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Uni-Kassel
14. März 2017

Seminar Beihilfe zum Selbstbetrug Linguistische Betrachtungen zu sprachlichen Formen der Selbstsuggestion GS 3.1 Modulzuordnung L2 M5 L3 M8

Das Seminar sieht folgende Aussage als Ausgangsthese an, die im Verlauf der Seminararbeit reflektiert werden soll: Wenn wir etwas sagen oder schreiben, dann versuchen wir nicht nur andere von unserer Einstellung, von unserer Sichtweise der Welt zu überzeugen, sondern wir...

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Das Seminar sieht folgende Aussage als Ausgangsthese an, die im Verlauf der Seminararbeit reflektiert werden soll: Wenn wir etwas sagen oder schreiben, dann versuchen wir nicht nur andere von unserer Einstellung, von unserer Sichtweise der Welt zu überzeugen, sondern wir versuchen auch, uns selbst davon zu überzeugen, dass es wahr ist, was wir denken und fühlen. Wir versuchen den geheimen Zweifel in uns zu bekämpfen, indem wir ihm die Faktizität des Gesagten entgegensetzen. Gehen wir aus von einer Konsens-Theorie der Wahrheit, dann erhöht sich die Plausibilität dieser These. Je mehr Menschen ich dazu bringe, meiner Wahrheit Glauben zu schenken, umso mehr wächst auch mein eigener Glauben, dass das, was ich sage oder schreibe, wahr ist. Eine solche Form der Selbstsuggestion scheint auch bei der Verfasserin des Briefes vorzuliegen, an die sich das lyrische Ich in dem folgenden Gedicht von Heinrich Heine richtet: Der Brief, den du geschrieben er macht mich gar nicht bang; du willst mich nicht mehr lieben, aber dein Brief ist lang Zwölf Seiten rein und zierlich! Ein kleines Manuskript! Man schreibt nicht so ausführlich, wenn man den Abschied gibt. Die Seminarteilnehmer sollen etwas Ähnliches leisten wie das lyrische Ich in diesem Gedicht: Sie sollen ihr Augenmerk auf die sprachliche Form lenken, in der Hoffnung, dass gerade die sprachliche Form in ihrer Widerspenstigkeit etwas verrät über die geheimen, vielleicht nicht einmal sich selbst gegenüber eingestandenen Absichten eines Sprechers bzw. Schreibers. Als Untersuchungsgegenstände stehen Texte zur Verfügung, die auf Seiten der Sprecher bzw. der Verfasser eine angestrengte Selbstdarstellung erkennen lassen. Dabei werden sowohl non-fiktionale wie auch fiktionale Texte berücksichtigt. Nonfiktionale Texte: Homepages, Rundbriefe, Familienanzeigen u.ä. Fiktionale Texte: Erzähltexte mit einem klar konturierten Ich-Erzähler, Dramentexte und in geringerem Maße auch lyrische Texte Wilhelm Köller. Philosophie der Grammatik. Vom Sinn grammatischen Wissens. Stuttgart 1988 Peter von Polenz. Deutsche Satzsemantik. Grundbegriffe des Zwischen-den-Zeilen-Lesens. Berlin 1988 FB 02 Institut für Germanistik Uni Kassel WS 2006/2007 Dr. Müller Christoph