In Bildungseinrichtungen sollen Kinder lernen selber zu lernen!
Veröffentlicht am: in der Kategorie: Besser Lernen
Diese Seite ist entstanden, weil mir niemand in der Schule beigebracht hat, wie ich lernen kann. Ich habe zwar selbst gelernt wie ich lernen kann, aber das ist erst im Studium passiert. Genau dieses Thema wird in dem Gespräch hier fortgeführt.
Aber erstaunlich ist etwas, was Sie sagen. Dass Sie sehr modern formulieren, das erinnert mich an uralten Gedanken: schon vor zweihundert Jahren hat Wilhelm von Humboldt im Grunde genommen sehr ähnliche Gedanken über Bildung gehabt. Also Humboldt ist ja derjenige, mit dem unser Bildungsbegriff am stärksten verknüpft ist. Und da gibt es schon bei Humboldt genau die gleiche Vorstellung, Das Bildung nicht etwas ist, was ich in Form von Wissensstapeln ablagere, Kinder sind keine Aktenordner, Kinder sind keine Fässer die man füllen muss und dann anschließend sagen kann wenn er voll ist, dann ist es jetzt zureichend gebildet, sondern dahinter stand ja immer die Vorstellung, Bildung ist Anleitung zur Selbstbildung. Also für Humboldt war ein zentrales Kredo seiner Bildungsreform damals zu sagen: „Die Kinder sollen lernen selber zu lernen", und erst wenn ich selber lernen kann, findet überhaupt erst ein Bildungsprozess statt. Das sind Erkenntnisse, die schon sehr alt sind. Trotzdem ist es nicht geglückt, dieses Bildungskonzept über die Jahrhunderte mit Leben zu füllen. Das blieb eigentlich immer eine schöne Idee aber es fand sich in der Schulpraxis des neunzehnten und des zwanzigsten Jahrhunderts bis in die Gegenwart eigentlich nicht wieder.
GH: Das ist relativ einfach. Solche gebildete hat man neunzehnten und im zwanzigsten Jahrhundert in Wirklichkeit nicht gebraucht. Jedenfalls nicht sehr viele. Ein paar haben das mit Privatlehrern Hingekriegt, die haben auch gereicht, aber auf der breiten Ebene hat man die nicht gebraucht. Im neunzehnten Jahrhundert, das ist das Maschinenzeitalter, da hat man Leute gebraucht, die gut funktioniert haben, die das gemacht haben, was man ihnen gesagt hat. Die also gut benutzbar, gut einsetzbar, wie man das heute sagt - auf Neudeutsch Human-Ressources, die man irgendwie noch ausnutzen kann. Vielleicht ist dieses Zeitalter jetzt vorbei. Vielleicht ist dieses Zeitalter der Ressourcennutzung vorbei.
RDP: Ich würde gerne mit Ihnen über das Zeitalter sprechen, aber vorher fällt mir noch ein zweiter Grund des Scheiterns ein. Also der eine Grund war, wie Sie es sagen, man hat diese gebildete Bevölkerung nicht wirklich haben wollen und schon gar nicht diese gebildete Bevölkerung die nicht nach Vorschrift gebildet ist, sondern nach sich selbst gegebenen Regeln und kreierten Vorschriften. Und dann denken wir mal an den preussischen Obrigkeitsstatus des neunzehnten Jahrhunderts, in dem dieses Bildungswesen sich entwickelt hat.
GH: Denken Sie an so einen Begriff wie Neugier, das ist ein negatives Wort das man benutzt, um das schönste zu bezeichnen, was ein Kind mit sich auf die Welt mitbringt, nämlich Entdeckerfreude.
RDP: Wo das ekelhafte Wort GIER drin steckt, das negativ befrachtet ist.
GH. Genau, das passt nicht ins System und so wenig hat das humbildtsche oder dass reformpädagogische Konzept in diese Gesellschaft hineingepasst.
RDP: Und da sind sie eigentlich schon an dem zweiten Punkt. Wenn man sich fragt, woran ist Humboldt gescheitert, Humboldt hatte nach der Niederlage der Preussen gegen Napoleon genau vierzehn Monate Zeit. Danach ist er vom Amt des preussischen Bildungsministers zurückgetreten. Vierzehn Monate Zeit einen Staat in dem der Adel regierte und die Kirche, in eine bürgerliche Gesellschaft zu transformieren. Und sich ein neues Curriculum auszudenken, zu überlegen was ist das für ein Land in dem jeder in die Schule gehen kann, in dem es einen Elementarunterricht für die Bauernkinder gibt. Das war das eine. Ein wahnsinnig ambitioniertes Projekt für die damalige Zeit. Humboldt war in seiner Beruflichen Bahn kein Politiker gewesen und war vierzig Jahre alt, als man ihm überraschend quasi antrug diese Reform zu tun. Er war vierzehn Monate im Amt und hat fürchterlich darunter gelitten, dass man das Bildungsministerium gar nicht ernst nahm. Das ist übrigens bis heute noch geblieben. Diese Eigentümlichkeit der Deutschen, das Bildungsministerium so gering zu schätzen, mit wenig Kompetenzen auszustatten gab es schon zu Humboldts Zeiten. Humboldt war dem Finanzminister unterstellt gewesen mit seinem Bildungsministerium. Und er hat versucht Menschen für eine zukünftige bürgerliche Gesellschaft hervorzubringen. Aber er müsste bereits an solche Menschen appellieren, oder aber solche Menschen bereits voraussetzen damit die Reform gelingen konnte. Denn die Leute mit denen er über diese zukünftige, bürgerliche Gesellschaft sprach, das war der Adel zum Beispiel oder das waren die Jesuitenschulen, die dachten, was ist unsere Bildung noch wert, wenn jeder sie kriegt?
Vorher waren das Exklusivrechte. Und dieses Große Problem, dass man die Kinder, die Menschen die man hervorbringen will, bereits voraussetzen muss, um diese Reform machen zu können, dieses Problem - das Humboldt-Dilemma haben wir auch noch heute.
GH: Das haben wir heute, und auch heute noch haben wir dieses Problem, dass wir im Augenblick auch gar nicht wissen wofür wir unsere Kinder bilden wollen. Die Frage wird doch gar nicht richtig gestellt. Was wir im Augenblick in der Schule machen ist Ausbildung. Da wird Wissen, sich angeeignet. Bildung ist doch viel mehr. Das hat der Humboldt auch schon gewusst. Da gehört dazu so was wie Herzensbildung dazu, da gehört so was dazu, dass man gute Beziehung zu sich selbst, auch zu seinem eigenen Körper hat, sonst kann man ja gar nicht in eine gute Beziehung zu jemand anders treten.
RDP: Da war man allerdings, muss man zugeben, im achtzehnten Jahrhundert damals noch nicht so weit. Außer ein bisschen Gymnastik stand da nichts auf dem Stundenplan. Die ganze Aufklärung war in ihrer Tendenz leibfeindlich. Es ging darum den Geist, die Vernunft, entsprechend freizusetzen. Die bürgerliche Gesellschaft war in ihrer ganzen Körpermoral sehr ängstlich. Und deswegen hat es im Grunde genommen immer nur Bildungspläne gegeben, die Kinder rein als Köpfe betrachtet haben und nicht als Körper. Aber das zum Lernen ein Körper gehört, eine Sensibilität für den Körper, dass Stillsitzen in der Schule nicht die optimale Voraussetzung ist, um seinen Geist wachzuhalten, all diese Dinge waren nicht das Wissen des achtzehnten Jahrhunderts, sondern das Wissen der heutigen Zeit. Aber trotzdem müssen die Kinder immer noch stillsitzen in der Schule. Und außer einem Alibisportuntericht wird in der Regel, in allermeisten Schulen, auch für das Körperliche eigentlich gar nichts angeboten. Das heißt, wir behandeln die Kinder nicht als ob wir Kinder unterrichteten sondern als Gehirne, als Köpfe.