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Uni-Essen
14. März 2017

Seminar 8222 Es muss mehr als alles geben 8220 Religion und Gesellschaft

-Das Zentrale jeder echten Kultur nämlich ist ein gewisser Standpunkt in Anbetracht der Relationen zwischen der Zeit und dem individuellen Tod.- (George Steiner, In Blaubarts Burg, Frankfurt a. M. 1972, S. 98) -Ich bin zwar religiös absolut unmusikalisch und habe...

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-Das Zentrale jeder echten Kultur nämlich ist ein gewisser Standpunkt in Anbetracht der Relationen zwischen der Zeit und dem individuellen Tod.- (George Steiner, In Blaubarts Burg, Frankfurt a. M. 1972, S. 98) -Ich bin zwar religiös absolut unmusikalisch und habe weder Bedürfnis noch Fähigkeit, irgendwelche seelischen Bauwerke religiösen Charakters in mir zu errichten. Aber ich bin nach genauer Selbstprüfung weder antireligiös noch irreligiös.« (So der bedeutende Religionssoziologie Max Weber über sich selbst, zitiert von Marianne Weber in ihrer Biographie ihres Mannes: Max Weber. Ein Lebensbild, Tübingen 1926, S. 339) -Ihre ursprüngliche Sicherheit hatte die Religion in der Gesellschaf selbst. In ihren Grundlagen [...] waren Religion und Gesellschaft nicht zu unterscheiden. [...] Die Religion sichert heute weder gegen Inflation noch gegen einen unliebsamen Regierungswechsel, weder gegen das Fadwerden einer Liebschaft noch gegen wissenschaftliche Widerlegung der eigenen Theorien.- (Niklas Luhmann: Die Ausdifferenzierung der Religion, in: ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik 3,Frnakfurt a. M. 1989, S. 259-357, hier S. 259) Das soziale Phänomen -Religion- lässt sich unter vielen Gesichtspunkten betrachten. Was ist überhaupt Religion? Was lässt sich als Religion bezeichnen, was nicht? Wie funktionieren Religionen? Und welche Rolle spielt Religion für eine Gesellschaft? Aus soziologischer Sicht kann man sich auf sehr verschiedene Weise mit Religion befassen, und die Soziologie hat eine Reihe verschiedener Deutungen von Religion entwickelt. Zunächst ist die Idee der Gesellschaft als einer geschichtlichen Wirklichkeit (und damit die Soziologie) hervorgegangen aus der Religionskritik des 18. Jahrhunderts. Diese radikale Religionskritik bildete nicht nur den Motor des modernen Fortschrittsdenkens, sondern aus dieser Kritik ließ sich der allgemeinere Gedanke ableiten, dass das gesamte Denken und Wissen des Menschen etwas geschichtlich Bedingtes ist: die Wirklichkeit des Menschen ist das, was er dafür hält, ein bloßes Weltbild (Auguste Comte in der Lesart von Norbert Elias). Zugleich war in der Bezeichnung von Religion als Religion der Kern einer Theorie funktionaler Differenzierung enthalten. Ging es im Geist der Aufklärung zunächst darum, Religion durch Vernunft zu überwinden, entdeckte die Soziologie um 1900, dass Religion kein Gegensatz zur Moderne ist, sondern dass die Moderne selbst religiöse Wurzeln hat (das Fortschrittsdenken in der Heilserwartung; die kapitalistische Arbeitsmoral in der protestantischen Ethik; die moderne Rationalität im scholastischen Denken; die Individualisierung in der mystischen Kontemplation; ja sogar ein Zusammenhang von Zivilisation und Transzendenz in der Theorie der Achsenzeit usw.). Dies alles ist ergibt sich aus der Perspektive einer vergleichenden historischen Soziologie. Es ist aber auch möglich, Religion und Religiosität als gegebene soziale Tatsache zu untersuchen: Entweder in Form einer Theorie funktionaler Differenzierung, die zeigt, dass Religion in der Moderne nicht verschwindet, sondern zu einem ausdifferenzierten Funktionssystem wird. Oder indem man sich mit Aspekten von Religion und Religiosität unter dem Gesichtspunkt funktionaler Äquivalente befasst und auf diese Weise religiöse Elemente in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen wiederfindet: Sakrales, Beichte, Konversion usw., die sich in ganz anderer Gestalt in den verschiedensten Zusammenhängen wiederfinden lassen. Das Seminar wird also ein breites Spektrum möglicher Wichtweisen auf die gesellschaftlichen Bedeutungen und Funktionen von Religion behandeln. Informationen und Literaturhinweise finden sich ab Ende März in Moodle. Sozialwissenschaften Universität Duisburg-Essen SS 2011 L1, Lehramt für die Sekundarstufe I Sozialwissenschaften