Uni-Kassel
14. März 2017Seminar Praxistheorien
Im deutschsprachigen Raum werden sozialwissenschaftliche Zugänge, die das Soziale anhand der theoretischen und/oder empirischen Bestimmung von -Praxis- oder -Praktiken- aufzuschließen suchen seit Anfang der 2000er Jahre verstärkt diskutiert. Anhänger*innen von Praxistheorie(n) vertreten dabei oftmals die Position, dass Theorien, Heuristiken oder...
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Jetzt Lernplan erstellenIm deutschsprachigen Raum werden sozialwissenschaftliche Zugänge, die das Soziale anhand der theoretischen und/oder empirischen Bestimmung von -Praxis- oder -Praktiken- aufzuschließen suchen seit Anfang der 2000er Jahre verstärkt diskutiert. Anhänger*innen von Praxistheorie(n) vertreten dabei oftmals die Position, dass Theorien, Heuristiken oder Methodologien, die Sozialität als Ergebnis praktischen Tuns begreifen, Phänomendimensionen in den Blick bekommen, die sowohl handlungs- als auch strukturtheoretisch gelagerten Ansätzen systematisch entgehen. So werde in praxistheoretischen Zugängen bspw. die Rolle materieller Aspekte der Erzeugung von Sozialität, etwa die Rolle von Körperlichkeit und materiellen Artefakten, angemessen in Rechnung gestellt – und zwar ganz im Gegensatz zu älteren, klassischen Sozialtheorien. Zudem seien praxistheoretische Ansätze in der Lage die implizite Logik, und damit auch die Routinehaftigkeit sozialen Handelns einerseits und die Kreativität des Tuns andererseits in den Fokus zu rücken, wobei weder eine Überbetonung von Intentionalität noch von struktureller Determination erfolge. Kritiker der mehr oder weniger offensiv propagierten -praxistheoretischen Wende- sehen in den Praxistheorien dagegen tendenziell -alten Wein in neuen Schläuchen-: hier fände eine bloße Umetikettierung existierender Theoriebestände statt, die die Erklärungsreichweite klassischer Sozialtheorien nicht nennenswert erhöhe; zudem wiesen Praxistheorien mitunter analytische Defizite auf, die unter Rückgriff auf klassische Konzepte durchaus in den Griff zu kriegen seien.
Im Seminar werden die einschlägigen Praxistheorien systematisch aufgearbeitet. Ausgehend von den grundsätzlichen Überlegungen zu einem -kleinsten gemeinsamen Nenner- unterschiedlicher Praxistheorien (Reckwitz) werden zwei kanonische, am Praxisbegriff orientierte Theorien (Giddens, Bourdieu) behandelt, um von dieser Basis aus dann einen Durchgang durch die unterschiedlichen theoretischen und empirischen Felder zu initiieren, in denen praxistheoretische Zugänge entwickelt worden sind (z.B. Sozialphilosophie, Ethnomethodologie, gender studies, Akteur-Netzwerk-Theorie, Soziale Welten-Analyse usw.). Das Seminarziel besteht darin, die gemeinsamen Grundbegriffe der verschiedenen praxistheoretischen Zugänge kennenzulernen, diese auf ihr Erklärungspotential hin kritisch zu überprüfen, Bezüge zwischen den verschiedenen praxistheoretischen Zugängen herzustellen und deren Leerstellen zu identifizieren. Seminarteilnehmer*innen sollen dementsprechend im Laufe der Veranstaltung nicht nur einen Überblick über das Feld der Praxistheorien erhalten, sondern darüber hinaus auch die Debatte innerhalb des Feldes und den Disput zwischen Anhänger*innen und Kritiker*innen des behaupteten -practice turn- nachvollziehen können, um die Praxistheorien solchermaßen auch in die weitere soziologische Theorielandschaft einordnen zu können.
Zur Vorbereitung:
Schatzki, Theodore/Knorr-Cetina, Karin/Savigny, Elke von (Hg.) (2001): The Practice Turn in Contemporary Theory. London/New York: Routledge.
Hillebrandt, Frank (2014): Soziologische Praxistheorien: Eine Einführung. Wiesbaden: Springer-VS.
FB 05 Gesellschaftswissenschaften
Uni Kassel
SoSe 2015
Soziologie
Dr.
Ochs Carsten