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Uni-Kassel
14. März 2017

Proseminar Erinnerung Literatur und Identität in Argentinien

Für die Gesellschaften Lateinamerikas bildet die Erinnerung an die Unabhängigkeit von Spanien ein zentrales Element ihrer kollektiven Identität. Das Bewusstsein, eine eigene Gesellschaft zu bilden, die aufgrund einer eigenen, amerikanischen Identität die Autonomie von der spanischen Zentralregierung erkämpfte, bildet als...

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Für die Gesellschaften Lateinamerikas bildet die Erinnerung an die Unabhängigkeit von Spanien ein zentrales Element ihrer kollektiven Identität. Das Bewusstsein, eine eigene Gesellschaft zu bilden, die aufgrund einer eigenen, amerikanischen Identität die Autonomie von der spanischen Zentralregierung erkämpfte, bildet als Ursprungsmythos die Grundlage für das eigene Selbstbild. Trotz dieser frühen mentalen und politischen Grenzziehung ist es zur Übernahme westlicher Kulturmuster, vornehmlich spanischer, französischer und US-amerikanischer in die jeweils entstehenden postkolonialen Gesellschaften Lateinamerikas gekommen. Eine besondere Nähe zur europäischen Kultur wird dabei für die argentinische Gesellschaft konstatiert, die sich durch dieses Merkmal von anderen Gesellschaften Lateinamerikas absetzt. Aus dieser Nähe zur europäischen Kultur ergibt sich für die Konstruktion der argentinischen Identität das Dilemma, dass die argentinische Gesellschaft zwar europäische Züge trägt, sich jedoch nicht als europäische oder spanische Gesellschaft, sondern als amerikanische Gesellschaft identifiziert. Für die Konstruktion einer argentinischen Nation bedeutet dies, die Frage nach dem Verhältnis der eigenen Kultur zur spanischen, europäischen und später auch zur US-amerikanischen Kultur diskutieren zu müssen. Ein weiterer elementarer Baustein des argentinischen Selbstbilds besteht in der Bezugnahme auf die Dichotomie zwischen Zivilisation und Barbarei, wie sie einer der ersten Präsidenten Argentiniens Domingo Faustino Sarmiento 1845 in seinem mittlerweile kanonisierten Text Facundo. Civilización y barbarie beschrieb und deren Wurzeln als Fortschritts- bzw. Rückstandsparadigma in der europäischen Kultur liegen. Auf der Grundlage dieses Fortschrittsgedankens kam es im 19. Jahrhundert zu einer zweifachen internen mentalen Grenzziehung. Zum einen wurde eine mentale Grenze zwischen der ehemals europäischen Einwanderungsgesellschaft und den indigenen Gesellschaftsanteilen gezogen, die in zivilisiert und unzivilisiert unterteilt wurden. Zweitens kam eine interne mentale Grenze zwischen der Stadt Buenos Aires als kulturellem und zivilisiertem Zentrum und den ländlichen unzivilisierten, als barbarisch bezeichneten Landesteilen hinzu. Diese aus den historisch gewachsenen, internen mentalen Grenzziehungen resultierende Instabilität der argentinischen Nationalidentität wird auch im 20. Jahrhundert in Literatur und Kultur vielfach thematisiert. Vor allem der ab den 1920er Jahren aufkommende Dualismus zwischen einer Orientierung an der Kultur Europas und dem aufkommenden Rechtsnationalismus, der sich auf das urtümlich Einheimische (lo vernáculo) bezog, wirkte destabilisierend und stand der Herausbildung einer gesamtargentinischen einheitlichen Identität im Wege. Zwar kam es zu einer kulturellen Neuorientierung in Richtung der US-amerikanischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, welche die Europaorientierung ablöste, jedoch führte diese Neuausrichtung nicht zur Aufhebung des bestehenden Dualismus und der damit einhergehenden Spannung und Zerrissenheit vieler Argentinier Wie beispielsweise der argentinische Autor Tomás Eloy Martínez in einem Essay aus den 1990er Jahren beschreibt, spiegele die Tatsache, dass viele argentinische Autorinnen und Autoren außerhalb von Argentinien, von der eigenen Nation zurückgewiesen lebten und arbeiteten, die tiefe Spaltung der Nation wider, welche nicht zuletzt auf die permanente Durchsetzung des Zivilisationsparadigma der Eliten zurückgehe. Im Kontext dieser Diskussion wird es im Proseminar darum gehen, sich auf die Suche nach der argentinischen Identität zu begeben. Zu diesem Zweck werden im Anschluss an eine Einführung in kulturwissenschaftliche Identitätstheorien verschiedene Prosatexte der argentinischen Literatur auf ihre identitätsrelevanten Inhalte untersucht. Abschließend werden verschiedene Formen der Erinnerung und Erinnerungspolitik als konstitutive Faktoren kollektiver Identität analysiert. FB 02 Institut für Romanistik Uni Kassel WiSe 2015/16 Hispanistik/Spanisch Möller Beate