. Berlin: Aufbau 1988
- Kompert, Leopold: Ghetto-Geschichten. Hg. von Burkhard Bittrich. Berlin: Nicolai 1988
- Bernstein, Aron: Vögele der Maggid. Eine Novelle [1860]. Berlin: Schocken Vlg. 1954
- Franzos, Karl Emil: Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. Stuttg., Berlin: Cotta 1923
- Singer, Israel J.: Die Brüder Aschkenasi. Aus dem Amerikanischen. Rowohlt 1989
- Ostjüdische Erzähler. J.-L.Perez, Scholem Alejchem, Scholem Asch. Aus dem Jiddischen von Alexander Eliasberg. Wiesbaden: Fourier Vlg. 1980
- Chagall, Marc: Mein Leben. Stuttgart: Hatje Vlg. 1959
- Chagall, Bella: Brennende Lichter (roro 1969) u. Erste Begegnung (roro 1996)
- Zweig, Arnold/Hermann Struck: Das ostjüdische Antlitz [1922]. Berlin, Weimar: Aufbau'88
- Döblin, Alfred: Reise in Polen [1926]. Olten, Freiburg i.Br. 1968
- Roth, Joseph: Juden auf Wanderschaft [1928]. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1976
- Bergner, Elisabeth: -Bewundert viel und viel gescholten...- Unordentliche Erinnerungen. München: Goldmann 1978
- Susman, Margarete: Ich habe viele Leben gelebt. Stuttgart: dva ²1964
-Rosenkranz, Moses: Kindheit. Fragmente einer Autobiographie. Aachen: Rimbaud Vlg. 2001
Sekundärliteratur:
- Haumann, Heiko: Geschichte der Ostjuden. München: dtv ³ 1991
- Deutschtum und Judentum. Hg. Von Christoph Schulte. Stuttgart: Reclam 1993
- Schütz, Hans J.: -Eure Sprache ist auch meine-. Eine deutsch-jüdische Literaturgeschichte. Zürich, München: Pendo Vlg. 2000
- Jasper, Willi: Deutsch-jüdischer Parnass. Literaturgeschichte eines Mythos. Berlin: Propyläen 2004
- Hermand, Jost: Judentum und deutsche Kultur. Beispiele einer schmerzhaften Symbiose. Köln, Wien, Weimar: Böhlau 1996
- Shaked, Gershon: Die Macht der Identität. Essays über jüdische Schriftsteller. Königstein i.Ts.: Jüdischer Vlg. Bei Athenäum 1986
- Hödl, Klaus: Als Bettler in die Leopoldstadt. Juden auf dem Weg nach Wien. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1994
- Hahn, Hans Henning/Jens Stüben (Hg.): Jüdische Autoren Ostmitteleuropas. Ffm.u.a.: Lang 2000
- Glau, Angelika: Jüdisches Selbstverständnis im Wandel. Jiddische Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wiesbaden: Harrassowitz Vlg. 1999
- Klanska, Maria: Aus dem Schtetl in die Welt. 1772-1928. Ostjüdische Autobiographien in deutscher Sprache. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1994
- Stephan, Inge/Sabine Schilling/Sigrid Weigel (Hg.): Jüdische Kultur und Weiblichkeit in der Moderne. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 1994
- Hahn, Barbara: Die Jüdin Pallas Athene. Auch eine Theorie der Moderne. Berlin: Berlin Vlg.2002
- Bechtel, Delphine: La Renaissance culturelle juive en Europe centrale et orientale 1897-1930: langue, littérature et construction nationale. Paris: Belin 2002
- Engel-Braunschmidt, Annelore/Eckhard Hübner (Hg.): Jüdische Welten in Osteuropa. Ffm. u.a.: 2005
- Gelhard, Dorothee u.a. (Hg.): In und mit der Fremde. Über Identität und Diaspora im Ostjudentum. Ffm. u.a.: Peter Lang 2005
- Raffel, Eva: Vertraute Fremde. Das östliche Judentum im Werk von Joseph Roth und Arnold Zweig. Tübingen: Gunter Narr 2002
- Hubach, Sibylle: Galizische Träume. Die jüdischen Erzählungen des Karl Emil Franzos. Stuttgart: Akademischer Vlg. 1986
Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I
Universität Siegen
WiSe 2010/11
apl. Prof. Dr.
Runte Annette