Uni-München
14. März 2017Tutorium Über Wittgensteins Über Gewissheit studentische Lektüregruppe
-Über Gewissheit- ist ein schwieriges und vielschichtiges Werk. Es besteht aus einem Konvolut von Bemerkungen, die Wittgenstein in seinen letzten zwei Lebensjahren in seinen Notizbüchern und auf losen Blättern festhielt. Das Werk ist als ganzes unvollendet geblieben und die letzten...
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Jetzt Lernplan erstellen-Über Gewissheit- ist ein schwieriges und vielschichtiges Werk. Es besteht aus einem Konvolut von Bemerkungen, die Wittgenstein in seinen letzten zwei Lebensjahren in seinen Notizbüchern und auf losen Blättern festhielt. Das Werk ist als ganzes unvollendet geblieben und die letzten 8 Paragraphen verfasste Wittgenstein zwei Tage vor seinem Tod. Ausgangspunkt des Werkes bildet Wittgensteins Auseinandersetzung mit G. E. Moore und dessen (vermeintliche) Widerlegung des Skeptizismus. Moore hatte behauptet, contra dem Skeptiker, gewisse Sätze mit Sicherheit zu wissen: z.B. angenommen man hält seine Hand hoch und behauptet -hier ist eine Hand-. Andere Sätze, von denen Moore glaubte dass er sie sicher wüsste, sind -Ich wurde geboren-, -Ich habe mich immer nah an der Erdoberfläche aufgehalten-, -Ich habe einen Körper- usw. Für Wittgenstein verhält sich aber die Lage nicht so einfach. Anders als Moore glaubt er, dass der epistemische Status derartiger Sätze extrem schwer zu charakterisieren ist. Entgegen dem Skeptiker behauptet Wittgenstein, dass es letztendlich keinen Sinn hat diese Sätze anzuzweifeln (welche ernstzunehmenden Gründe könnten wir hierfür anführen?); vielmehr bilden derartige Sätze die Voraussetzung für alle weiteren Urteile, die wir fällen. Entgegen Moore erachtet Wittgenstein diese Sätze aber auch nicht als ein Wissen. Wenn wir in unser alltäglichen Sprachpraxis behaupten etwas zu wissen, dann müssen wir unseren neu erhobenen Wissensanspruch durch Gründe rechtfertigen. Aber welchen Grund kann ich für -hier ist eine Hand- anführen? Gibt es einen Satz, von dessen Wahrheit ich mir sicherer bin, mit dem ich -hier ist eine Hand- rechtfertigen kann? Damit liegt das Dilemma des Werkes offen dar: Wenn wir die Mooreschen Sätze tatsächlich nicht anzweifeln, aber auch nicht wissen können, was für Sätze sind es denn dann?
In der Lektüregruppe werden wir gemeinsame zentrale Passagen von -Über Gewissheit- lesen und erschließen. Dabei soll Wert darauf gelegt werden, das Werk nicht zu einseitig zu interpretieren. So kann man es zum einen als ein Kapitel aus der Erkenntnistheorie verstehen, in dem die Rolle solcher Mooreschen Sätze innerhalb unseres Überzeugungssystem untersucht werden und wie sie epistemisch zu charakterisieren sind. Zum anderen kann man das Werk auch als ein weitere Anwendung von Wittgensteins später Sprachphilosophie lesen, wonach die Mooreschen Sätze zwar den Anschein von empirischen Urteile erwecken (die etwas über die Welt behaupten), aber eigentlich sehr nah an sog. -grammatischen Sätzen- sind, die eine Regel für den Gebrauch eines Wortes festlegen.
Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft
Basale Kenntnisse über den späten Wittgenstein sind kein Muss, aber für das Verständnis des Textes sehr hilfreich.
LMU München
SoSe 2015
Schneider Jeremy