Zurück zum Vorlesungsverzeichnis
Uni-Siegen
14. März 2017

Medusa in der Blick und Bildtheorie

Das Medusa-Mythologem steht innerhalb der Blick- und Bildtheorie sowohl für Prozesse des Wechsels von Materialitäten, als auch für die violente Wirkung der Bilder. Medusas (An-)Blick versteinert. Diese Eigenschaft bleibt ihrem Kopf auch nach der perfiden Enthauptung durch Perseus erhalten, obwohl...

Erstelle deinen persönlichen Lernplan

Wir helfen dir, diesen Kurs optimal vorzubereiten — mit einem individuellen Lernplan, Tipps und passenden Ressourcen.

Jetzt Lernplan erstellen
Das Medusa-Mythologem steht innerhalb der Blick- und Bildtheorie sowohl für Prozesse des Wechsels von Materialitäten, als auch für die violente Wirkung der Bilder. Medusas (An-)Blick versteinert. Diese Eigenschaft bleibt ihrem Kopf auch nach der perfiden Enthauptung durch Perseus erhalten, obwohl sie die Trägerschaft ihrer Person an fremde Verfügungsgewalten verliert. Das Haupt wird zur gefürchteten Waffe, welches auch als Gorgoneion bezeichnet – wie das Vera icon – zu den Acheiropoíeta zählt. Der separierte, zugleich tote und lebendige Kopf der Medusa ist durch seine Wirkungsmacht kein Objekt, sondern etwas selbst Handelndes, ein Akteur, der erst durch Selbstbetrachtung geschaffen wurde. Ovid benennt die von Medusa zu Stein verwandelten Tiere und Menschen sogar als -Bilder-, weshalb sie durchaus als -heilige Patronin der Künste- (Jean Clair) oder als -Bildhauerin- (Horst Bredekamp) angesehen werden kann. Während der Dekapitation gebiert Medusa aus ihrem Schnitt am Hals, von Poseidon gezeugt, Pegasos und Chrysaor. Minerva (Athene), die Vergewaltigung der schönen, jungen Gorgonin durch Perseus in ihrem eigenen Tempel beobachtend, verwandelte diese anschließend aus Eifersucht in ein schlangenhaariges Monstrum. Vielleicht sind es genau diese Umstände, die das Haupt der Medusa innerhalb psychoanalytischer Deutungsmuster mit dem weiblichen Genital, Kastrationsangst und der Vagina dentata assoziieren. Allen Ansätzen gemeinsam ist der Wirkungsmechanismus einer Affizierung des Betrachters, der über den Blick, das Gezeigte und Gesehene funktioniert und dabei sowohl Bild- als auch Materialitäts- und Gattungsgrenzen geradezu paragonal bis in die Fototheorie überschreitet. Anhand von ausgewählten Textauszügen und Bildbeispielen werden im Seminar die komplexen Bezüge vorgestellt und diskutiert. Regelmäßige Teilnahme, Bereitschaft zur Lektüre und Diskussion sind Voraussetzung für jedweden Scheinerwerb. Horst Bredekamp, Theorie des Bildakts, Berlin 2010. (Darin: V -Der intrinsische Bildakt: Form als Form-, I. Der Bildblick, S. 231–249.) Jean Clair, Méduse. Contribution à une anthropologie des arts du visuel, Paris 1989. Gilles Deleuze u. Félix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, übers. v. Gabriele Rickel u. Ronald Voillié, Berlin 1993. (Darin: -7. Das Jahr Null – Die Erschaffung des Gesichts-, S. 229–262.) Brigid Doherty, -Monster, Medusa, Vera icon. Gesichter und deren Verlegung in Rosemarie Trockels Kunst-, in: Gesichter. Kulturgeschichtliche Szenen aus der Arbeit am Bildnis des Menschen, hg. v. Sigrid Weigel, München 2013, S. 151–168. Philippe Dubois, Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv, Amsterdam [u.a.] 1998. (Darin: -Spiegelmythologien: Narziss, Medusa-, S. 138–154.) Sigmund Freud, -Das Medusenhaupt (1922)-, in: Gesammelte Werke chronologisch geordnet, hg. v. Anna Freud, Bd. 17, Frankfurt am Main 1993, S. 45–48. Marjorie Garber u. Nancy J. Vickers (Hg.), The Medusa Reader, London 2003. Werner Hofmann (Hg.), Zauber der Medusa. Europäische Manierismen, Wien 1987. Alexandra Karentzos, Kunstgöttinnen. Mythische Weiblichkeit zwischen Historismus und Secessionen, Marburg 2005. (Darin: -Die Chimäre der Archaik-, S. 105–115.) Louis Marin, Die Malerei zerstören, Zürich 2001. Louis Marin, Von den Mächten des Bildes, Zürich 2007. Craig Owens, Beyond Recognition. Representation, Power and Culture, Berkeley [u.a.] 1992. (Darin: -The Medusa Effect, or, The Specular Ruse-, S. 191–200). Julia Kristeva, The Severed Head. Capital Visions, übersetzt v. Jody Gladding, New York 2012. (Darin 3. -Who is Medusa?-, S. 28–36.) Klaus Krüger, -Das unvordenkliche Bild. Zur Semantik der Bildform in Caravaggios Frühwerk-, in: Caravaggio. Originale und Kopien im Spiegel der Forschung, hg. v. Jürgen Harten u. Jean-Hubert Martin, Ausst.-Kat. 2006 Museum Kunstpalast Düsseldorf, S. 24–35. Klaus Krüger, -Gesichter ohne Leib. Dispositive der gewesenen Präsenz-, in: Verklärte Körper. Ästhetiken der Transformation, hg. v. Nicola Suthor u. Erika Fischer-Lichte, München 2006, S. 182–222. Ovid, Metamorphosen, München 2004. (Besonders das vierte Buch.) Otto Karl Werckmeister, Der Medusa-Effekt. Politische Bildstrategien seit dem 11. September 2001, Berlin 2005. Kunstgeschichte Leistungsanforderungen: Referat und eine Ausarbeitung (Hausarbeit) Universität Siegen 20152 WiSe 2015/16 M.A. Weleda Katrin M.A