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Uni-Siegen
14. März 2017

Sören Kierkegaard Die negative Dialektik der Existenz

Die Dialektik - in ihrer -absoluten- Gestalt des Idealismus Hegels - ist eine Philosophie der Versöhnung. Die unaufhebbaren Widersprüche menschlich-endlicher Existenz hebt sie auf in eine höhere, geistige Synthese, das -Leben- des Begriffs. Hier, im Reiche des reinen Allgemeinen, gibt...

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Die Dialektik - in ihrer -absoluten- Gestalt des Idealismus Hegels - ist eine Philosophie der Versöhnung. Die unaufhebbaren Widersprüche menschlich-endlicher Existenz hebt sie auf in eine höhere, geistige Synthese, das -Leben- des Begriffs. Hier, im Reiche des reinen Allgemeinen, gibt es weder das unversöhnliche Leiden noch den Tod - die Existenz hat sich aufgelöst in eine reine Begriffsbestimmung. Dagegen protestiert Kierkegaards Satire: Hegels Philosophie hat die Kleinigkeit vergessen, was es heißt als ein Einzelner in der Welt konkret zu existieren. Mit seinem Insistieren darauf, dass sich die Existenz nicht in eine Begriffsbestimmung auflösen lässt, ist Kierkegaard zu einem der Väter modernen und postmodernen Denkens geworden: • Sind Begriff und Existenz nicht mehr zu vermitteln, dann verschwindet die Illusion eines allumfassenden philosophischen (Begriffs-)Systems - an die Stelle tritt fragmentarisches Denken: die -philosophischen Brocken-. • Negative Dialektik heißt, dass es keine Versöhnung der die menschliche Existenz beherrschenden Widersprüche durch das Selbstbewusstsein mehr gibt. Entdeckt wird auf diese Weise die Gebrochenheit der menschlichen Existenz: Wo existenzielles -Interesse- herrscht (im lateinischen Sinne von -inter-esse-: -Dazwischensein-) bleibt das Bewußtseinsleben gespalten. • Der Mensch wird als ein Freiheitswesen begriffen, das sich selber wählen muss in seiner Vereinzelung. Diese Vereinzelung geschieht einem absolut Anderen gegenüber: bei Kierkegaard ist es Gott. Das Seminar versucht nicht nur, die Grundzüge von Kierkegaards Denken nachzubuchstabieren. Das wäre ein Widerspruch zum Anliegen der Existenzphilosophie. Es geht darum, die Aktualität seines Existenzdenkens aufzuzeigen: • Kierkegaard ist der -Erfinder- der Existenzialanalyse: Seine auch literarisch brilliante satirische Beschreibung und Kritik menschlich-gesellschaftlicher Existenz (Menge, Presse, Don-Juanismus, Furcht und Angst) zeigt die Verkehrtheit eines verzweifelten Daseins in Widersprüchen, das diesen entweder ausweicht oder eine -falsche- Versöhnung vorgaukelt. • Auch unabhängig von Kierkegaards Anliegen einer Apologie des Christentums bleibt der Gedanke der Absurdität menschlicher Existenz, die nicht durch eine vom Selbstbewusstsein geleistete Versöhnung und Vermittlung seiner Gegensätze, sondern nur durch einen Sprung, einer Verpflichtung einem -Anderen- gegenüber zu ertragen ist, welche den Menschen vereinzelt. Dieser bzw. dieses -Andere- muss freilich nicht der christliche Gott sein, es kann sich dabei auch um den anderen Menschen handeln, der mich unbedingt verpflichtet (E. Levinas, J. Derrida) oder etwa die Natur und vereinzelnde Naturerfahrung als das ganz Andere zur Gesellschaft mit ihren Mechanismen der Ausgrenzung, als der Zufluchtsort für die gesellschaftlich Ausgeschlossenen, die Parias (H. Arendt). • Schließlich geht es um die Grenze dialektischen Denkens überhaupt: Ist das dialektische Modell der Vermittlung und Versöhnung von Gegensätzen, welche im Grunde ein christlich-theologisches ist - sei es nun positiv-dialektisch gefasst durch die Aufhebung des Einzelnen in das Allgemeine (Hegel) oder negativ-dialektisch durch die Spaltungen interessierten Daseins hindurch mit dem Sprung in den versöhnlichen Glauben (Kierkegaard) - überhaupt geeignet, der unauflöslichen Heterogenität leidensfähiger menschlicher Existenz einen vernünftigen Sinn und damit eine Glücksperspektive zu geben? Die Texte für die Lektüre werden wenn möglich zum Downloaden im Internet eingestellt. Über die genauere Planung des Seminars werde ich die Teilnehmer vor Beginn des Semesters informieren. Hinweise auf einführende Sekundärliteratur wird folgen! Philosophie (Ergänzungsfach), Bachelor Kern-/Ergänzung, PO 2008 Universität Siegen SoSe 2011 Philosophie, LA Gymnasium / Gesamt, PO 2004 Praktische Philosophie, LA Haupt / Real, PO 2004 Kaletha Holger