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14. März 2017Papierene Mädchen Frauenromane um 1800
Während Charlotte von Kalb, eine Freundin Schillers, zeitlebens an ihrem unvollendeten Roman Cornelia arbeitete, heißt es bei Friedrich Schlegel: -Der ganze Roman ist weiblich- (Philosophische Fragmente). Auf dem Terrain einer noch im 18. Jahrhundert für ‚niedrig’ erachteten Prosaform, welche in...
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Jetzt Lernplan erstellenWährend Charlotte von Kalb, eine Freundin Schillers, zeitlebens an ihrem unvollendeten Roman Cornelia arbeitete, heißt es bei Friedrich Schlegel: -Der ganze Roman ist weiblich- (Philosophische Fragmente). Auf dem Terrain einer noch im 18. Jahrhundert für ‚niedrig’ erachteten Prosaform, welche in der frühromantischen Ästhetik ihre transzendentalpoetische Aufwertung erfuhr, erlangten Frauen, die sich bereits als ‚natürliche’ Briefschreiberinnen ausgezeichnet hatten, allmählich Zutritt zu literarischer Autorschaft, wenn auch zunächst unter männlicher Vormundschaft und Pseudonymen. So gilt Sophie von La Roches empfindsamer Briefroman Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771), der anonym von Wieland herausgegeben wurde, mithin als erster deutscher Frauenroman. Obwohl er sich inhaltlich wie formal an englischen und französischen Mustern orientierte (Richardson, Rousseau), distanzierte sich die Verfasserin, die später auch die erste von einer Frau redigierte ‚Frauenzeitschrift’ (Pomona. Für Teutschlands Töchter, 1783/84) herausgab, von diesen Vorbildern, indem sie eine souveräne Heldin ihr Ideal der ‚Seelenliebe’ zwischen den Geschlechtern durchsetzen ließ. Demgegenüber nobilitierte etwa Caroline von Wobesers Roman Elise, oder das Weib, wie es sein sollte (1795) passive Unterwerfung unter herrschende Normen zum Selbstopfer. Vor dem Hintergrund einer Verschränkung von Standes- und Geschlechtersemantik konnte sich weibliche Autorschaft nur im pädagogischen Rahmen einer moralischen Erzieherrolle legitimieren, obwohl dies dem weiblichen Bildungsanspruch keineswegs genügte. Zudem gerieten Frauen unter Dilettantismusverdacht, besonders im Umkreis der Weimarer Klassik. Während man die ‚offenen Formen’ in der Prosa der nur als Naturlyrikerin geschätzten Sophie Mereau (Das Blüthenalter der Empfindung, 1794) kaum wahrnahm, lobte Goethe Johanna Schopenhauers trivialen Entsagungsroman Gabriele (1819). Die ‚papierenen Mädchen’, die sich La Roche, die Großmutter Bettine Brentanos, als Ersatz für ihre ins Pensionat gegebenen Töchter geschaffen hatte, erschienen in der romanesken Fantasie bald von Enttäuschung, Melancholie und Ohnmacht gezeichnet (vgl. Thon 1780, Liebeskind 1784). Zwar emanzipierte sich die ‚verfolgte Unschuld’ im Zuge der Französischen Revolution zur politischen ‚Hyäne’, etwa in Therese Hubers pervertiertem Familienroman Die Familie Seldorf (1795/96), doch erst die romantische Geselligkeits- und Gesprächskultur bot gebildeten Frauen jenen kreativen Freiraum, der originelle Genres hervorbrachte, etwa Dorothea Schlegels (von ihrem Gatten Friedrich publizierten) Roman Florentin (1801), eine Travestie des männlichen Bildungsromans, oder Bettine von Arnims Realität und Fiktion vermischende ‚Briefbücher’ (z.B. Die Günderode, 1840), die modernistische Textverfahren vorwegnehmen.
Teilnahmebedingung für dieses Seminar ist die Bereitschaft zu umfangreicher Lektüre und zur Übernahme eines (Gruppen-)Referats. Der Klassiker Geschichte des Fräuleins von Sternheim (Reclam) wird in der ersten Sitzung als gelesen vorausgesetzt.
Primärliteratur (Auswahl):
La Roche, Sophie von: Geschichte des Fräuleins von Sternheim [1771]. Reclam 1983
Mereau-Brentano, Sophie: Das Blütenalter der Empfindung [1794]. Dtv 1997
Huber, Therese: Luise. Ein Beitrag zur Geschichte der Konvenienz [1796]. Olms 1991
Schlegel, Dorothea: Florentin. Ein Roman. Hg. v. F. Schlegel [1801]. Reclam 1993
Unger, Friederike Helene: Bekenntnisse einer schönen Seele, von ihr selbst geschrieben [1806]. Olms 1991
Schopenhauer, Johanna: Gabriele. Ein Roman [1819]. Dtv 1985
Arnim, Bettine von: Die Günderode [1840]. Suhrkamp 1994
Lange, Sigrid (Hg.): ‚Ob die Weiber Menschen sind’. Geschlechterdebatten um 1800. Leipzig: Reclam 1992 [Slg. philosophischer, politischer u.a. zeitgenössischer Texte], evtl. auszugsweise in Kopien (bzw. Scans)
Sekundärliteratur (Auswahl):
Meise, Helga: Die Unschuld und die Schrift. Deutsche Frauenromane im 18.Jh. Ffm.: Ulrike Helmer Vlg. 1992
Dies.: -Der Frauenroman: Erprobungen der ‚Weiblichkeit’-. In: Gisela Brinker-Gabler (Hg.), Deutsche Literatur von Frauen […], 1. Bd., München: Beck 1988, S. 434-452
Loster-Schneider, Gudrun: Sophie von La Roche. Paradoxien weiblichen Schreibens im 18.Jh. Tübingen: Narr Vlg.
Kammler, Eva: Zwischen Professionalisierung und Dilettantismus. Romane und ihre Autorinnen um 1800. Opladen: Westdeutscher Vlg. 1992
Bürger, Christa: Die Klassik, die Romantik und der Ort der Frauen. Stuttg.: Metzler 1990
Becker-Cantarino, Barbara: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werke – Wirkung. München: Beck 2000
Mattenklott, Gert: -Romantische Frauenkultur. Bettina von Arnim zum Beispiel-. In: Hiltrud Gnüg/Renate Möhrmann (Hg.), Schreibende Frauen […]. Suhrkamp 1989, S. 123-144
Schweitzer, Antonie/Simone Sitte: -Tugend – Opfer – Rebellion. Zum Bild der Frau im weiblichen Erziehungs- und Bildungsroman-. In: Ebd., S. 144-166
Niethammer, Ortrun: Autobiographien von Frauen im 18. Jh. Tübingen/Basel: Francke 2000
Bovenschen, Silvia: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Suhrkamp 1979
Steinecke, Hartmut/Fritz Wahrenburg (Hg.): Romantheorie. Texte vom Barock bis zur Gegenwart. Reclam 1999
Steinecke, Hartmut (Hg.): Theorie u.Technik des Romans im 19.Jh. Tübingen: Niemeyer 1970
Engel, Manfred: Der Roman der Goethezeit, 2 Bde. Stuttgart/Weimar: Metzler 1993
Vosskamp, Wilhelm: -Der Bildungsroman als literarisch-soziale Institution. Begriffs- und funktionsgeschichtliche Überlegungen zum deutschen Bildungsroman am Ende des 18. und Beginn des 19. Jhs.-. In: Christian Wagenknecht (Hg.), Zur Terminologie der Literaturwissenschaft. […]. Stuttgart: Metzler 1988, S. 337-352
Martinez, Matias/Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. München: Beck ³1999
Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I
Universität Siegen
WiSe 2015/16
apl. Prof. Dr.
Runte Annette