Uni-Siegen
14. März 2017Medientheorie der Gespenster Eine Einführung
Medientheorien sind immer auch Gespenstergeschichten. So unterschiedlich Medientheoretiker die Frage, was Medien sind, auch beantworten – es geht doch jedes Mal um die Anwesenheit eines Abwesenden, also um gespenstische Phänomene. Im berühmten Brief an Milena vom März 1922 spricht schon...
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Jetzt Lernplan erstellenMedientheorien sind immer auch Gespenstergeschichten. So unterschiedlich Medientheoretiker die Frage, was Medien sind, auch beantworten – es geht doch jedes Mal um die Anwesenheit eines Abwesenden, also um gespenstische Phänomene. Im berühmten Brief an Milena vom März 1922 spricht schon Franz Kafka von den -Gespenstern-, die unsere geschriebenen Küsse -austrinken-, bevor diese ihren Empfänger erreichen. Im Seminar beschäftigen wir uns mit medientheoretischen Grundlagentexten von Jacques Derrida, Marshall McLuhan, Friedrich Kittler, Roland Barthes und anderen. Diese Texte schicken uns zwangsläufig auf einen Parcours durch die Einzel-Medien: Schrift, Fotografie, Film, Fernsehen, Computer etc. Nach Immanuel Kant sind allerdings Gedanken ohne Inhalt leer und Anschauungen ohne Begriffe blind. Wir werden daher unseren Gedanken zur Medientheorie der Gespenster einen Inhalt geben: Sinn- und augenfällig wird das Gespenstische und Unheimliche der Medien nämlich, wenn die Phantome, Wiedergänger und Untoten selbst auf den Plan treten und dadurch das Medium gleichsam heimsuchen. Beispiele gibt es dafür viele: das Theater-Gespenst des toten Königs in Shakespeares -Hamlet-, Filme von -Das Cabinet des Dr. Caligari- bis zu -The sixth Sense-; und ein Fernsehspiel wiederum von Samuel Beckett heißt bezeichnenderweise -Geister-Trio-. Wir dürfen am Ende (und im Seminar) aber nicht vergessen: Medien sind gesellschaftliche Artefakte. Sie werden von Menschen, oder zumindest Mensch-Maschine--Kollektiven- (Bruno Latour), benutzt. Während in unserer wissenschaftlich durchrationalisierten Welt kaum mehr jemand dem Gespensterglauben verfällt, sind die spukhaften Erscheinungen längst in virtuelle Medienräume ausgewandert. Ob sie uns noch – oder jetzt erst recht – das Gruseln lehren? Auch diese Frage werden wir im Seminar diskutieren.
Fakultät I - Philosophische Fakultät
Universität Siegen
WiSe 2012/13
Priv.-Doz. Dr.
Lommel Michael Priv Doz