Uni-Siegen
14. März 2017Pathos und Pathologie Medizinische Diskurse in Literatur und Film von E.T.A Hoffmann bis Black Swan
Leid erzeugt bekanntlich die besten Geschichten. Dass damit nicht nur -gebrochene Herzen-, -Trennungsschmerzen- und -Verlustängste- gemeint sind, belegt ein Blick in die abendländische Literatur- und Filmgeschichte, in der es von leidenden Körpern, wahnhaften Seelen und detaillierten Krankheitsverläufen nur so wimmelt....
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Jetzt Lernplan erstellenLeid erzeugt bekanntlich die besten Geschichten. Dass damit nicht nur -gebrochene Herzen-, -Trennungsschmerzen- und -Verlustängste- gemeint sind, belegt ein Blick in die abendländische Literatur- und Filmgeschichte, in der es von leidenden Körpern, wahnhaften Seelen und detaillierten Krankheitsverläufen nur so wimmelt. Die Medien Literatur und Film eignen sich sowohl als imaginäre Krankenzimmer als auch als Experimentierlabors für medizinische Verhandlungen von Fakten und Fiktion. Das Seminar möchte fragen nach den Schnittstellen von Erzählung und Medizin, von Imagination und Wissenschaft – oder mit Florian Steger und Bettina von Jagow gesprochen: -Was treibt die Literatur zur Medizin?-.
Ausgangspunkt des Seminars sind die Texte der deutschen und französischen Romantik, in denen mysteriöse Krankheitsbilder wie Melancholie, chronische Willensschwäche und Schizophrenie zum Standardrepertoire medizinischer Diskursivierung gehören (so z.B. Chateaubriand, Constant, Hoffmann). Im Realismus und Naturalismus spielen die Schwindsucht (neu: Tb), Hysterie und genetisch bedingte Degenerationen wichtige Rollen (Flaubert, Dumas fils, Zola). Die Hoch-Zeit pathologischer Literaturgeschichte bildet schließlich die Décadence, die den Verfall bereits im Titel trägt (exemplarisch: Huysmans). Mit den Vordenkern der Moderne, Baudelaire und Nietzsche, sind zentrale Figuren benannt, die das Wechselverhältnis von Krankheit und künstlerischer Kreativität ins Zentrum ihrer Reflexionen rücken. Auch im 20. Jahrhundert setzt sich die literarische Auseinandersetzung mit medizinischen Phänomenen fort: psychosomatische -Modekrankheiten- wie Neurasthenie, Erschöpfung und Hypochondrie erweitern das pathologische Spektrum (so bei Proust, Mann, Hesse, V. Woolf); zudem feiern Dichter-Ärzte wie Arthur Schnitzler oder Gottfried Benn große Erfolge mit ihren Erzählungen und Gedichten.
Auch im Film, insbesondere im Drama oder Melodram, werden immer wieder Krankheitsgeschichten erzählt, meist mit tragischem Ausgang. Hierfür eignen sich, so scheint es, besonders gut unheilbare todbringende Krankheiten wie Krebs oder AIDS. Behandelt werden sowohl Melodram-Klassiker in bester Hollywood-Manier wie -Love Story- und -Philadelphia- als auch französische Filme wie -Son Frère- (Patrice Chéreau) und -Le temps qui reste- (François Ozon). Jüngst feierte die Schizophrenie im oscargekrönten Psychothriller -Black Swan- ihr eindrucksvolles Comeback.
Folgende Aspekte und Leitfragen sollen im Seminar erörtert werden:
• Wie wird wissenschaftliches Wissen in literarischen Texten repräsentiert?
• Gibt es einen gegenseitigen Wissenstransfer zwischen Medizin und Literatur?
• Welche Rolle(n) spielen die Dichotomien -krank / gesund- im normalistischen System einer Kultur?
• Welche Bedeutung kommt genderspezifischen Aspekten zu im medizinischen Diskurs der Literatur- (z.B. die -hysterische Frau-, der -erschöpfte Mann-, der -AIDS-Kranke-)?
• Welche Formen und Strategien narrativer, d.h. literarischer Modellierung tauchen in der medizinischen Forschung auf?
Das Seminar wird aus medizinischer Sicht fachlich begleitet von Dr. med. Michael Krummacher (Witten-Herdecke / Palo Alto).
Romanistik - Romanische und allgemeine Literaturwissenschaft
Universität Siegen
WiSe 2011/12
Jun.-Prof. Dr.
Schuhen Gregor Jun