Uni-Kassel
14. März 2017Seminar Ein T Shirt für 2,50 Wozu noch waschen Wert und Wertschöpfung in einer globalen Welt
Was ist hier eigentlich los, in unserer globalen und komplexen Welt? Eine Antwort auf diese Frage schuldet die Sozialwissenschaft vor allem mit Blick auf wirtschaftliche Prozesse, die unseren Planeten zu überziehen scheinen. Wie lässt es sich zum Beispiel erklären, dass...
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Jetzt Lernplan erstellenWas ist hier eigentlich los, in unserer globalen und komplexen Welt? Eine Antwort auf diese Frage schuldet die Sozialwissenschaft vor allem mit Blick auf wirtschaftliche Prozesse, die unseren Planeten zu überziehen scheinen. Wie lässt es sich zum Beispiel erklären, dass Horden von Jugendlichen und jungen Erwachsenen T-Shirts für 2,50 Euro bei Primark kaufen? Diese Konsumenten kümmern sich dabei interessanterweise nicht nur überhaupt nicht um den sozialen und ökologischen -Rucksack-, das heißt die oft zweifelhafte Herstellung dieses Stück Stoffes im globalen Süden, den sie sozusagen stets -mit sich tragen-. Nein, der Kauf dient oft sogar nur für einen kurzen Augenblick – und sei es für die nächste -Holi-Party-, wo man sich in Anlehnung an das indische Frühlingsfest exzessiv mit Farben bewirft. Danach wird das T-Shirt meist ungewaschen weggeworfen, sodass endlich ein neuer Fetzen gekauft werden kann. Man kann es den Konsumenten trotz allem nicht übel nehmen; die Prozesse sind zu komplex, als das sie oder andere vereinzelte Akteure die alleinige Verantwortung übernehmen können.
Die These dieses Seminar lautet daher, dass wir geeignete Erkenntniswerkzeuge benötigen, um solche Phänomene zu verstehen. Der Vorschlag lautet, dass dazu vor allem die Begriffe -Wert- und -Wertschöpfung- fruchtbar sind. Das Primarksche T-Shirt scheint zum Beispiel gleich mehrere Bedeutungen von Wert zu kombinieren (hipp, aber günstig), was sich jedoch nicht einordnen lässt, ohne die Produktion dieses Wertes nachzuzeichnen (als physischer Prozess der Herstellung, aber auch als mentaler und sozialer Prozess des Begehrens).
Ausblick auf den Seminarplan
Update: Im Anschluss an die Erörterung der verschiedenen Wert-Perspektiven ist eine Kooperation (nicht nur ein Besuch!) mit dem konsumkritischen Stadtrundgang (Kopiloten e.V.) in Vorbereitung.
Wert und Wertschöpfung sind allgegenwärtig und werden genau deswegen oft übersehen, zumindest aber selten präzise hinterfragt. Da aber davon auszugehen ist, dass Kämpfe um Wert und Wertschöpfung im Laufe des 21. Jahrhunderts eine zunehmend entscheidende Rolle spielen werden, müssen wir uns diesen Themen systematisch nähern.
Einleitend soll die viel beachtete These von Tomáš Sedláek diskutiert werden, dass der Ökonomie ein über Mythen, Geschichten und Erwartungshaltungen kulturell tiefes verankertes Verständnis von Gut und Böse zu Grunde liegt, was heute bewusst wie unbewusst ausgeblendet wird. In einem ersten Themenblock will das Seminar dazu (u.a.) den Wertbegriff der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft der Marxschen Wertform gegenüberstellen. Ein zweiter Themenblock soll dann den Begriff der Wertschöpfung einführen, um globale Organisationsleistungen vor dem Hintergrund transnationaler Ungleichgewichte verstehen zu können. Beide Themenblöcke sollen keine rein theoretischen Debatten sein, sondern als Hilfsmittel zur Erkenntnis von verschiedenen empirischen Beispielen dienen, zum Beispiel vom global erfolgreichen Unternehmen wie Coca Cola oder den Wertschöpfungen der Agrar- und Elektronikindustrie. Eine erste radikale Verschmelzung der zwei Begriffe scheint zunächst das Geld zu geben, was als Medium der Wirtschaft bzw. als absolutes Mittel schlechthin auftritt. Die Finanzindustrie zeigt die Widersprüchlichkeit dieses Mediums ideal auf; sie verweist aber auch darauf, dass dieser eine Begriff nur ein Anfang der Analyse sein kann. Im letzten Themenblock soll daher die Antwort auf die Verstrickung von Wert und Wertschöpfung gegeben werden, indem wir es als wahrlich komplexes -Hybrid- ernst nehmen. Ökonomie erscheint dann als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen, in der mit verschiedenen privaten und öffentlichen Bewertungsmaßstäben hantiert wird – weit über die rigide Kategorie des Geldes hinausgehend.
Deutschmann, C (2000), Geld als -absolutes Mittel-: zur Aktualität von Simmels Geldtheorie. Berliner Journal für Soziologie 10, H. 3, 301-313.
Fischer K, Reiner C, Staritz C (Hrsg) (2010) Globale Güterketten; Weltweite Arbeitsteilung und ungleiche Entwicklung. Promedia Verl. & Südwind, Wien.
Latour B, Lépinay VA (2010) Die Ökonomie als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen. Suhrkamp, Berlin.
Sedlacek T (2012) Die Ökonomie von Gut und Böse. Hanser, Carl, München.
Sohn-Rethel A (1978) Warenform und Denkform; Mit zwei Anhängen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.
FB 05 Gesellschaftswissenschaften
Uni Kassel
WiSe 2014/15
Politik und Wirtschaft
Laser Stefan