Uni-München
14. März 2017Seminar Vom Helden der Arbeit zum Manager Postsozialistische Männlichkeiten in politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen
Die sozialwissenschaftliche Beschreibung des System-Umbaus der ehemals sozialistischen Staaten, die sich als Transitologie als eigenständige Forschungsrichtung etablierte, ging mit der Setzung einer Demokratie-Norm einher, die von den Idealen westlicher Demokratietradition abgeleitet wurde. Mit ihrer zweckgebundenen und nicht zuletzt selbstreferentiellen Ausrichtung...
Erstelle deinen persönlichen Lernplan
Wir helfen dir, diesen Kurs optimal vorzubereiten — mit einem individuellen Lernplan, Tipps und passenden Ressourcen.
Jetzt Lernplan erstellenDie sozialwissenschaftliche Beschreibung des System-Umbaus der ehemals sozialistischen Staaten, die sich als Transitologie als eigenständige Forschungsrichtung etablierte, ging mit der Setzung einer Demokratie-Norm einher, die von den Idealen westlicher Demokratietradition abgeleitet wurde. Mit ihrer zweckgebundenen und nicht zuletzt selbstreferentiellen Ausrichtung produzierte die Transitologie zugleich viele wissenschaftliche Blindstellen, zu welchen auch der fehlende Einblick in den Zusammenhang zwischen staatlichen Transformationsprozessen und der Transformation von Geschlechterverhältnissen zählt. Selbst heute noch bleibt Geschlecht in seiner strukturierenden Funktion von staatlichen und gesellschaftlichen Transformationen unterbewertet. Während Frauen meist nur als soziale Variable genannt werden, spielen Männlichkeiten in Untersuchungen postsozialistischer (Geschlechter-)Verhältnisse selten eine analytische Rolle.
Das Seminar nimmt sich diesem wenig bearbeiteten Forschungsfeld an und fragt u.a. nach den Vorstellungen idealer bzw. hegemonialer Männlichkeit im postsozialistischen Transformationsprozess. Bei der Auslotung u.a. der feministischen Fragestellung, wie Männlichkeit im Staat beschrieben werden kann, geht es auch darum, wie die Funktion von Männlichkeiten im Geschlechterverhältnis für sozial- und politikwissenschaftliche Analysen ins Blickfeld gerückt werden kann: Wie ist es möglich, mit dem Fokus auf Männlichkeiten Geschlechtergerechtigkeit/-demokratie zu verhandeln? Welche Rolle spielen Männlichkeiten in aktuellen rechtspopulistischen und autoritären Diskursen/Praktiken in ehemals sozialistischen Gesellschaften, gerade auch dann, wenn Frauen die Rolle der Wortführerin übernehmen?
Neben der Diskussion einschlägiger Theorien und Studien, werden eigene Fragestellungen entwickelt und die Ergebnisse präsentiert. Je nach Sprachkenntnissen stehen neben den neuen deutschen Bundesländern, die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien und der ehemaligen Sowjetunion im Fokus (bei Interesse können gerne weitere Länder behandelt werden, wie Ungarn, Polen usw.).
Ziel des Seminars:
Das Seminar geht nicht nur anhand konkreter Fallbeispiele der Frage nach der sozialen und politischen Funktion von Männlichkeiten in Umbruchszeiten nach, sondern setzt sich auch mit den theoretischen Prämissen zur Erforschung von Transformationsprozessen, von Geschlechterverhältnissen und der darin eingelagerten Funktion von Männlichkeiten auseinander. Die Student*innen sollen Einblick in ein interdisziplinäres Forschungsfeld erhalten und damit die Fähigkeit erarbeiten, Theorien aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen für die eigene Untersuchung fruchtbar zu machen. Neben sozial- und kulturwissenschaftlichen Ansätzen aus der Geschlechter- bzw. Männlichkeitsforschung setzt sich das Seminar mit Transformationstheorien und dem Paradigma des Postsozialismus auseinander. Die Aneignung von theoretischem und historischem Wissen erfolgt in selbst organisierten Diskussionen in kleineren Gruppen. Die Ergebnisse werden schließlich im Seminar in den ersten zwei Blöcken präsentiert. Auf diese Weise soll Wissensaneignung zum einen als Zusammenspiel von dialogischen und individuellen Prozessen erfahrbar, zum anderen der Austausch und die Diskussion als persönlich bereichernd erlebt werden. In der Bearbeitung von Fallbeispielen geht es schließlich um die Entwicklung einer Forschungsfrage, die das bis dahin erarbeitete Wissen als Grundlage für konkrete Analyseansätze nutzbar machen soll. Auch kultur- und geisteswissenschaftliche Untersuchungen sind gerne gesehen.
Das Seminar ist als Aufbauseminar angelegt und ist in vier thematische Blöcke aufgeteilt, denen eine
organisatorische Einführungssitzung vorausgeht:
• Theoriediskussion: Postsozialismus, Geschlechterverhältnisse und Männlichkeit
• Theoriediskussion: Die Suche nach dem Mann im Staat: feministische Staats- und Demokratietheorien
• Männlichkeit und Gewalt/Emotionen: Militär/Krieg; Sport; Familie
• Männlichkeit in Herrschaftsverhältnissen: Arbeitswelt/Ökonomie; Staatlichkeit/Recht/politische Teilhabe
Literatur
Kreisky, Eva (1996): Vom patriarchalen Staatssozialismus zur patriarchalen Demokratie. Der politische Systemwechsel in Osteuropa aus der Gender-Perspektive. In: Dies. (Hg.): Vom patriarchalen Staatssozialismus zur patriarchalen Demokratie. Wien, 7-22.
Gal, Susan/Kligman, Gail (2000): The Politics of Gender after Socialism. Princeton, N.J.
Kreisky, Eva (1996): Vom patriarchalen Staatssozialismus zur patriarchalen Demokratie. Der politische Systemwechsel in Osteuropa aus der Gender-Perspektive. In: Dies. (Hg.): Vom patriarchalen Staatssozialismus zur patriarchalen Demokratie. Wien, 7-22.
Gal, Susan/Kligman, Gail (2000): The Politics of Gender after Socialism. Princeton, N.J.
Department Institut für Soziologie
LMU München
WiSe 1617
Dr.
Malenica Brigita