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Uni-Siegen
14. März 2017

Tocquevilles Demokratie in Amerika als Studie in politischer Kultur

Die neunmonatige Reise durch die USA, die Alexis de Tocqueville im Auftrag des französischen Justizministeriums 1831/32 gemeinsam mit Gustave de Beaumont unternahm, sollte dem Studium des amerikanischen Strafvollzugssystems dienen. Doch der Blick Tocquevilles, der im Unterschied zu den meisten anderen...

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Die neunmonatige Reise durch die USA, die Alexis de Tocqueville im Auftrag des französischen Justizministeriums 1831/32 gemeinsam mit Gustave de Beaumont unternahm, sollte dem Studium des amerikanischen Strafvollzugssystems dienen. Doch der Blick Tocquevilles, der im Unterschied zu den meisten anderen Klassikern des politischen Denkens über eigene Erfahrungen in der politischen Praxis verfügte, richtete sich in erster Linie auf die junge amerikanische Demokratie, sowohl auf die demokratischen Regeln und Institutionen als auch auf die ihnen korrespondierenden Denk-, Einstellungs- und Verhaltensmuster. Vor dem Hintergrund der Umbruchssituation in Frankreich nach der Julirevolution interessierten den jungen Adeligen die gesellschaftlichen und kulturellen Fundamente, aber auch die Risiken der amerikanischen Demokratie, in der er ein Modell für die künftige Entwicklung Frankreichs sowie mittelfristig für die -ganze zivilisierte Welt- erkannte. Somit konnte Tocquevilles Reflexion dieser Reise, sein zweibändiges Hauptwerk De la démocratie en Amérique, nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Demokratietheorie, sondern auch eine frühe Studie der politischen Kultur-Forschung und damit ein wegweisendes Werk der von ihm geforderten -neuen Politischen Wissenschaft- werden. Die in Form eines Essay-Seminars durchgeführte Veranstaltung wird auf der Grundlage einer genauen Lektüre von Tocquevilles Schrift Über die Demokratie in Amerika die dort thematisierten Aspekte und Probleme moderner Demokratien auch in weiter gesteckten Perspektiven behandeln. Das für die Demokratie konstitutive Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Gleichheit, die Tendenz zu Konformismus, Materialismus und Vereinzelung als Kennzeichen einer egalitären Massengesellschaft sowie die in einer demokratischen Ordnung drohenden Gefahren einer -Tyrannei der Mehrheit- und eines Verwaltungsdespotismus kommen dabei ebenso zur Sprache wie die Frage nach geistiger Unabhängigkeit gegenüber der -Allmacht der Mehrheit- sowie die Bedeutung von Sitten, geistigen Gewohnheiten und der Religion für die damals wie heute aktuelle Frage nach der Stabilität demokratischer politischer Systeme. Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika, Ditzingen: Reclam, 1985, 9,80 € (im Seminar verwendete und von jedem/r Teilnehmer/in anzuschaffende Ausgabe). Herb, Karlfriedrich / Oliver Hidalgo: Alexis de Tocqueville, Frankfurt a. M. 2005. Herb, Karlfriedrich / Oliver Hidalgo (Hg.): Alter Staat – Neue Politik. Tocquevilles Entdeckung der modernen Demokratie, Baden-Baden 2004. Hereth, Michael: Tocqueville zur Einführung, 2. Auflage, Hamburg 2001. Jardin, André: Alexis de Tocqueville. Leben und Werk, Frankfurt a. M. 1991. Seminar für Sozialwissenschaften Universität Siegen SoSe 2014 apl. Prof. Dr. Bergem Wolfgang