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Uni-Hannover
14. März 2017

Monstren Literatur und Wissen

Von der Frühen Neuzeit bis in das beginnende 19. Jahrhundert (und darüber hinaus) fungieren Monstren als prominente Gegenstände des gelehrten und populären Wissens. Berichte über Wundergeburten auf Flugblättern künden bevorstehende Naturkatastrophen oder politische Ereignisse an, in naturkundlichen Abhandlungen, den berühmten...

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Von der Frühen Neuzeit bis in das beginnende 19. Jahrhundert (und darüber hinaus) fungieren Monstren als prominente Gegenstände des gelehrten und populären Wissens. Berichte über Wundergeburten auf Flugblättern künden bevorstehende Naturkatastrophen oder politische Ereignisse an, in naturkundlichen Abhandlungen, den berühmten Monstrenbüchern der Renaissance (Paré, Aldrovandi, Liceti), werden Darstellungen monströser Geburten gesammelt und ihre Ursachen erklärt, dämonologische Traktate warnen vor ‚Wechselbälgern‘ und ethnografische Berichte geben Auskunft über die Gestalt ‚monströser Rassen‘. Fallschilderungen zusammengewachsener Zwillinge oder erstaunlicher Tier-Mensch-Mischwesen gehören zum Grundbestand der Kuriositätenliteratur. Gilt das Monstrum per definitionem als irregulär, als Verstoß gegen die göttliche oder natürliche Ordnung, so konstituiert sich im 18. Jahrhundert eine eigene medizinische Spezialdisziplin, die Teratologie, die nun die Deutungshoheit über Monstren übernimmt und diesen eine eigene Regelhaftigkeit zuerkennt. Die naturalisierten Monstren werden zu Figuren eines Systems von Normalität und Abweichung. Aus den einstigen Ungeheuern werden bloße ‚Missbildungen‘. Gleichzeitig interessiert sich jetzt die ‚schöne Literatur‘ mehr denn je für Phänomene des Monströsen. Die literarische Faszinationskraft der Monstren steht im Zusammenhang mit der Befreiung von Darstellungskonventionen und der Emanzipation einer Ästhetik des Hässlichen. Nicht zuletzt werden Monstren als poetologische Figuren des Hybriden und des Phantastischen in den Dienst genommen. Dabei stehen literarische Texte im mehr oder weniger konkreten Austausch mit dem teratologischen Wissen. Gegen die ‚Entmonsterung’ der Wirklichkeit setzt die Literatur die Fiktionalisierung der Monstren. Das Seminar widmet sich der Wissensgeschichte der Monstren vom 16. bis in das 19. Jahrhundert und fragt nach den mit den Monstren verknüpften Wissensordnungen und ihren Verschiebungen. Dazu werden zentrale Texte aus verschiedenen Wissensfeldern von der Naturkunde und Philosophie über die Dämonologie bis zur Philosophie sowie einschlägige literarische Texte gelesen. An ausgewählten literarischen Texten des frühen 19. Jahrhunderts (Jean Paul, -Dr. Katzenbergers Badereise-, E.T.A. Hoffmann, -Klein Zaches genannt Zinnober-, Mary Shelley, -Frankenstein-) wird das Verhältnis von Literatur und naturkundlich-medizinischem Monstren-Wissen erörtert. Daston, Lorraine/ Katharine Park: Wunder und die Ordnung der Natur 1150-1750. Frankfurt a.M.: Eichborn 2002 Hagner, Michael (Hg.): Der falsche Körper. Beiträge zu einer Geschichte der Monstrositäten. Göttingen: Wallstein 2005 Helduser, Urte: Imaginationen des Monströsen. Wissen, Literatur und Poetik der -Missgeburt- 1600-1835. Göttingen: Wallstein 2016 Foucault, Michel: Die Anormalen. Vorlesungen am Collège de France (1974 - 1975). Aus dem Französischen von Michaela Ott. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2003 Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1974 [1966] Brittnacher, Hans Richard: Ästhetik des Horrors. Gespenster, Vampire, Monster, Teufel und künstliche Menschen in der phantastischen Literatur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1994 Zürcher, Urs: Monster oder Laune der Natur. Medizin und die Lehre von Missbildungen 1780-1914. Frankfurt a.M./New York: Campus 2004 Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, MA Teilnehmerzahl: 30. Universität Hannover WiSe 2016/17 Deutsch, Master LA Gymnasium PD Dr. Helduser Urte