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Uni-Siegen
14. März 2017

Psychoanalytische Textanalyse Freud Lacan

Seit Beginn des 20.Jahrhunderts haben psychoanalytische Theorie und Praxis das Welt- und Menschenbild der Moderne grundlegend verändert. Während die Entdeckung unbewusster Prozesse durch den Wiener Nervenarzt Sigmund Freud (1856-1939) einen radikalen Bruch mit der Tradition der Psychologie wie der Bewusstseinsphilosophie...

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Seit Beginn des 20.Jahrhunderts haben psychoanalytische Theorie und Praxis das Welt- und Menschenbild der Moderne grundlegend verändert. Während die Entdeckung unbewusster Prozesse durch den Wiener Nervenarzt Sigmund Freud (1856-1939) einen radikalen Bruch mit der Tradition der Psychologie wie der Bewusstseinsphilosophie bewirkte, führte die linguistische 'Relektüre' seines umfangreichen Werks durch den Pariser Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) zu der Einsicht, dass 'das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert' sei, d.h. der Logik rhetorischer Ersetzung (Metapher/Metonymie) folge. Wenn das 'Ich nicht mehr Herr im Hause' (Freud) ist, sondern als vermeintliches Vernunftwesen von Wünschen oder Phantasmen überbestimmt wird, ohne sich dessen gewahr zu werden,zeitigt dies auch Konsequenzen für das Verständnis von Literatur und Wissenschaft. Freud, der künstlerischen Avantgarden, wie z.B. dem Surrealismus, skeptisch gegenüber stand, und Lacan, dessen sperriger 'barocker' Stil sich gegen das imaginäre 'Wieder(v)erkennen' seiner Rede stemmte, haben sich beide am Rande für Literatur interessiert. So hat sich Freud etwa mit Märchenstoffen, aber auch mit Shakespeare (1913), Goethe (1917), E.T.A. Hoffmann (1919) oder Dostojewski (1927) befasst, Lacan seinerseits mit Edgar Allan Poe (1956/57), André Gide (1958), dem Marquis de Sade (1962/63), Marguerite Duras (1965) oder James Joyce (1971; 1975/76).In einem berühmten Brief an Arthur Schnitzler schrieb Freud dem Dichter die intuitive Kenntnis seelischer Vorgänge zu, die der Analytiker mühsam rekonstruiere. Im geplanten Seminar soll es nicht nur darum gehen, ein 'close reading' einiger bekannter Kommentare literarischer Texte durch die beiden 'Meisterdenker' zu unternehmen, sondern auch, kürzere (deutschsprachige) Texte der (Post-)Moderne, die gemeinsam ausgewählt werden, einer an psychoanalytischen Thesen orientierten Betrachtung zu unterziehen. Dabei muss stets im Auge behalten werden, dass ein Text, wie Julia Kristeva (1978) es formulierte, 'kein Unbewusstes hat', sondern es - in seinen Verfahren - sozusagen 'ist'. Als stummer, unveränderlicher Gegenstand unterscheidet er sich konstitutiv vom sprechenden, sich verändernden Subjekt in der psychoanalytischen Kur. In den ersten Sitzungen wird in die psychoanalytischen Sinn-, Subjekt- und Kulturtheorien eingeführt. - Bedingung für die Teilnahme am Kurs ist die Bereitschaft zu intensiver Lektüre und zur Übernahme eines Referats. Als gelesen vorausgesetzt werden folgende Texte von Sigmund Freud: -Das Unheimliche- (1919), dazu die Erzählung von E.T.A. Hoffmann: -Der Sandmann-, sowie Der Wahn und die Träume in W. Jensens 'Gradiva', samt der Erzählung von Wilhelm Jensen. Primärliteratur (Auswahl) : - Freud, Sigmund: Zur Psychopathologie des Alltagslebens (über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum) [1901]. (Kopien des 'Signorelli'-Beispiels) - ders.: Der Wahn und die Träume in W. Jensens 'Gradiva' [1907]. Mit dem Text der Erzählung von Wilhelm Jensen. Ffm.: Fischer TB (Nr. 6172) 1973 - ders.: -Das Unheimliche- [1919]. In: Fischer-Studienausgabe. Hg. von Alexander Mitscherlich u.a. Bd. 4, S. 241-274 - ders.: -Eine Kindheitserinnerung aus 'Dichtung und Wahrheit'- [1917]. In: ebd., Bd. 10, S. 255-266 -Lacan, Jacques: -Das Seminar über E.A. Poes 'Der entwendete Brief'-. In: ders., Schriften I. Olten/ Freiburg i.Br.: Walter Vlg. 1973, S. 1-61 - ders.: -Kant mit Sade-. In: Schriften II. Olten/Freiburg i.Br.: Walter Vlg. 1975 Sekundärliteratur : - Runte, Annette: Rhetorik der Geschlechterdifferenz. Von Beauvoir bis Butler. Vorlesungen. Ffm. u.a.: Peter Lang Vlg. 2010 (die Kapitel über Freud, Lacan und Kristeva) - Kristeva, Julia: Die Revolution der poetischen Sprache [1974]. Ffm.: Suhrkamp 1974 - Laplanche, J./Pontalis, J.-B.: Das Vokabular der Psychoanalyse. 2 Bde. Ffm.: Suhrkamp 1973 - Evans, Dylan: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse [engl. Original: 1996]. Wien: Turia + Kant 2002 - Weber, Samuel M.: Rückkehr zu Freud. Jacques Lacans Ent-stellung der Psychoanalyse. Ffm./Berlin/ Wien: Ullstein 1978 - Pazzini, Karl-Josef/Gottlob, Susanne (Hg.): Einführung in die Psychoanalyse I. Einfühlen, Unbewußtes, Symptom, Hysterie, Sexualität, Übertragung, Perversion. Bielefeld: transcript 2005 - Bossinade, Johanna: Poststrukturalistische Literaturtheorie. Stuttgart/Weimar: Metzler 2000, S. 152-188 Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I Universität Siegen 20122 WiSe 2012/13 apl. Prof. Dr. Runte Annette