Uni-Kassel
14. März 2017Seminar männliche Frauen weibische Männer Genderkonzepte in mittelalterlicher Literatur
Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind bekanntlich keineswegs biologisch determiniert, sondern entscheidend geprägt von den je vorherrschenden historischen, sozialen und mentalen Gegebenheiten. Im Wandel der Zeiten wurde nicht nur der Mensch immer wieder neu bestimmt, sondern es wurden auch und...
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Jetzt Lernplan erstellenVorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind bekanntlich keineswegs biologisch determiniert, sondern entscheidend geprägt von den je vorherrschenden historischen, sozialen und mentalen Gegebenheiten. Im Wandel der Zeiten wurde nicht nur der Mensch immer wieder neu bestimmt, sondern es wurden auch und gerade Geschlechterbilder entworfen, welche die Grundlage bildeten für die rechtliche Stellung, die Rollenverteilung, die Hierarchien in Gesellschaft und Familie, für Bildung und Wertigkeit der Geschlechter. Das Mittelalter gilt dabei gemeinhin als besonders frauenfeindlich, weil es angeblich der Frau gar keinen eigenen Status zubillige, sondern sie zu einem Derivat des Mannes mache, der seinerseits zum unumschränkten Beherrscher der Welt aufgerufen sei. Sobald man sich nun aber etwas genauer mit mittelalterlichen Konzepten von Körper und Geschlecht befasst, wird man feststellen, dass diese sehr viel differenzierter und vielfältiger sind. Zweifellos gibt es im Mittelalter anthropologische und theologische Prämissen zu Geschlecht und Geschlechtlichkeit, die normsetzend wirkten und eine Geschlechterhierarchie entwickelte. Die daraus ableitbaren Konsequenzen sind aber keineswegs zwingend misogyn und werden gerade in der Literatur höchst kontrovers diskutiert bzw. subversiv unterlaufen, wobei die Wahl eines Genderkonzepts nicht zuletzt von der jeweiligen literarischen Gattung abhängt.
Im Seminar soll es darum gehen, für einmal nicht moderne Gendertheorien in das Zentrum der Analyse zu stellen, sondern literarisch geschlechtliche Zuordnungen im Kontext des zeitgenössischen anthropologischen, medizinischen und theologischen Diskurs zu betrachten, und danach zu fragen, inwiefern -wissenschaftliche- Setzungen der mittelalterlichen Geschlechterordnung literarische Entwürfe bestimmen oder sich in ihnen spiegeln, bzw. wo deutliche Abweichungen von der Norm zu beobachten sind und welche Funktionen diese unterschiedlichen Entwürfe von Geschlecht innerhalb der einzelnen Texte haben.
Vorläufiges Programm:
23.4.
Literaturverzeichnis :
Mit * bezeichnete Titel befinden sich im Apparat.
Primärtexte :
Achilles: Konrad von Würzburg: Der trojanische Krieg. Online-Ressource:https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/13Jh/KonradvWuerzburg/kon_tr00.html
Andreas Capellanus: Von der Liebe. Drei Bücher. Berlin, New York 2006.
Aristoteles und Phyllis: Klaus Grubmüller (Hg.): -Novellistik des Mittelalters-. Märendichtung, (Bibliothek des Mittelalters; Band 23). Frankfurt a.M. 1996, 1185 ff.
begrabener Ehemann: Stricker, Der: Der begrabene Ehemann. In: der Stricker: Erzählungen, Fabeln, Reden. Mittelhochdeutsch-neuhochdeutsch, hrsg. v. O. Ehrismann. RUB 18821, Stuttgart 2011.
Eneas und Lavinia: Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Mittelhochdeutsch-neuhochdeutsch. RUB 8303, Stuttgart 1986.
Das Frauenturnier: Klaus Grubmüller (Hg.), Novellistik des Mittelalters. (Bibliothek des Mittelalters 23, Bibliothek deutscher Klassiker 138), Frankfurt a.M.1996, 944-977.
Gyburc: Wolfram von Eschenbach: Willehalm, Berlin, New York 1989.*
Hildegard von Bingen: Heilkunde. Das Buch von dem Grund und Wesen und der Heilung der Krankheiten. Salzburg 1981.
Hildegard von Bingen: Ursachen und Behandlung von Krankheiten = causae et curae. Heidelberg 1985.
Hildegard von Bingen: Welt und Mensch. Das Buch -de operatione Dei- aus dem Genter Kodex, Salzburg 1965.
Konrad von Megenberg: Buch der Natur, Frankfurt a. M. 1990.*
Sibote: Cornelie Sonntag: Sibotes -Frauenzucht-. Kritischer Text und Untersuchungen. Hamburger Philologische Studien, Bd. 8, Hamburg 1969.*
Tristan und Isolde: Gottfried von Straßburg: Tristan. RUB 4471-4473, Stuttgart 1980.*
Thomasin von Zerclære: Der Welsche Gast, Berlin 2004.*
Forschungsliteratur:
Martin Baisch, Hendrijke Haufe, Michael Mecklenburg, Matthias Meyer, et al. (Hg.): Aventiuren des Geschlechts. Modelle von Männlichkeit in der Literatur des 13. Jahrhunderts. Göttingen 2003. (= Aventiuren 1).*
Ingrid Bennewitz und Ingrid Kasten (Hg.): Genderdiskurse und Körperbilder im Mittelalter. Eine Bilanzierung nach Butler und Laqueur. Münster, Hamburg, London 2002. (= Bamberger Studien zum Mittelalter 1).*
Ingrid Bennewitz, Ruth Weichselbaumer: Erziehung idealer Weiblichkeit und Männlichkeit in der didaktischen Literatur des Mittelalters. In: DU 55/1 (2003), 43-50.
Beate Baier: Die Bildung der Helden: Erziehung und Ausbildung in mittelhochdeutschen Antikenromanen und ihren Vorlagen. Trier 2006.
Ulrich Barton: -Manheit- und -minne- : Achills zweifache Erziehung bei Konrad von Würzburg In: Henrike Lähnemann, Sandra Linden (Hg.): Dichtung und Didaxe. Lehrhaftes Sprechen in der deutschen Literatur des Mittelalters. Berlin 2009, 189-204.
Claudia Benthien (Hg.): Männlichkeit als Maskerade. Köln 2003. (= Literatur - Kultur - Geschlecht. Kleine Reihe 18).*
Reinhard Berron: Sibotes -Frauenerziehung- : die Handschrift Rom, Bibl. Apostolica Vaticana, Cod. Pal. lat. 1361 In: ZfA 143,1 (2014), 24-56.
Ute von Bloh: Heimliche Kämpfe. Frauenturniere in mittelalterlichen Mären. In: PBB 121 (1999), 214-238.
Claudia Brinker-von der Heyde: Ortswechsel: Norm und Verkehrung bei Raumzuordnungen in mittelalterlicher Epik. In: Margarete Hubrath (Hg.): Geschlechter-Räume. Konstruktion von -gender- in Geschichte, Literatur und Alltag. Köln, Weimar, Wien 2001, 23-36.
Claudia Brinker-von der Heyde und Ingrid Kasten (Hg): Erziehung und Bildung im Mittelalter. DU 55, 1 (2003).
Vern L. Bullough (Hg.): Handbook of Medieval Sexuality. New York 1996. (= Garland reference library of the humanities 1696).
William E. Burgwinkle: Sodomy, Masculinity and Law in Medieval Literature. Cambridge 2004.
Carolyn Walker Bynum: Fragmentation and Redemption. Essays on Gender and the Human Body in Medieval Religion. Cambridge 1991. dt.: Carolyn Walker Bynum: Fragmentierung und Erlösung. Geschlecht und Körper im Glauben des Mittelalters. Frankfurt a. M. 1996.
Joan Cadden: It Takes All Kinds. Sexuality and Gender Differences in Hildegard of Bingen's Book of Compound Medicine. In: Traditio 40 (1984), 149 - 174.
Edith Feistner: Manlîchiu wîp, wîplîche man. In: PBB 119, 2 (1997), 235-260.
Isnard W. Frank: Femina est mas occasionatus. Deutung und Folgerungen bei Thomas von Aquin. In: Peter Segl (Hg.): Der Hexenhammer. Entstehung und Umfeld des Malleus maleficarum von 1487. Köln, Wien 1988, 71-102.
Simon Gaunt: Gender and Genre in Medieval French Literatur. Cambridge 1995. (= Cambridge Studies in French 53).
Irmgard Gephart: Welt der Frauen, Welt der Männer. Geschlechterbeziehung und Identitätssuche in Hartmanns von Aue 'Erec'. In: Archiv für Kulturgeschichte 85 (2003), 171-199.
Emilio González Miranda: Von bösen Weibern und ihrer Züchtigung. Formen der Gewaltanwendung in Strickers -Die eingemauerte Frau- und in Sibotes -Frauenzucht- In:Domínguez Vázquez, María José(Hg.): La palabra en el texto. Festschrift für Carlos Buján. Santiago de Compostella 2011, 49-70.
Bernd-Ulrich Hergemöller: Masculus et Femina. Systematische Grundlinien einer mediävistischen Geschlechtergeschichte. Hamburg 2001.
Margarete Hubrath (Hg.): Geschlechter-Räume. Konstruktionen von ›gender« in Geschichte, Literatur und Alltag. Köln, Weimar, Wien 2000.*
Johannes Keller: Dekonstruierte Männlichkeit : von scheintoten und begrabenen Ehemännern. In: Martin Baisch, et al. (Hg.): Aventiuren des Geschlechts. Modelle von Männlichkeit in der Literatur des 13. Jahrhunderts. Göttingen 2003. (= Aventiuren 1), 123-148.
Christian Kiening: Verletzende Worte - verstümmelte Körper: zur doppelten Logik spätmittelalterlicher Kurzerzählungen In: ZfPh 127,3 (2008), 321-335.
Andreas Kraß und Alexandra Tischel (Hg.): Bündnis und Begehren: ein Symposium über die Liebe. Berlin 2002. (= Geschlechterdifferenz und Literatur 14).*
Andreas Kraß: Geschriebene Kleider. Höfische Identität als literarisches Spiel. Tübingen 2006.*
Helen Kurss: Die Novelle von der -Zähmung der Widerspenstigen- : Beobachtungen zur variierenden Überlieferung der mittelhochdeutschen Verserzählung. In: Christoph Parry, Liisa Voßschmidt (Hg.): Europäische Literatur auf Deutsch? Beiträge auf der 13. Internationalen Arbeitstagung Germanistische Forschungen zum Literarischen Text. München 2008. (= Perspektiven. Nordeuropäische Studien zur deutschsprachigen Literatur und Kultur, Band 2), 30-44.
Thomas Laqueur: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. übers. v. H. Jochen Bussmann. Frankfurt a. M. 1992.*
Gertrud Lehnert: Wenn Frauen Männerkleider tragen: Geschlecht und Maskerade in Literatur und Geschichte. München 1997.*
Petra Leutner (Hg.): Das verortete Geschlecht: literarische Räume sexueller und kultureller Differenz. Tübingen 2003.*
Elisabeth Lienert: Antike Töchter in deutscher Erzählliteratur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit - eine Skizze In: Dina De Rentiis, u.a. (Hg.): Generationen und gender in mittelalterlicher und Bamberg 2009, 9-24.
John Margetts: Ehezwist in deutschen Kurzerzählungen des Mittelalters. In: Kurt Gärtner, Ingrid Kasten und Frank Shaw (Hg.): Spannungen und Konflikte menschlichen Zusammenlebens in der deutschen Literatur des Mittelalters. Tübingen 1996. (= Bristoler Kolloquium 1993), 215-232.
Andrea Moshövel: wîplîch man: Formen und Funktionen von -Effemination- in deutschsprachigen Erzähltexten des 13. Jahrhunderts. Göttingen 2009.*
Norbert H. Ott: Gebete zu Gott und Frau Venus : die Rolle der Frauen für Literatur und Kunst im Mittelalter. In: Wolfgang Haubrichs (Hg.): Zwischen Herrschaft und Kunst. Fürstliche und adelige Frauen im Zeitalter Elisabeths von Nassau-Saarbrücken (14.-16 Jh.). Saarbrücken 2013, 17-55.
Klaus Ridder: Literaturwissenschaftliche Ideen- und Problemgeschichte : der Sündenfall im höfischen Roman am Beginn des 13. Jahrhunderts. In: ZfA 140,4 (2011), 442-463.
Nikola Roßbach: Der böse Frau. Wissenspoetik und Geschlecht in der frühen Neuzeit – Sulzbach/Taunus 2009.*
Rüdiger Schnell (Hg.): Text und Geschlecht. Mann und Frau in Eheschriften der frühen Neuzeit. Frankfurt a.M. 1997.
James A. Schultz: Bodies That Don't Matter. Heterosexuality before Heterosexuality in Gottfried's Tristan. In: Karma Lochrie, Peggy McCracken und James A. Schultz (Hg.): Constructing Medieval Sexuality. London 1997 (= Medieval Cultures 11), 91-110.
James A. Schultz: Love service, masculine anxiety and the consolations of fiction in Wolfram's 'Parzival'. In: ZfdPh (121) 2002, 342-364.
Andrea Sieber: Konfusion der Geschlechter? Zur Sozialisation Achills im 'Trojanerkrieg' Konrads von Würzburg. In: DU 55 (2003), 76-89.
Inge Stephan: -Daß ich Eins und doppelt bin...-: Geschlechtertausch als literarisches Thema. In: Inge Stephan (Hg.): Die verborgene Frau : sechs Beiträge zu einer feministischen Literaturwissenschaft. Berlin, 153-175.
Michael Stolberg: A Woman Down to Her Bones. The Anatomy of Sexual Difference in the Sixteenth and Early Seventeenth Centuries. In: Isis 94 (2003), 274-299.
Birgit Studt: Helden und Heilige. Männlichkeitsentwürfe im frühen und hohen Mittelalter. In: HZ 276 (2003), 1-36.
Lynne Tatlock (Hg.): The graph of sex and the German text: gendered culture in early modern Germany 1500-1700. Amsterdam 1994. (= Chloe. Beiheft zum Daphnis 19).
Alison Taufer: The Only Good Amazon Is a Converted Amazon. The Woman Warrior and Christianity in the Amadis Cycle. In: Jean R. Brink, Maryanne C. Horowitz und Allison P. Coudert (Hg.): Playing with Gender. A Renaissance Pursuit. Urbana und Chicago 1991, 35-51.
Denise Theßeling; Matthias Standke: Von herrschenden Frauen und befreundeten Männern: zur Funktionalität genderspezifischer Codierungen in höfischen Erzählungen des Mittelalters In: Oxford German studies 43,3 (2014), 191-211.
Claude Thomasset: Von der Natur der Frau. In: Georges Duby und Michelle Perrot (Hg.): Geschichte der Frauen. Bd. 2: Mittelalter. Frankfurt a.M. 1993, 55-84.
Bemerkung
LitWiss
Leistungsnachweis
- Hausarbeit
- Kolloquium
- Klausur (nur wenn die Modulordnung keine andere Möglichkeit anbietet)
Teilnahmenachweis:
- Power-Point-Protokoll einer Expertensitzung mit eigenständigem Kommentar (Diese Ergebnissicherung hält zum einen die Textarbeit, Diskussionsführung und Analyseergebnisse der Sitzung in einer PPP fest. Zum anderen suchen sich die Protokollanten einen thematischen Schwerpunkt, eine Fragestellung, eine theoretischen Begriff oder ähnliches aus der Sitzung aus, an dem sie in zwei-drei Folien weiterführende Gedanken, Ideen und Analysehinweise entwickeln.)
- ein- bis zweiseitige Kontextualisierung eines Textes (Handlungszusammenhang, Autor, Datierung usw.),
- Kreativarbeit: schreiben Sie einen chat, in dem sich Tristan und Isolde ihre Liebe erklären; oder lassen Sie Hildegard von Bingen mit Alice Schwarzer diskutieren, oder geben Sie dem Frauenturnier das Format des -Bachelor- oder ….
Lerninhalte
Alle Seminarteilnehmer_innen lesen die vorgegebenen, in moodle zur Verfügung stehenden Texte sorgfältig, setzen sich mit lektüreleitenden Fragestellungen auseinander, bearbeiten selbständig in Kleingruppen Aufgaben und präsentieren im Seminar die Ergebnisse. Ziel ist es dabei, die literarischen Genderkonzepte in Bezug zu setzen zum anthropologisch-theologischen Wissen des Mittelalters und den darin entwickelten Geschlechterbildern und -hierarchien.
FB 02 Institut für Germanistik
- Hausarbeit
- Kolloquium
- Klausur (nur wenn die Modulordnung keine andere Möglichkeit anbietet)
Teilnahmenachweis:
- Power-Point-Protokoll einer Expertensitzung mit eigenständigem Kommentar (Diese Ergebnissicherung hält zum einen die Textarbeit, Diskussionsführung und Analyseergebnisse der Sitzung in einer PPP fest. Zum anderen suchen sich die Protokollanten einen thematischen Schwerpunkt, eine Fragestellung, eine theoretischen Begriff oder ähnliches aus der Sitzung aus, an dem sie in zwei-drei Folien weiterführende Gedanken, Ideen und Analysehinweise entwickeln.)
- ein- bis zweiseitige Kontextualisierung eines Textes (Handlungszusammenhang, Autor, Datierung usw.),
- Kreativarbeit: schreiben Sie einen chat, in dem sich Tristan und Isolde ihre Liebe erklären; oder lassen Sie Hildegard von Bingen mit Alice Schwarzer diskutieren, oder geben Sie dem Frauenturnier das Format des -Bachelor- oder ….
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Lehrveranstaltungspool FB 02
Germanistische Literaturwissenschaft
Prof. Dr.
Brinker von der Heyde Claudia