Uni-München
14. März 2017Tutorium Tutorierte Lektüregruppe zu Platons Protagoras
Platons Protagoras stellt eine moderne Leserin vor schwierige Herausforderungen, die mitunter mehr als nur ein zugedrücktes Auge zu erfordern scheinen. Die sonst glänzende Hauptperson platonischer Dialoge, Sokrates, ist der Ankerpunkt dieser Probleme. Er argumentiert unsauber, bricht Erörterungen scheinbar willkürlich ab...
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Jetzt Lernplan erstellenPlatons Protagoras stellt eine moderne Leserin vor schwierige Herausforderungen, die mitunter mehr als nur ein zugedrücktes Auge zu erfordern scheinen. Die sonst glänzende Hauptperson platonischer Dialoge, Sokrates, ist der Ankerpunkt dieser Probleme. Er argumentiert unsauber, bricht Erörterungen scheinbar willkürlich ab und seine Ironie ist nicht aufrüttelnd, sondern bisweilen bösartig oder lächerlich. Außerdem ist die dramaturgische und formale Gestaltung des Dialoges förmlich über-codiert durch Verweise auf andere Dialoge und antike Literatur.
Inhaltlich steht die Frage danach, ob -Tugend- lehrbar ist bzw. ob sie ein Einheit bildet im Zentrum des Dialoges. Mit dem letzteren Zusatz ist die Frage gemeint, ob von einer Person sinnvoller Weise behauptet werden kann, sie sei zwar gerecht, aber nicht fromm. Oder ob nicht vielmehr die Tugenden -in einem Schwung- kommen und eine innere Einheit bilden. Diese Frage kann allgemein als eine Analyse des Sprechens über zentrale ethische Kategorien verstanden werden, deren innere Logik Platon im Protagoras gleichsam spielerisch analysiert. Der Dialog geht dabei oft verschlungene Wege, ist von zahlreichen Exkursen gekennzeichnet und weißt überdies die Merkwürdigkeit auf, dass die auftretenden Figuren selbst nicht auf der Bahn ihrer eigenen Thesen bleiben. Zugleich scheint der somit auf den Tisch gebrachte ethische Kontext des Dialoges auf die Personen selbst bezogen zu sein. So inszeniert Platon den Austausch von Sokrates und Protagoras als die Konfrontation verschiedener Methoden der Philosophie, die jeweils mit impliziten ethischen und wissenschafts-ethischen Ansätzen verbunden sind.
Wir werden im Rahmen der Lektüre also versuchen, die zentralen Wendepunkte des Dialoges aus seiner Dialektik heraus zu verstehen und so den expliziten Gedankengang durch seine impliziten Vorannahmen verständlich zu machen. Diese Vorannahmen figurieren dabei allerdings nicht als esoterisches Vorwissen, das nur -Eingeweihte- adäquat einbringen können; vielmehr verweisen die auftretenden Personen, ihre auf den ersten Blick unverständlichen Antworten auf Nachfragen und ihre Exkurse auf diese Vorannahmen. Ebenso ist die Rahmung des Dialoges durch kleinere Vorgespräche und eine sehr aufwändige Zeichnung der Szenerie bei der Interpretation zu beachten. Ein besonderes Augenmerk werden wir daher auch auf die literarische Gestaltung des Dialoges und Platons Art des Schreibens legen; wir werden durch die Hinzunahme von Passagen aus anderen platonischen Dialogen versuchen, Platons literarisches Herangehen an die Thematik des Protagoras zu fassen zu bekommen und seine Verwendung mythischer und dichterischer Elemente im Laufe des Dialoges einzuordnen.
An Literatur setze ich nur den Text des Protagoras voraus, den wir im Kurs (hoffentlich ganz) lesen werden. Wo immer Passagen aus anderen Dialogen von Relevanz sind, werde ich diese angeben und im Kurs lesen bzw. kurz einführen. Ideal wäre es, wenn alle Teilnehmer*innen den Dialog zumindest einmal im Vorfeld überflogen hätten.
LMU München
SoSe 2016
Fakultät für Philosophie Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft