Uni-Kassel
14. März 2017Proseminar Literatur im Kontext der Bücherverbrennungen 1933
Im Mai 1933 brennen in Deutschland Bücher einer ganzen Generation von SchriftstellerInnen. Der Aufruf zur restlosen Verbrennungen sämtlicher Exemplare erfolgt in allen deutschen Städten über Plakate und Rundfunk. An den von Studierenden organisierten Verbrennungen der Bücher beteiligen sich deutschlandweit Hunderttausende;...
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Jetzt Lernplan erstellenIm Mai 1933 brennen in Deutschland Bücher einer ganzen Generation von SchriftstellerInnen. Der Aufruf zur restlosen Verbrennungen sämtlicher Exemplare erfolgt in allen deutschen Städten über Plakate und Rundfunk. An den von Studierenden organisierten Verbrennungen der Bücher beteiligen sich deutschlandweit Hunderttausende; auf dem Kasseler Friedrichsplatz versammeln sich beispielsweise 30000 Menschen. Die Verbrennungen werden mit Hilfe der sog. -12 Thesen wider den undeutschen Geist- propagandistisch vorbereitet, in denen es unter anderem heißt:
-Wir fordern vom deutschen Studenten Wille und Fähigkeit zur selbständigen Erkenntnis und Entscheidung. Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Reinerhaltung der deutschen Sprache. Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Überwindung jüdischen Intellektualismus und der damit verbundenen liberalen Verfallserscheinungen im deutschen Geistesleben.-
Der rituelle, symbolische Charakter der Verbrennungen wird unter anderem auch in der pathetischen Rede zur Bücherverbrennung durch Joseph Goebbels deutlich:
-Wenn Ihr Studenten Euch das Recht nehmt, den geistigen Unflat in die Flammen hineinzuwerfen, dann müsst Ihr auch die Pflicht auf Euch nehmen, an die Stelle dieses Unrates einem wirklichen deutschen Geist die Gasse freizumachen. Der Geist lernt sich im Leben und in den Hörsälen, und der kommende deutsche Mensch wird nicht nur ein Mensch des Buches, sondern auch ein Mensch des Charakters sein. Und dazu wollen wir Euch erziehen. Jung schon den Mut zu haben, dem Leben in die erbarmungslosen Augen hineinzuschauen, die Furcht vor dem Tode zu verlernen und vor dem Tode wieder Ehrfurcht zu bekommen, – das ist die Aufgabe dieses jungen Geschlechts. Und deshalb tut Ihr gut daran, um diese mitternächtliche Stunde den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen. Das ist eine starke, große und symbolische Handlung, – eine Handlung, die vor aller Welt dokumentieren soll: Hier sinkt die geistige Grundlage der November-Republik zu Boden, aber aus diesen Trümmern wird sich siegreich erheben der Phönix eines neuen Geistes, – eines Geistes, den wir tragen, den mir fördern und dem wir das entscheidende Gewicht geben und die entscheidenden Züge aufprägen!-
Die Texte von weit über hundert jüdischen und/oder politisch und künsterlisch-ästhetisch unliebsamen AutorInnen stehen auf den Listen der zu verbrennenden Bücher; viele dieser Texte werden nach 1945 nicht wieder aufgelegt und geraten in Vergessenheit. Mit der Publikation -Verbrannte Dichter- von Jürgen Serke (1977) kommt es zu einem kurzzeitigen Interesse an den z. T. vergessenen Werken; die Nachkriegs-Germanistik ermöglicht eine Auseinandersetzung mit diesen -anderen- deutschen Schriftstellern allerdings nur zögerlich. Erst in den letzten Jahren ist das öffentliche Interesse an den verbrannten Texten und ihren AutorInnen merklich gewachsen, sodass mittlerweile auf eine Vielzahl an einschlägigen Publikationen zurückgegriffen werden kann. In diesem Seminar werden ausgewählte Texte, die sich explizit zu den Bücherverbrennungen positionieren und einige indizierte literarische Texte ohne thematischen Bezug bekannter und unbekannter AutorInnen gelesen und bearbeitet. Am Beispiel dieser Texte werden Sie Ihre grundständigen Analysefertigkeiten in Bezug auf die unterschiedlichen Textsorten sowie Ihr notwendiges literaturgeschichtliches Wissen erproben und optimieren können. Textvorschläge sind willkommen!
Eine Literaturliste sowie einen Reader zur Veranstaltung erhalten Sie in der Vorbesprechung.
Die unten stehenden Quellen können der Vorbereitung dienen:
-Das war ein Vorspiel nur...” Bücherverbrennung Deutschland 1933. Voraussetzungen und Folgen. Ausstellung der Akademie der Künste vom 8. Mai bis 3. Juli 1983. Berlin, Wien: Medusa Verlag 1983.
Krockow, Christian Graf von: Scheiterhaufen. Größe und Elend des deutschen Geistes. Reinbek: Rowohlt Verlag 1993.
Lischeid, Thomas: Symbolische Politik. Das Ereignis der NS-Bücherverbrennung 1933 im Kontext seiner Diskursgeschichte. Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, 2001.
Sauder, Gerhard: Die Bücherverbrennung. Zum 10. Mai 1933. München, Wien: Carl Hanser Verlag 1983.
Schöffling, Klaus: Dort wo man Bücher verbrennt. Stimmen der Betroffenen. Frankfurt: Suhrkamp Verlag 1983.
Serke, Jürgen: Die verbrannten Dichter. Lebensgeschichten und Dokumente. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1992.
Treß, Werner: Wider den undeutschen Geist. Bücherverbrennung 1933. Parthas Verlag 2003.
Verbrannt, verboten, verbannt. Vergessen? Zum 60. Jahrestag der Bücherverbrennung von 1933.
Texte zur Literatur Heft 2. Leipzig: Rosa-Luxemburg-Verein 1995.
Verweyen, Theodor: Bücherverbrennungen. Universitätsverlag Winter 2000.
Walberer, Ulrich: 10. Mai 1933 – Bücherverbrennung in Deutschland und die Folgen. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1983.
Wild, Reiner: Dennoch leben sie. Verfemte Bücher, verfolgte Autorinnen und Autoren. Zu den Auswirkungen nationalsozialistischer Literaturpolitik. edition text + kritik 2003.
FB 02 Institut für Germanistik
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Germanistik/Deutsch
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