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Uni-Siegen
14. März 2017

Psychoanalytische Theorien der Weiblichkeit Freud Lacan Kristeva

Durch die Entdeckung unbewusster Prozesse, zu der die im 19. Jahrhundert auftauchende Figur der Hysterikerin (vgl. Michel Foucault) maßgeblich beitrug, hat Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, die moderne Wissenschaft mit einem neuen Menschenbild konfrontiert, das sich von metaphysischen wie...

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Durch die Entdeckung unbewusster Prozesse, zu der die im 19. Jahrhundert auftauchende Figur der Hysterikerin (vgl. Michel Foucault) maßgeblich beitrug, hat Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, die moderne Wissenschaft mit einem neuen Menschenbild konfrontiert, das sich von metaphysischen wie bewusstseinsphilosophischen Prämissen verabschiedet. Die Bedeutsamkeit und Tragweite einer ‚kopernikanischen Kränkung’, der zufolge das ‚Ich’ nicht mehr ‚Herr im Hause’ sein kann, zeigt sich insbesondere auf dem Feld der Freudschen Sexualtheorie, denn der psycho-somatische Grenzbegriff der Libido (Trieb) konstituiert das Subjekt anthropologisch als ein begehrendes. Dabei führt der Aufweis eines seit der frühesten Kindheit zu verzeichnenden ‚polymorph-perversen’ Charakters sexueller Wünsche den Neurologen Freud zu einem radikalen Bruch mit dem positivistischen Modell einer reproduktionsfunktionalen Evolution. Die Normalität ergibt sich sozusagen aus der Abweichung. So ist die ‚Anatomie’ für Freud – wie später für Simone de Beauvoir - ‚kein Schicksal’ mehr. Denn nicht nur sexuelle Orientierungen (z.B. Homosexualität), sondern auch geschlechtliche Identitäten ergeben sich aus der konfliktreichen Auseinandersetzung zwischen individuellem Verlangen und kultureller Begrenzung (z.B. Inzestverbot), was sich metapsychologisch in der mythologisch fundierten Theoriefiktion des universalisierten ‚Ödipuskomplexes’ manifestiert. Dass Freud dabei die weibliche Entwicklung ex negativo aus der männlichen abzuleiten scheint, wurde zum zentralen Kritikpunkt feministischen Denkens (vgl. Luce Irigaray), das vor allem im Kastrationsnexus einen Ausdruck ‚phallokratischer’ Machtverhältnisse sieht. Denn auch die in Jacques Lacans ‚Rückkehr zu Freud’ beschlossene Radikalisierung einer sprachphilosophischen Lesart der Psychoanalyse, die von (post-) strukturalistischen Diskursen geprägt war, ändert nichts an der verdächtigen Asymmetrie ‚männlicher’ resp. ‚weiblicher’ Positionen. Daher hat die Psychoanalytikerin Julia Kristeva (1974 ff.), die ‚Geschlechter’ als zeichenhafte (und im weitesten Sinne mediale) Effekte betrachtet, weniger eine Revision als eine Erweiterung psychoanalytischer Geschlechterkonzeptionen auf semiologischer Basis unternommen und damit versucht, ‚Differenz’ ins ‚Differenzdenken’ einzuführen. Diese drei genetisch wie systematisch eng miteinander zusammenhängenden Versionen von ‚Weiblichkeitstheorie’ sollen uns im Seminar beschäftigen. – Teilnahmevoraussetzung ist die Bereitschaft zur Erarbeitung schwieriger Texte, zur Übernahme eines Referats und zur Lektüre der mit einem Sternchen (*) versehenen Aufsätze vor Semesterbeginn. Primärliteratur : - * Freud, Sigmund: -Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie- [1905]. In: Studienausgabe. Bd. V (‚Sexualleben’). Frankfurt a.M.: Fischer Vlg. 1972, S. 37-147 - * Ders.: -Der Untergang des Ödipuskomplexes- [1924]. In: ebd., S. 243-253 - * Ders.: -Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds- [1925]. In: ebd., S. 253-267 - Ders.: -Über die weibliche Sexualität- [1931]. In: ebd., S. 273-292 - Lacan: -Die Bedeutung des Phallus- [1966]. In: Schriften II. Olten/Freiburg i.Br.: Walter Vlg. 1975, S. 119-133 - Ders.: -LA femme n’existe pas- [dt. Übers.]. In: alternative 108/109, 19. Jg. (1976), S. 160-164 - Ders.: Encore. Das Seminar, Buch XX, 1972-1973. Weinheim/Berlin 1986 [Auszüge] - Irigaray, Luce: Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts [1975]. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1980 - Dies.: -Cosi fan tutti- [1977]. In: Dies., Das Geschlecht, das nicht eins ist. Berlin: Merve 1979, S. 89-110 - Kristeva, Julia: -Produktivität der Frau-. In: alternative, a. a .O., S. 166-172 - Dies.: Die Revolution der poetischen Sprache [1974]. Ffm.: Suhrkamp 1978 [Scans] - Dies.: -La passion maternelle et son sens aujourd’hui- [2006]. In: Seule une femme. Paris: Éditions de l’Aube 2007, S. 170-183 [Scan der dt. Übers.] Sekundärliteratur: - Mitchell, Juliet: Psychoanalyse und Feminismus. Ffm.: Suhrkamp 1976, S. 11-165 - Seifert, Edith: ‚Was will das Weib?’ Zu Begehren und Lust bei Freud und Lacan. Weinheim/Berlin: Quadriga 1987 - * Dies.: -Zum Missverständnis der weiblichen Sexualität bei Freud. Kastrationswahrnehmung als symbolische Matrix-. In: Karl-Josef Pazzini/Susanne Gottlob (Hg.), Einführung in die Psychoanalyse I. Bielefeld: transcript 2005, 89-105 - * Runte, Annette: -Geschlechter als Verfahren und Effekte: Über Julia Kristevas Zeichen- und Kulturtheorie-. In: Dies., Rhetorik der Geschlechterdifferenz. Von Beauvoir bis Butler. Vorlesungen. Ffm.: Peter Lang 2010, S. 155-177 Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I Universität Siegen SoSe 2016 apl. Prof. Dr. Runte Annette