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Uni-Düsseldorf
14. März 2017

Seminar Anders Die Antiquiertheit des Menschen

Der Mensch, das selbstbewußte, souveräne Individuum, das im Gegensatz zum instinktgesteuerten Tier Herr seiner Entscheidungen und seiner Handlungen ist – es wäre zu schön um wahr zu sein, wenn dieses Klischee Wirklichkeit würde. Der Mensch ist zunächst eingeschränkt durch die...

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Der Mensch, das selbstbewußte, souveräne Individuum, das im Gegensatz zum instinktgesteuerten Tier Herr seiner Entscheidungen und seiner Handlungen ist – es wäre zu schön um wahr zu sein, wenn dieses Klischee Wirklichkeit würde. Der Mensch ist zunächst eingeschränkt durch die natürlichen Verhältnisse, in denen er lebt. An diese ist er aber gut adaptiert. Die Evolution hat uns so werden lassen, dass wir in unserer Nische überleben können. Die Zwänge der Natur haben wir durch die Entwicklung von Werkzeugen und Maschinen immer weiter zurückdrängen können. Dadurch sollte unser Freiheits- und Entscheidungsspielraum eigentlich größer geworden sein. Sind wir der Verwirklichung des eingangs genannten Klischees dadurch näher gekommen? Das wäre nur dann der Fall, wenn wir Herr der Technik wären und diese selbstbewußt und souverän benutzen könnten, um uns den Umgang mit der Natur zu erleichtern. Aber wer benutzt hier wen? Benutzen wir die Technik, oder benutzt am Ende die Technik uns? Technische Neuerungen bringen zwangsläufig neue Anforderungen an uns als die Benutzer mit sich. Wir müssen uns darauf einstellen und lernen, mit der Technik umzugehen. Aber der Mensch ist träge, seine Anpassungsgeschwindigkeit ist niedrig; die Innovationsgeschwindigkeit der technischen Entwicklung ist dagegen hoch. Das führt dazu, dass wir der technischen Entwicklung hinterherhinken, wir können uns nicht so schnell anpassen, wie die Anforderungen durch technische Neuerungen zunehmen. Im Vergleich zum Stand der technischen Entwicklung sind wir mittlerweile hoffnungslos veraltet. Der Mensch ist antiquiert. In seinem zweibändigen Hauptwerk analysiert Günther Anders diese Antiquiertheit des Menschen in all ihren Facetten. Zur modernen Technik, die uns im Alltag bestimmt, gehören die technischen Medien, die unseren Zugang zur Welt nachhaltig prägen. Ist das, was wir für die Welt halten, die Realität oder nur ein Bild, das wir aus den Medien übernehmen, ob wir wollen oder nicht? Was die Medien mit uns und unserer Wahrnehmung der Realität machen, ist neben der Technikphilosophie im engeren Sinne ein weiteres großes Thema in Anders' Hauptwerk. Sein Aufsatz -Die Welt als Phantom und Matrize- aus Band 1 ist ein Grundtext der modernen Medientheorie. Die Ergebnisse, zu denen Anders im ersten Band kommt, sind geprägt von seinen Erfahrungen aus den 1940er Jahren in den USA. Unter neue Medien verstand man damals Radio und Fernsehen. Die industrielle Produktion geschah in Form von Fließbandarbeit in Fabriken. Wir werden uns fragen, inwieweit die Ergebnisse, zu denen Anders kommt, auf heutige Verhältnisse übertragbar sind. Wie antiquiert sind wir heute, im Zeitalter des Internets und der automatisierten Produktion, die von Robotern erledigt wird? Anders hat im zweiten Band neuere Entwicklungen berücksichtigt, aber auch diese Betrachtungen reichen nur bis ca. 1980. Es bleibt also Raum für Aktualisierungen. Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen Bd.1, Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956. Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen Bd.2, Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1980. Zur Einführung: Christian Dries, Günther Anders, UTB Profile, Paderborn 2009. Philosophie (BA, PO 2013) Kernfach Universität Düsseldorf SoSe 2016 Dr. Lechner Jochen