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Uni-München
14. März 2017

Masterseminar Der besprochene Krug Poetik der Dinge

Erhart Kästner, u.a. Brieffreund Martin Heideggers, verklagt in seiner Schrift Aufstand der Dinge wortmächtig die neuzeitliche Versklavung der Dinge durch eine instrumentelle Ratio/Praxis: der moderne Mensch kenne einzig noch den -Panzer-Fortschritt der Ausspähung, Überlistung, Unterdrückung und Überanstrengung der Dinge-. Töricht...

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Erhart Kästner, u.a. Brieffreund Martin Heideggers, verklagt in seiner Schrift Aufstand der Dinge wortmächtig die neuzeitliche Versklavung der Dinge durch eine instrumentelle Ratio/Praxis: der moderne Mensch kenne einzig noch den -Panzer-Fortschritt der Ausspähung, Überlistung, Unterdrückung und Überanstrengung der Dinge-. Töricht sei es dabei, so Kästner, den geknechteten Dingen keinerlei Gegenmacht/Eigensinn zuzutrauen, ihr widerständiges ‚Spartakus-Begehren‘ zu verkennen. Entsprechend fabuliert Kästner die -Möglichkeit eines General-Streiks der Dinge- herbei. Ließe sich im Anschluss an Kästner nicht sogar sagen, dass jeder Ding-Benutzer minimale Generalproben eines derartigen Streiks aus eigener Erfahrung kennt? Ob es nun die Kaffeemaschine, das Feuerzeug, der Drucker, die Heizung oder das Auto ist: treten sie, wie kurzfristig immer, in den Ausstand, geht ein kleiner Riss durch die scheinbar stabilen Subjekt/Objekt-Routinen der Alltagswelt. Der Philosoph und Schriftsteller Friedrich Theodor Vischer hat im 19. Jahrhundert für diesen Sachverhalt in seinem Roman -Auch Einer- den schönen Ausdruck -Tücke des Objekts- geprägt. Jeder Reparaturbetrieb erschiene in dieser Perspektive als organisierte Streikbrecherei im Dienste perfider humaner Selbstbehauptung; institutionalisierte Attacke auf den jederzeit möglichen -Bartleby-Effekt- (Hartmut Böhme) - -They would prefer not to…- - im Feld der Dinge. Kästner selbst schreibt im Übrigen der Kunst und den Künstlern das Verlangen zu, die Dinge aus ihrer Verknechtung zu befreien; darin eins mit seinem Briefpartner Martin Heidegger, der die von Kästner monierte Ding-Versklavung seinsgeschichtlich auf die Herrschaft des -Ge-Stells- zurückführte. Bei Heidegger lautet dann der Ausweg u.a.: das Ding dingen lassen. Und ihn führt dieser Anspruch auf die Befreiung der Dinge aus ihrer subjektiv-humanen Zurichtung eben gleichermaßen auf das Feld der Kunst bzw. der Dichtung: wer die Dinge dingen lassen will, muss gleichzeitig im Kunstwerk die Sprache als Sprache zur Sprache bringen. Die Wörter und die Dinge: ihr Verhältnis stellt sich allein schon durch diese hier angerissenen Überlegungen als eine abgründige Sphäre voller diskursiver Mucken dar. Mit Freud könnte man sagen: das Verhältnis zu den Dingen ist stets heimlich und unheimlich zugleich. Das gerade noch ‚zuhandene‘ Ding kann sich im nächsten Moment im Modus -gespenstiger Gegenständlichkeit- (Marx) (de-)präsentieren. Und korrespondierte dabei am Ende vielleicht sogar die -Tücke des Objekts- einer ebenso unheimlichen -Tücke des Subjekts- (iek)? Die Psychoanalyse jedenfalls weiß vom Nebenmenschen zu berichten, dieser selbst sei jenseits oder diesseits aller humanistischen Herzenswärmereien ein bedrohliches und monströses Ding. Anlass und Material genug also, um im Seminar die alte Frage -Was ist ein Ding?- aus verschiedenen Richtungen aufzuwerfen, zu diskutieren und mit weiteren zusammenzustellen: Wie zeigen bzw. entziehen sich Dinge? Welche verschiedenen Ding-Formen gilt es zu unterscheiden (alltägliche und heilige Dinge, museale Dinge, Fetische etc.)? Wie organisieren sich unterschiedliche hegemoniale Ding-Konzepte im Laufe der Geschichte (z.B. in kapitalistischen Gesellschaften durch die Verwandlung von Gebrauchsdingen in Waren)? Was meint man genau, wenn man sagt, etwas sei bedingt bzw. unbedingt? Kann es eine Politik der Dinge geben (man denke an Bruno Latours Rede vom -Parlament der Dinge- oder an die ehrwürdige Beschwörung der -res publica-; Shakespeares -Hamlet-: -The king is a thing. […]…) Of nothing.-) Letztlich: Wie repräsentiert, sagt, schreibt man (die) Dinge? Und weist die Rede von der Materialität des Signifikanten nicht hin auf eine sprachliche Sphäre/Erfahrung, in der sich die Sprache als eine Art Hyper-Ding präsentiert (konstitutive Blödigkeit des Signifikanten, Sprache als Automatismus/Maschine, Lacans -lalangue- etc.)? Knotenpunkte der Seminar-Diskussion werden/könnten dabei sein: Ding-Gedichte (Mörike, C. F. Meyer, Rilke); narrative Darstellungen der -Tücke des Objekts-, ausrangierter Objekte sowie zirkulierender/verschwindender Dinge wie Briefe oder Baseballs (Vischer: -Auch Einer-; Poe: -The Purloined Letter-; Ponge: -Le Savon-/ -Die Seife- und -Le Parti pris des choses-/ -Im Namen der Dinge- ; Calvino: -Die Mülltonne-; DeLillo: -Underworld-; Sebald: -Die Ringe des Saturn-); soziologisch-philosophische Erkundungen von Krügen (Simmel: -Der Henkel-; Bloch: -Ein alter Krug-; Adorno: -Henkel, Krug und frühe Erfahrung; Heidegger: -Das Ding-); Psychoanalytische Ding-Diskurse (Freud: -Fetischismus-; Lacan: -Die Ethik der Psychoanalyse-; Winnicott: -Transitional Objects and Transitional Phenomena-); Politische Ökonomie der Dinge zwischen Philosophie und Literatur (Marx: -Das Kapital- [Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis]; Lukács: -Geschichte und Klassenbewußtsein- [Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats]; Perec: -Les Choses-/ -Die Dinge-). Zur Einführung und Orientierung: Hartmut Böhme: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 2006, S. 39-153 (-Das ist ein Ding. - Einführung in die Welt der Dinge-). Michael Niehaus, Das Buch der wandernden Dinge. Vom Ring des Polykrates bis zum entwendeten Brief, München (Hanser) 2009. ECTS: BA: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) MA: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet/ mit Essays od. Referat, unbenotet) MA Profilbereich: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) Department I - Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache B.A.-Nebenfach SLK: Diese Veranstaltung entspricht in WP 2 dem Kurstyp -Kernveranstaltung zu Themen der Literaturwissenschaft m/n/o/p- (WP 2.0.13/15/17/19). Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30-60 Min.) schreiben oder eine mündliche Prüfung (15-30 Min.) ablegen oder ein Portfolio (20.000-40.000 Zeichen) fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. Die Wahl der Prüfungsart liegt beim Dozenten. LMU München SoSe 2016 Dr. Bullmann Lars