Uni-Siegen
14. März 2017Von der Bohème zum kreativen Mainstream Künstlermilieus im Wandel 19 21 Jh
Die Beschäftigung mit den seit dem 19. Jh. als Bohème bezeichneten antibürgerlichen Künstlermilieus besitzt derzeit Konjunktur. Zum einen werden Bohème-Klassiker in Literatur und Film adaptiert wie Aki Kaurismäkis Film -Das Leben der Bohème- (1992) nach Henry Murgers Roman (1851), Joachim...
Erstelle deinen persönlichen Lernplan
Wir helfen dir, diesen Kurs optimal vorzubereiten — mit einem individuellen Lernplan, Tipps und passenden Ressourcen.
Jetzt Lernplan erstellenDie Beschäftigung mit den seit dem 19. Jh. als Bohème bezeichneten antibürgerlichen Künstlermilieus besitzt derzeit Konjunktur. Zum einen werden Bohème-Klassiker in Literatur und Film adaptiert wie Aki Kaurismäkis Film -Das Leben der Bohème- (1992) nach Henry Murgers Roman (1851), Joachim Lottmanns -Der Geldkomplex- (2009) nach Franziska von Reventlow’ gleichnamigem Vorbild (1916) und es finden Editionen und Übersetzungen z.B. von Erich Mühsams Tagebüchern (1910-1914/2011) oder Théophile Gautiers Roman Die Jeunes-France (1833/2011) statt.
Darüber hinaus findet der Bezug auf die Bohème auch im Feuilleton und in anderen Zusammenhängen breite Anwendung. Die Rede von einer -digitalen Bohème- (Sascha Lobo, Kathrin Passig u.a.) und Richard Floridas These von der -creative class- stellen zwei Beispiele für einflussreiche Diskurse dar, die das zeitgenössische Künstlerleben in neue Kontexte stellen. Wurden Bohémiens im 19. Jh. sozial und ökonomisch vor allem mit einem prekären Außenseiterstatus und der skeptischen Haltung gegenüber den Massenmedien verbunden, mehren sich gegenwärtig Befunde, die die Vorbildfunktion des bohemischen Lebensstils für die Massenkultur und den Einfluss der Kreativmilieus auf die Wirtschaft betonen.
Im Seminar werden literarische und mediale Darstellungen der Bohème vom 19.-21. Jahrhundert analysiert. Als theoretische Grundlage und kritischer Horizont für die literatur-, kultur- und mediengeschichtlichen Perspektiven dienen zeitgenössische Thesen, die von einem gesellschaftlichen Wandel des Künstlerbildes von der -Exklusivfigur- (Reckwitz) zum -Rollenmodell- (Bezzola) für den gesellschaftlichen Mainstream ausgehen.
Bezzola, Tobia (1996): Massenboheme. Das Lächeln der Beatles und das Schweigen von Marcel Duchamp. In: Kunstforum International (134), S. 177–182.
Reckwitz, Andreas (2010): Vom Künstlermythos zur Normalisierung kreativer Prozesse: Der Beitrag des Kunstfeldes zur Genese des Kreativsubjekts. In: Christoph Menke und Juliane Rebentisch (Hg.): Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus. Berlin: Kulturverl. Kadmos (Kaleidogramme, 67), S. 98–117.
Stanitzek, Georg (2010): Die Bohème als Bildungsmilieu. Zur Struktur eines Soziotopos. In: Soziale Systeme 16 (2), S. 404–418.
Wilson, Elizabeth (1999): The Bohemianization of Mass Culture. In: International Journal of Cultural Studies Bd. 2 (1), S. 11–32.
Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I
Universität Siegen
WiSe 2013/14
M.A.
Pöppel Nicole M.A