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Uni-Kassel
14. März 2017

Seminar Demokratie und Konflikt

Im Seminar soll über den Zusammenhang von Demokratie und Konflikt neu nachgedacht werden. Üblicherweise werden Konflikte als gesellschaftlicher Ausgangspunkt politischer Kämpfe und Aushandlungsprozesse betrachtet und die Demokratie als eine Lösung oder Verfahrensweise angesehen, die einen zivilen und legitimen Umgang mit...

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Im Seminar soll über den Zusammenhang von Demokratie und Konflikt neu nachgedacht werden. Üblicherweise werden Konflikte als gesellschaftlicher Ausgangspunkt politischer Kämpfe und Aushandlungsprozesse betrachtet und die Demokratie als eine Lösung oder Verfahrensweise angesehen, die einen zivilen und legitimen Umgang mit diesen Konflikten gestattet. Aber man könnte es auch umgekehrt sehen: Die Konflikte könnten durch demokratische Prozesse und Institutionen erzeugt sein und verhindern, dass diese zu Lösungen gesellschaftlicher Probleme führen können, also in Selbstblockaden gesellschaftlicher Lern- und Wandlungsfähigkeit münden. Diese Fragen grundlegend zu diskutieren und zu klären ist besonders interessant, weil eine Reihe von soziologischen und politischen Schriften gegenwärtig den Anbruch eines postdemokratischen Zeitalters diagnostizieren. Sie befürchten den totalen Ausverkauf demokratischer Willensbildungs- und Entscheidungsfähigkeit durch Prozesse der Delegation an die Privatwirtschaft, die nicht nur an Macht enorm gewonnen habe, sondern zunehmend direkt die Gesetze schreibe, während in den Parlamenten und in der Regierung politische Auseinandersetzungen nur noch medial für ein passives Wählenden-Publikum inszeniert werden (vgl. Crouch 2008). Was damit verloren gegangen sei, so lautet eine These, ist die politische Fähigkeit, grundlegende gesellschaftliche Konflikte auszutragen (vgl. etwa Mouffe 2007). Aber stimmt dieses Bild? Trifft es die Probleme demokratischer Politik in der komplexen Gesellschaft? Oder müssen wir in andere Richtungen denken und Demokratie jenseits einer sozialen Konfliktzentriertheit oder -versessenheit neu entdecken, um ihr im 21. Jahrhundert eine Zukunft geben zu können (vgl. Brunkhorst 1998; Latour 2010; Lamla 2013)? Wie sind diesbezüglich die Beiträge von Protestbewegungen wie -Occupy- oder die Vorschläge für eine -Liquid Democracy- seitens der Piratenpartei einzuschätzen? Das wollen wir herausfinden. Zum Einlesen: Blühdorn, Ingolfur (2013): Simulative Demokratie. Neue Politik nach der postdemokratischen Wende. Frankfurt/M. Brunkhorst, Hauke (Hrsg.) (1998): Demokratischer Experimentalismus. Politik in der komplexen Gesellschaft. Frankfurt/M. Crouch, Colin (2008): Postdemokratie. Frankfurt/M. Lamla, Jörn (2013): Verbraucherdemokratie. Politische Soziologie der Konsumgesellschaft. Frankfurt/M. Latour, Bruno (2010): Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie. Frankfurt/M. Michelsen, Danny/Walter, Franz (2013): Unpolitische Demokratie. Zur Krise der Repräsentation. Frankfurt/M. Mill, John Stuart (2013 [1861]): Betrachtungen über die Repräsentativregierung. Frankfurt/M. Mouffe, Chantal (2007): Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion. Frankfurt/M. Rancière, Jacques (2002): Das Unvernehmen. Politik und Philosophie. Frankfurt/M. Toqueville, Alexis de (1985 [1835/1840]): Über die Demokratie in Amerika. Stuttgart. FB 05 Gesellschaftswissenschaften Uni Kassel SoSe 2014 Soziologie Prof. Dr. Lamla Jörn