Uni-Kassel
14. März 2017Seminar Rekonstruktion einer psychologischen Geschichte der Musikästhetik
Die übliche musikhistorische Darstellung einer Geschichte der Musikästhetik folgt dem Narrativ von der -Emanzipation der Dissonanz- (Dahlhaus [1968] 1978). Ihm zufolge haben sich ausgehend von der Proportionenlehre der Antike Konventionen und Satzregeln immer weiter liberalisiert. Als wichtige, organisch miteinander verwobene...
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Jetzt Lernplan erstellenDie übliche musikhistorische Darstellung einer Geschichte der Musikästhetik folgt dem Narrativ von der -Emanzipation der Dissonanz- (Dahlhaus [1968] 1978). Ihm zufolge haben sich ausgehend von der Proportionenlehre der Antike Konventionen und Satzregeln immer weiter liberalisiert. Als wichtige, organisch miteinander verwobene Stationen gelten etwa die Modernisierung der mittelalterlichen Vokalpolyphonie durch die Ars Nova, die Einführung der gleichwebend temperierten Stimmung im Barock, der 'empfindsame Stil' der Frühklassik und die gesteigerte Komplexität romantischer Harmonik. Die Aufhebung der Tonalität mit dem Eintritt in die musikalische Moderne um 1910 wird als gleichsam teleologische Konsequenz dargestellt, und fortan gilt folgendes, von Richard Wagner bereits 1868 durch die Stimmen von Walther von Stolzing und Hans Sachs in -Die Meistersinger von Nürnberg- formulierte Prinzip: WvS: -Wie fang' ich nach der Regel an?- HS: -Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann!- (Wagner 1914, S. 154).
Auch in diesem Seminar werden wir uns durch gemeinsame Lektüresitzungen und gelegentliche Referate an der historischen Abfolge orientieren. Dabei soll das Hauptaugenmerk alternativ auf die beständige Weiterentwicklung und Intensivierung der psychologischen Wirkmächtigkeit der Musik gerichtet werden, die sich aus nicht wenigen Primärquellen herauslesen lässt. Dies ermöglicht zuletzt die bisher vernachlässigte Einbeziehung populärer Musik in die Geschichte der Musikästhetik, denn auch mit den hier relevanten Stationen wie der -Ankunft des Rock'n'Roll- (Wicke 1998, S. 186) nach 1950 oder dem weltweiten Boom der Techno-Musik in den 1980er Jahren gehen jeweils neue psychologische – mithin also ästhetische – Qualitäten einher.
Fubini, Enrico ([1964] 1997): Geschichte der Musikästhetik. Von der Antike bis zur Gegenwart. Stuttgart u.a.: Metzler
Wagner, Richard (1914): Gesammelte Schriften Bd. 5. Dichtungen III: Die Meistersinger von Nürnberg. Leipzig: Hesse & Becker
Wicke, Peter (1998): Von Mozart zu Madonna. Eine Kulturgeschichte der Popmusik. Leipzig: Gustav Kiepenheuer
Dahlhaus, Carl ([1968] 1978): Emanzipation der Dissonanz. In: Schönberg und andere. Gesammelte Aufsätze zur Neuen Musik (S. 146-153). Mainz: Schott.
FB 01 Institut für Musik
Uni Kassel
SoSe 2015
Prof. Dr.
Hemming Jan