Romananfänge Erzählanfänge
Wie anfangen? Und vor allem: womit? Wodurch zeichnet der Anfang einer Geschichte sich aus? Und was soll er leisten? Bei Aristoteles klang es noch einfach: -Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch...
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Jetzt Lernplan erstellenWie anfangen? Und vor allem: womit? Wodurch zeichnet der Anfang einer Geschichte sich aus? Und was soll er leisten? Bei Aristoteles klang es noch einfach: -Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht- (Poetik, Kap. 7). Der Anfang sicherte das Folgende ab. Und so war bis hinauf ins 18. Jh. das Erzählen ab ovo weit verbreitet: Geschichten begannen mit der Geburt des Helden oder seinem Aufbruch zu einer weiten Reise. Spätestens mit dem Realismus im 19. Jh. aber verschieben sich die Gewichte: nicht mehr der Held und seine Taten stehen im Mittelpunkt, sondern die Welt, die dem Schicksal des Helden sein Gepräge gibt. Damit der Leser diese Welt als die seine erkennt, muss der Erzähler sie in der Realität verankern, damit diese Welt aber auch in sich stimmig ist, muss er ihr Regeln geben. Der Romananfang fungiert als Schwelle, in ihm vollzieht sich der Übergang von der realen Welt in die Welt der Fiktion. Im 20. Jh., als der Realismus in die Kritik gerät, rückt der Erzählvorgang selbst verstärkt in den Blick. Der Roman reflektiert seine Möglichkeiten der Fiktionalitätserzeugung und der Beteiligung des Lesers, er thematisiert seine Medialität und die des Schreibens/Erzählens. Das Incipit wird zu einem Ort, an dem die Regeln des Erzählens expliziert und der Leser in die Pflicht genommen werden. Das Seminar will anhand ausgewählter Romananfänge, insbesondere aus dem 19./20. Jh., die erzählstrategische Funktion des Incipit klären und damit zugleich einen Einblick in die Entwicklung des Romans geben.
Eine Textsammlung liegt ab Anfang April als Kopiervorlage im WISO-Pool bereit. Zur einführenden Lektüre empfohlen: Jean-Pierre Goldenstein, Lire le roman, Paris/ Bruxelles 1999 (11980) Voraussetzungen Erfolgreich abgeschlossener OK Französische Literaturwissenschaft Leistungsnachweis regelmäßige aktive Teilnahme, mündliches Kurzrefereat, schriftliche Hausarbeit FB 02 Institut für Romanistik Erfolgreich abgeschlossener OK Französische Literaturwissenschaft regelmäßige aktive Teilnahme, mündliches Kurzrefereat, schriftliche Hausarbeit Uni Kassel SoSe 2012 Berufsbezogene Mehrsprachigkeit Französisch Prof. Dr. Sick Franziska