Uni-München
14. März 2017Seminar Was heißt 8222 Realismus 8220 A1 V1
Ein Realist ist im alltäglichen Sprachgebrauch jemand, der sich keine Illusionen über die wirklichen Umstände macht und sich im Handeln nicht an Idealen, sondern an derWirklichkeit orientiert. Ein Realist hat eine klaren Blick auf die Dinge um sich herum. Ein...
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Jetzt Lernplan erstellenEin Realist ist im alltäglichen Sprachgebrauch jemand, der sich keine Illusionen über die wirklichen Umstände macht und sich im Handeln nicht an Idealen, sondern an derWirklichkeit orientiert. Ein Realist hat eine klaren Blick auf die Dinge um sich herum.
Ein schreibender Realist lässt sich in seinem Handeln, Bücher zu schreiben, den Blick auf die Wirklichkeit ebensowenig verstellen. Ein Text wird realistisch genannt, wenn die Wirklichkeit in ihm möglichst getreu abgebildet ist und phantastische oder auch nur unwahrscheinliche Elemente ausgeschlossen sind. Was aber die Wirklichkeit ausmacht, ist nicht ein für alle mal entschieden und verändert sich mit Zeit und Ort. Die Herstellung eines Ähnlichkeistverhältnisses muss also immer wieder neu verhandelt werden. Im Realismus stellt sich damit unweigerlich die Frage, wie Konstruktion und bloße Beobachtung, poesis und mimesis miteinander zu verbinden sind.
Der Begriff -Realismus- hat sich vor allem als ein Epochenbegriff eingebürgert und bezeichnet als solcher die großen Gesellschaftsromane des bürgerlichen 19.Jahrhunderts. Fontane, Dickens und Zola stellen in der Prosa des Lebens eine Wirklichkeit vor, in der über Einzelschicksale das Allgemeine und Wahre der Gesellschaft vermittelt und in der Lektüre erschließbar werden soll. Aber spätestens seit der Moderne haben die Romanciers es mit einer Wirklichkeit zu tun, die sich kaum noch in einer derartigen Geschlossenheit erfassen lässt. Sind die Lebensformen fragmentiert und zersplittert, dann wird das Romanschreiben zu einem monströsen Geschäft, das nicht selten zu ausufernd umfangreichen Textkörpern geführt hat. Der -stream of consciousness- lässt sich als symptomatische Darstellungweise für ein Wahrnehmen der Realität beschreiben, dem es nicht mehr gelingt, ein sinnerfülltes Ganzes zu umreißen.
Gegenwärtig ist von Neuem eine Debatte um den Realismus in der aktuellen Kunst entfacht. Viel diskutierte Fernseheserien wie Girls oder The Wire bezeichnet man beispielweise als realistisch-erzählend. Offensichtlich ist der Realismus also nicht nur ein Name für eine einzelne Epoche, sondern auch eine Schreibweise, in der programmatisch verhandelt wird, worum sich alles literarische Schreiben dreht: Wie hängen Text und Wirklichkeit miteinander zusammen und was für Verbindungen können sie eingehen?
Diesen verschiedenen Fragen wollen wir im Seminar nachgehen und dabei sowohl literarische Texte unterschiedlicher Epochen als auch theoretische Texte zum Begriff -Realismus- lesen. Zur Vorbereitung des Seminars empfehle ich die Lektüre von Gerhard Plumpes Der tote Blick. Zum Diskurs der Photographie in der Zeit des Realismus sowie Roland Barthes’ kurzen Text L’effet de réel.
Erwartet wird regelmäßige Anwesenheit und aktive Mitarbeit sowie die Bereitschaft, die Mitverantwortung für eine Sitzung zu übernehmen.
ECTS:
BA HF: 6 ECTS (Hausarbeit, benotet)
SLK: 3 ECTS (keine Hausarbeit, benotet), 6 ECTS (Hausarbeit, benotet)
Department I - Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache
Erfolgreich absolvierter Einführungskurs der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft oder Einführungskurs einer anderen Philologie.
Wenn Sie eine Hausarbeit im Nebenfach SLK schreiben möchten, sprechen Sie bitte vorab mit der Studiengangskoordination SLK!
B.A.-Nebenfach SLK:
Diese Veranstaltung entspricht in WP 2 dem Kurstyp -Begleitkurs zu Themen der Literaturwissenschaft m/n/o/p- (WP 2.0.14/16/18/20). ODER
Diese Veranstaltung entspricht in WP 4 dem Kurstyp -Begleitkurs zu Themen der Kultur- und Medienwissenschaften m/n/o/p- (WP 4.0.14/16/18/20).
Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30-60 Min.) schreiben oder eine mündliche Prüfung (15-30 Min.) ablegen oder ein Thesenpapier (3.000-6.000 Zeichen) oder Übungsaufgaben (3.000-6.000 Zeichen) fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. Die Wahl der Prüfungsart liegt beim Dozenten.
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SoSe 2015
Horst Johanna Charlotte