Uni-Düsseldorf
14. März 2017Seminar Philosophie und Aufklärung
In jüngerer Zeit ist ein immer stärkerer Rekurs auf -die Aufklärung- zu beobachten, wenn es darum geht, die Grundlage des europäischen Selbstverständnisses auszumachen. Frühere Bestrebungen, die Aufklärung einer Selbstreflexion zu unterziehen, scheinen dabei ganz in den Hintergrund getreten. In diesem...
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Jetzt Lernplan erstellenIn jüngerer Zeit ist ein immer stärkerer Rekurs auf -die Aufklärung- zu beobachten, wenn es darum geht, die Grundlage des europäischen Selbstverständnisses auszumachen. Frühere Bestrebungen, die Aufklärung einer Selbstreflexion zu unterziehen, scheinen dabei ganz in den Hintergrund getreten.
In diesem Seminar sollen einige Aspekte des Konzeptes der Aufklärung diskutiert werden:
1) Die Selbstkritik der Aufklärung hat eine berühmte Vorgeschlchte, allen voran in der -Dialektik der Aufklärung- von Horkheimer und Adorno. Dort ging es vorrangig um das Verhältnis von Aufklärung und Macht; Es ist zu prüfen, ob dieser Aspekt der Selbstkritik immer noch ausschlaggebend ist oder andere an seine Seite getreten sind. Dazu sollen ausgewählte Kapitel der -Dialektik der Aufklärung- gelesen werden.
2) Aufklärung und Naturalismus. Historisch ist die Aufklärung mit der Entwicklung der Naturwissenschaften und eines naturwissenschaftlichen Weltbildes verbunden. Das entspricht insofern dem Geist der Aufklärung, als es zur von der Aufklärung geforderten -Mündigkeit- dazugehört, seine Überzeugungen über die Welt und sich selbst auf die beste verfügbare epistemische Grundlage zu stellen - und das sind heute die Naturwissenschaften. Ein aufgeklärtes Welt- und Menschenbild ist demnach ein naturalistisches Welt- und Menschenbild; entsprechend treten Verfechter des Naturalismus auch heute immer wieder als Aufklärer auf.
In diesem Zusammenhang sind etwa folgende Fragen zu diskutieren:
- Für ein aufgeklärtes Welt- und Selbstbild müssen Lücken im naturwissenschaftlichen Weltbild geschlossen werden; der aufgeklärte Naturalismus scheint daher ein metaphysischer Naturalismus sein zu müssen. Ist ein metaphysischer Naturalismus aber überhaupt sinnvoll? Oder wird die Aufklärung damit bloß zu einer anderen Art von Dogmatismus?
- Das Projekt der Aufklärung beruht auf faktischen Voraussetzungen: etwa die Möglichkeit, die Welt und den Menschen objektiv zu erkennen, oder die Einheit der erkennenden Person. Da es sich um faktische Voraussetzungen handelt, sind sie vor dem Zugriff der naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht geschützt, und es gibt Hinweise, daß diese Voraussetzungen in der Tat fragwürdig sind. Hebt sich die Aufklärung dadurch selbst auf, oder ist Aufklärung etwa auch dann sinnvoll, wenn Erkenntnis immer perspektivengebunden ist?
3) Aufklärung und der Fortschritt der Philosophie. Wissenschaftliches Wissen schreitet - mehr oder weniger - linear voran. Philosophie schreitet nicht in einer solchen Weise voran; vielmehr standen sich in der Geschichte der Philosophie immer grundlegend verschiedene philosophische Ansätze gegenüber, ohne daß diese Fundamentalkonflikte irgendeine eindeutige Lösungstendenz erkennen ließen. Nun gibt es zwischen Philosophie und Aufklärung starke Überschneidungen, so daß zu fragen ist, ob eigentlich Aufklärung tatsächlich linear voranschreitet, oder ob man den Sinn von Aufklärung (und Philosophie) in etwas anderem als der allmählichen Akkumulation von Wissen suchen sollte.
4) Aufklärung in kulturvergleichender Perspektive. Ihrem Anspruch nach ist die Aufklärung universell, doch ist sie ein Produkt der europäischen Geschichte mit spezifischen Entstehungsbedingungen - wie der europäischen Philosophiegeschichte, dem Aufschwung naturwissenschaftlicher Erkenntnis oder einer sich gegen den wissenschaftlichen Fortschritt abdichtenden, mächtigen Kirche. Es ist daher zu fragen, ob in das Verständnis von Aufklärung kulturspezifische Voraussetzungen eingeflossen ist. Das ist am besten durch den Vergleich mit dem Verständnis von Aufklärung in anderen Kulturen möglich. Dazu bietet sich der Islam an, der eine Phase intensiver philosophischer und wissenschaftlicher Entwicklung erlebt hat und zugleich offenbar ein mit der Religion vereinbares Verständnis von Aufklärung anbietet.
Die vier Blocksitzungen am 15.1., 22.1., 29.1. und 5.2. werden jeweils einem dieser Themenbereiche gewidmet sein; es sollen sowohl Texte gemeinsam gelesen als auch Thesenpapiere diskutiert werden. Näheres zum Programm und der Vorgehensweise wird in einer Vorbesprechung bekanntgegeben, die am 9.12. von 16-18 Uhr stattfinden wird. Alle Teilnehmer, die sich im HISLSF anmelden, werden per Rundmail über die genauen Daten zur Vorbesprechung informiert.
Philosophie (Master, PO 2013)
Universität Düsseldorf
WiSe 2015/16
Univ.-Prof. Dr.
Becker Alexander