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Uni-Kassel
14. März 2017

Projektseminar Studieren heute zwischen Arbeitslast und intellektueller Lust Teil 2

-Nirgends werden sie [die Studierende] hingetrieben, und nichts ist ihnen verschlossen. Niemand befiehlt ihnen, diese oder jene Lehrstunden zu besuchen; niemand kann ihnen Vorwürfe machen, wenn sie es nachlässig tun oder unterlassen [...] Ein ganz neues Leben gelingt nun einmal...

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-Nirgends werden sie [die Studierende] hingetrieben, und nichts ist ihnen verschlossen. Niemand befiehlt ihnen, diese oder jene Lehrstunden zu besuchen; niemand kann ihnen Vorwürfe machen, wenn sie es nachlässig tun oder unterlassen [...] Ein ganz neues Leben gelingt nun einmal nicht im Zwang; sondern der Versuch kann nur angestellt werden in der Temperatur einer völligen Freiheit des Geistes.- (Schleiermacher 1908) Die Jagd nach Leistungspunkten und die quantifizierte Begrenzung von intellektueller Leistungsanspruchszeit an studentische -Arbeit- (noidoitsch: Workload) hat sowohl strukturell als auch inhaltlich die Universität als Freiraum des Geistes im Sinne Schleiermachers ersetzt. Heute wird ein Studium, so scheint es, von der Mehrheit der Studierenden nicht mehr mit dem Anspruch an Denken lernen und können, d.h. intellektueller Lust als Motivation, aufgenommen. Ein Studium ist überwiegend zu einer gerne in Kauf genommenen Etappe auf dem Weg in den Beruf geworden. Bei einer Studierendenbefragung aus dem Jahr 2000 gaben 57% an, dass Hochschule und Studium für sie wichtig sind, doch nur 25% sehen die Hochschule als ihre Lebensmittelpunkt. Hingegen richten 40% der Studierenden schon während des Studiums auf den bereits oder zukünftig ausgeübten Beruf aus und 47% betrachten ihr Studium unter dem Blickwinkel der späteren beruflichen Verwertbarkeit (Bargel et al. 2002). Soziologische Studien haben festgestellt, dass ein Studium in den Lebensentwürfen von Studierenden keine zentrale Stellung mehr einnimmt. Es scheint so, als sei die Idee der Universität und damit die Universität an sich in Folge der allgemeinen gesellschaftlichen Individualisierungsprozessen aus dem Fokus der Studierenden geraten. Studentische Lebensentwürfe werden demnach vornehmlich durch außeruniversitäre Anforderungen und Deutungsmuster bestimmt: -Studierende entsprechen [...] heute nicht mehr dem traditionellen Leitbild des akademischen Studierenden, sondern sind [...] flexible Studierende, die ihr Studium auf antizipierte Anforderungen des ökonomischen Feldes und dabei besonders des Arbeitsmarktes ausrichten während des Studiums wird an dem Ausbau individueller Wettbewerbsvorteile gearbeitet.- (Bloch 2004: 51) Ist die Studentin/der Student von heute Der flexible Mensch (Sennett 2010), bei dem der -neuen Geist des Kapitalismus- (Boltanski und Ciapello 2006) die Freiheit des Geistes verdrängt hat? Übertragen flexible Studierende die Flexibilität - als Vorgriff auf den Arbeitsmarkt - als bestimmendes Element auf ihr Studium? Ist ein Studienabschluss nur noch eine Zertifizierung ihrer individuellen Qualifikation unter vielen? Diesen und anderen Fragen wird im zweisemestrigen Empiriepraktikum nachgegangen. Ausgehend von der Unterscheidung vier studentischer Milieus - dem berufsorientierten, arrivierten, postmodernen und hedonistischen Milieu (Gapski und Köhler 1997) wird das universitäre Studium und die Motivation von Studierenden diskutiert. Die theoretische Basis für die Diskussion bieten die gesellschaftlichen Individualisierungsprozesse. Empirisch werden die inhaltlichen Fragen durch Gruppendiskussionen (Lamnek 2005) mit Studierenden aus verschiedenen Disziplinen ergänzt. Nach einer grundlegenden Einführung in die Theorie und Techniken der qualitativen Methode der Gruppendiskussion und der gemeinsamen Erarbeitung eines Leitfadens muss jede/r Studierende eine Gruppendiskussion organisieren, durchführen, transkribieren und auswerten. Dafür haben wir zwei Semester Zeit! Bargel, T., Ramm, M. und Multrus, F. (2002): Studiensituation und studentische Orientierungen. 7. Studierendensurvey an Universitäten und Fachhochschulen. Bundesministerium für Bildung und Forschung. Bonn. Bloch, Roland (2004): Flexible Studierende. Die Hochschule, Nr. 2, S. 50-63. http://www.hof.uni-halle.de/journal/texte/04_2/Bloch_Flexible_Studierende.pdf (letzter Zugriff 06.07.2011) Boltanski, Luc und Ciapello, Ève (2006): Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz: UVK. Gapski, Jörg und Köhler, Thomas (1997): Studentische Lebenswelt. Analysen zum Alltag und Milieu, zu Bildungs- und Studienstilen, zur Lebensphase Studium bei Studierenden der Universität Hannover. Hannover. Lamnek, Siegfried (2005): Gruppendiskussion -- Theorie und Praxis. 2. Auflage, Weinheim. Schleiermacher, Friedrich D. (1908): Gelegentliche Gedanken über Universitäten in deutschem Sinn, Berlin. Sennett, Richard (2010): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, 8. Aufl., Berlin. Bemerkung Teilnahmebegrenzung 25 Personen. Anmeldung bitte an schneijderberg (at) incher.uni-kassel.de (ich habe keinen Zugang zur HISPOS Onlineplattform!) FB 05 Gesellschaftswissenschaften Uni Kassel SoSe 2012 Soziologie HF Schneijderberg Christian