Uni-Hannover
14. März 2017Zeiten des Dramas
Die zeitliche Ausdehnung ist eine der wesentlichen Dimensionen des Dramas und ist bereits von Aristoteles als relevanter poetologischer Faktor benannt worden. In den dichtungstheoretischen Überlegungen der Renaissance und des französischen Klassizismus wurden diese vage gehaltenen Äußerungen im Rahmen der Theorie...
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Jetzt Lernplan erstellenDie zeitliche Ausdehnung ist eine der wesentlichen Dimensionen des Dramas und ist bereits von Aristoteles als relevanter poetologischer Faktor benannt worden. In den dichtungstheoretischen Überlegungen der Renaissance und des französischen Klassizismus wurden diese vage gehaltenen Äußerungen im Rahmen der Theorie der Einheiten ausgebaut, systematisiert und zu verbindlichen produktionsästhetischen Vorgaben erklärt. Gottsched bestätigte die Verbindlichkeit dieser Vorschrift auch für den deutschsprachigen Raum, von Lessing wurde sie in Frage gestellt und angesichts der zunehmenden Bedeutung der Shakespeare-Tradition sukzessive in den Hintergrund gedrängt. Die theatertheoretisch grundlegenden Auseinandersetzungen um ‚offene‘ und ‚geschlossene‘ Form machen aber nachdrücklich geltend, dass das Drama als literarische Kunstform mit seinen spezifischen ästhetischen Mitteln Eigenzeiten ausprägten, die sich zur Zeit der dargestellten Handlung und zur Zeit der Aufführung in ein Verhältnis setzen. Gerade das moderne Drama und das postdramatische Theater haben denn auch ‚Zeit‘ besonders nachdrücklich formal und inhaltlich zum Gegenstand gemacht.
Das Forschungskolloquium stellt sich die Aufgabe, diese dramengeschichtlichen, dramenästhetischen und formsemantischen Fragestellungen, die gerade im Vergleich zur Narratologie von der Dramenforschung erstaunlich wenig beachtet wurden, zu diskutieren und sie in einer zugleich kultur- und wissensgeschichtlichen Perspektive zu erschließen. Dadurch kommen neben expliziten Äußerungen zu Zeit und Geschichte in den Dramen auch sekundäre Phänomene der Zeitlichkeit wie Langeweile, Geschwindigkeit, Beschleunigung/Entschleunigung etc. in den Blick. Kombiniert wird diese inhaltliche Untersuchung mit der Analyse der dramatischen Zeit-Ökonomie, die sich für die formale Organisation von Zeit durch die dramatisierte Handlung interessiert und Variationen von Rhythmus und Geschwindigkeit hinsichtlich der Ebenen von Stück, Akt, Auftritt/Szene betrachtet und diese formalen Elemente mit den verhandelten Inhalten in Bezug setzt.
Wie im Forschungskolloquium üblich, soll die umrissene Thematik durch eigene Textlektüre und -diskussion sowie durch Vorträge von einschlägigen Expertinnen und Experten erschlossen werden.
Hans-Thies Lehmann: Postdramatisches Theater [1999], 5. Aufl., Frankfurt a.M. 2011, 309-360.
Franz H. Link: Dramaturgie der Zeit, Freiburg i. Br. 1977.
Peter Pütz: Die Zeit im Drama. Zur Technik dramatischer Spannung, Göttingen 1970.
Darstellendes Spiel, Master LA Gymnasium
Teilnehmerzahl: 30.
Universität Hannover
WiSe 2015/16
Deutsch, Master LbS
Prof. Dr.
Gamper Michael