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Uni-Siegen
14. März 2017

Moralkommunikation

Motto Die These, dass der große Umsatz an Seife von großer Reinlichkeit zeugt, braucht nicht für die Moral zu gelten, wo der neuere Satz richtiger ist, dass ein ausgeprägter Waschzwang auf nicht ganz saubere innere Verhältnisse hindeutet. (Musil 1978: 246)...

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Motto Die These, dass der große Umsatz an Seife von großer Reinlichkeit zeugt, braucht nicht für die Moral zu gelten, wo der neuere Satz richtiger ist, dass ein ausgeprägter Waschzwang auf nicht ganz saubere innere Verhältnisse hindeutet. (Musil 1978: 246) Der Mensch, der Gewissensbisse hat, ist der wahre Bösewicht. (H. de Balzac) Zur Einführung Bei Hochwert- und Fahnenwörtern wie -Moral- ist es eine bewährte Übung, zuerst einmal zu fragen, wogegen sie sich eigentlich richten. Was sind ihre Gegenwörter? Sozialpsychologisch stehen -moralische- Orientierungen als normative Wertorientierungen gegen -kognitive- Orientierungen. Wo wir uns kognitiv orientieren, da sind wir bereit, bei entgegenstehenden Erfahrungen unser Verhalten zu ändern. Wo wir uns moralisch orientieren, da halten wir im Gegenteil an unseren Werten fest, auch wenn andere sie erfolgreich brechen oder verletzen. Nehmen wir einen alltäglichen Konfliktfall zwischen beiden Orientierungstypen: Wenn -alle anderen- illegal Filme und Musik aus dem Internet herunterladen, dann kann ich -kognitiv- sagen: Das mache ich dann auch, weil es normal ist, oder ich kann -normativ- sagen: Das mache ich trotzdem nicht, weil es falsch ist und Werte verletzt. In der öffentlichen Kommunikation steht -Moral- also einerseits für die Sphäre normativer und werthaltiger Orientierungen, an denen wir auch gegen widersprechende Erfahrung festhalten wollen. Andererseits steht Moral aber auch noch in Gegensatz zu Handlungen und Orientierungen, die an eigenen, individuellen und egoistischen Interessen orientiert sind. In dieser Dimension heißt -moralisch- so viel wie -selbstlos-, uninteressiert . Vielfach gelten nur Handlungen als -moralisch-, die den eigenen Interessen zuwiderlaufen, die also Kosten, Verluste, Risiken heraufbeschwören. So gesehen ist Moral (bzw. moralisches Verhalten) für den Einzelnen -teuer-. Sie involviert in der Regel den Verzicht auf eigene Vorteile und steht insofern im Gegensatz zu -egoistischem- Verhalten. Während Moral unter dieser Verhaltensperspektive aufwändig und teuer ist, gilt auf der anderen Seite, dass kaum etwas so billig zu haben ist wie Moralkommunikation. Auch für das eigensüchtigste Verhalten lässt sich in aller Regel ein hoch moralisches Motiv für die Kommunikation improvisieren. Wer Sie gründlich ausnehmen will, der will im Grunde ja immer nur -Ihr Bestes-. Und wer ein neues Produkt an den Mann oder an die Frau bringen möchte, der wird auf alle Fälle einen symbolischen moralischen Mehrwert beimischen. Mit dem Ziel, dass Sie sich moralisch gut fühlen, wenn Sie das entsprechende Produkt erwerben. Moralisierte Kommunikation begegnet uns auf Schritt und Tritt: Kaum ein Produkt, das nicht -fair gehandelt-, ökologisch wertvoll oder anderweitig moralisch geadelt wäre. Kriegerische Interventionen scheinen niemals im Interesse der Intervenierenden zu erfolgen, sondern stets im Dienst höchster moralischer Ziele wie der Durchsetzung von Menschenrechten oder der Verhinderung eines Völkermordes. Hoch moralisiert ist der sprachliche Umgang mit Minderheiten, Opfern, Kindern, auch und gerade wenn der faktische Umgang mit ihnen eher hemdsärmelig wirkt. Wir wollen die Spielarten, Themenfelder und Funktionen moralisierter öffentlicher Kommunikation in diesem Seminar genauer unter die Lupe nehmen. Themenplan [1] Einführung und Überblick [2] Moralkommunikation I: Konsens, verbindliche Bewertung und Gemeinschaftbildung [3] Moralkommunikation II: Dramatisierung und Aufmerksamkeit [4] Themenfeld I: Moralisierter Konsum [5] Themenfeld II: -Inklusion- von Behinderten [6] Themenfeld III: Tierschutz, Tierrechte, Massentierhaltung (z.B. Peter Singer und die phil cologne) [7] Themenfeld IV: -Politische Korrektheit- und Sprachregelungen [8] Themenfeld V: Geschlechterverhältnisse, Gender, Feminismus [9] Themenfeld VI: Sexuelle Minderheiten, Schwule und Lesben [10] Zusammenfassung I: Der Opferstatus; Moralkommunikation als Politikersatz [11] Zusammenfassung II: Sprache und Bewertung als universale Dimension des Sprechens Arendt, Hannah (1972): Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. München: Piper. Erdl, Marc Fabian (2004): Die Legende von der politischen Korrektheit. Zur Erfolgsgeschichte eines importierten Mythos. Bielefeld: transcript. Gehlen, Arnold (1973): Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik. Frankfurt/M.: Athenaion. Gehring, Petra (2012): -Fragliche Expertise. Zur Etablierung von Bioethik in Deutschland-. In: Hagner, Michael (ed.): Wissenschaft und Demokratie. Berlin: Suhrkamp. S. 112-139. Hjelmslev, Louis (1974): -Der stratische Aufbau der Sprache-. In: ders.: Aufsätze zur Sprachwissenschaft. Stuttgart: Klett. S. 76-104. Knobloch, Clemens (1998): Moralisierung und Sachzwang. Politische Kommunikation in der Massendemokratie. Duisburg: DISS. Knobloch, Clemens (2002): -Moralische Eskalation von Feindschaft-. Geulen, Christian & von der Heiden, Anne & Liebsch, Burkhard (Hg.): Vom Sinn der Feindschaft. Berlin (Akademie). S. 233-248. Knobloch, Clemens (2015a): -Moralisierung in der öffentlichen Kommunikation-. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) Nr. 177 (Bewerten im Wandel, herausgegeben von Stephan Habscheid). S. 167-184. Knobloch, Clemens (2015b): -Connotatio und Symbolfeld in Karl Bühlers Sprachtheorie-. Erscheint in: TCLP. Knobloch, Clemens (2015c): ) -Die Moral des Neoevolutionismus-. In: Deus, Dießelmann, Fischer & Knobloch (Hg.): Die Kultur des Neoevolutionismus. Zur diskursiven Renaturalisierung von Mensch und Gesellschaft. Bielefeld 2015 (transcript). S. 103-134. Link, Jürgen (2007): Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. 3. Aufl. Stuttgart: Vandenhoeck & Ruprecht. Lübbe, Hermann (1994): -Moralismus. Über eine Zivilisation ohne Subjekt-. In: Universitas. Zeitschrift für interdisziplinäre Wissenschaft 49,4. S. 332-342. Maas, Utz (1985): -Konnotation-. In: Januschek, Franz (Hg.): Politische Sprachwissenschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag. S. 71-96. Musil, Robert (1978): Der Mann ohne Eigenschaften (= Gesammelte Werke, Bd. 1-5). Reinbek Rowohlt. Simmel, Georg (1904): Einleitung in die Moralwissenschaft. Erster Band. 2. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1989 (=Gesamtausgabe, Band 3). Veblen, Thorstein (1986): Theorie der feinen Leute. Frankfurt/M.: Fischer (zuerst engl. The Theory of the Leisure Class, 18 Germanistik - Sprachwissenschaft I Beachten Sie, dass Sie diesen Kurs nach den Prüfungsordnungen ab 2011 nicht besuchen dürfen, wenn Sie die für dieses Modulelement laut Fachspezifischen Bestimmungen und Modulhandbuch notwendigen Voraussetzungen noch nicht erfüllen. Für 3 KP Studienleistung müssen Sie sich in einem der angegebenen Themenfelder engagieren und einen kleinen Beitrag für das Seminar vorbereiten und präsentieren. Für die 6KP Prüfungsleistung müssen Sie zusätzlich eine kleine Ausarbeitung zu einem (natürlich gerne zu dem für die Studienleistung gewählten) Thema schreiben (bis zum Beginn des Sommersemesters 2015 müssen die Ausarbeitungen abgegeben sein). Universität Siegen WiSe 2015/16 Univ.-Prof. Dr. Knobloch Clemens